Wandern die Banken ab? Brexit-Angst am Finanzplatz London

Londons Status als Europas Finanzhauptstadt wackelt vor der Abstimmung am Donnerstag: Es geht um einen zweistelligen Milliardenbetrag, den die Finanzindustrie jährlich an das königliche Schatzamt überweist.
Blick auf den Finanzdistrikt der Londoner City: Die Debatte über die Auswirkungen eines Brexits auf den britischen Finanzplatz geht weiter. Eine wahrscheinliche Abwanderung von Banken nach einem Ausscheiden aus der EU wäre nicht nur für London, sondern auch für ganz Großbritannien ein Problem. Quelle: dpa
London - financial district

Blick auf den Finanzdistrikt der Londoner City: Die Debatte über die Auswirkungen eines Brexits auf den britischen Finanzplatz geht weiter. Eine wahrscheinliche Abwanderung von Banken nach einem Ausscheiden aus der EU wäre nicht nur für London, sondern auch für ganz Großbritannien ein Problem.

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LondonStimmen die Briten beim Referendum am Donnerstag gegen einen Verbleib in der Europäischen Union, droht dem billionenschweren Euro-Handel an der Themse das Ende. „Bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU können die Behörden der Euro-Zone nicht länger tolerieren, dass ein großer Anteil von Finanztransaktionen im Ausland abgewickelt wird“, betont Christian Noyer, ehemaliger Vize der Europäischen Zentralbank (EZB).

„Für die Mitglieder der Euro-Zone ist es bereits jetzt schwer zu akzeptieren, dass unsere Währung zum Großteil außerhalb der Währungsgemeinschaft und damit außerhalb der Kontrolle der EZB gehandelt wird“, schreibt der frühere französische Notenbankchef in einem Beitrag für die Denkfabrik OMFIF.

 „Es wäre außergewöhnlich, wenn die EZB zulassen würde, dass ihr Geld weiterhin außerhalb ihrer Kontrolle gehandelt wird“, assistiert Graham Bishop, ein Berater in Fragen der Finanzmarkt-Regulierung. Diese Ansicht teilt auch Nicholas Vernon, Experte für die Finanzdienstleistungsbranche bei der Denkfabrik Bruegel. Der Status Quo sei zwar durch die europäischen Verträge gedeckt. „Wenn der EU-Rahmen aber nicht mehr vorhanden ist, kann diese Sonderrolle nicht mehr aufrechterhalten werden.“

Wer für den EU-Austritt kämpft und wer dagegen
Kontra Austritt: David Cameron
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- 49, britischer Premierminister
- „Selbstzerstörung“, „Isolationismus“, „Risiko“ – die politische Führung in Großbritannien mahnt eindringlich vor einem Austritt aus der EU. Premierminister Cameron wird nicht müde, die Tragweite dieser Abstimmung zu betonen. „Dies ist auch eine Entscheidung über unseren Platz in der Welt“, so der Chef der konservativen Partei. „Darüber, wie wir die Sicherheit unseres Landes gewährleisten, wie Großbritannien Dinge in Europa und weltweit erreichen kann, statt einfach eine von anderen diktierte Welt zu akzeptieren.“

Pro Austritt: Boris Johnson
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- 51, Bürgermeister von London von Mai 2008 bis Mai 2016 (Conservatives)
- Die Europäische Union strebe einen Superstaat an, sagte Johnson jüngst in einem Interview mit „The Sunday Telegraph“ – ähnliche Tendenzen habe es in der Vergangenheit bereits gegeben. „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben es versucht, und es endet tragisch. Die EU ist ein Versuch, dies auf verschiedene Weisen zu tun.“

Kontra Austritt: George Osborne
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- 45, britischer Finanzminister
- „George Osborne warnt vor Brexit“ – Schlagzeilen dieser Art gab es in den weltweiten Gazetten zuletzt häufiger zu lesen. Der britische Finanzminister gehört zu den vehementesten Befürwortern eines Verbleibs in der EU. Konjunktureinbruch und Abschwung seien wahrscheinlich, sollte Großbritannien mit „leave“ stimmen. „Das britische Volk muss sich diese Frage selbst stellen. Können wir bewusst für eine Rezession stimmen?“, so Osborne. Schließlich würde ein Votum für den Austritt einen „sofortigen und heftigen Schock“ auslösen – das britische BIP würde sich bis zum Jahr 2030 um sechs Prozent verringern.

Pro Austritt: Nigel Farage
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- 52, UKIP-Parteichef
- Einer der Hauptakteure im Kampf gegen den Verbleib in der EU: Kaum jemand hat sich so öffentlichkeitswirksam für einen Brexit eingesetzt wie Nigel Farage. Der Chef der EU-skeptischen UKIP befindet sich seit Monaten im Wahlkampfmodus. „Ich kann die Unentschlossenen überzeugen. Ich bin die Stimme, die sie umschwenken kann.“

Kontra Austritt: Barack Obama
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- 54, Präsident der Vereinigten Staaten
- Gemeinsam mit David Cameron hat sich Obama für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. „Großbritannien ist immer am besten, wenn es dabei hilft, ein starkes Europa zu führen“, so der US-Präsident. In einem Gastbeitrag für die Zeitung „The Telegraph“ schrieb er zudem: „Die USA und die Welt brauchen weiterhin den verstärkten Einfluss Großbritanniens – auch innerhalb der EU.“

Pro Austritt: Michael Gove
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- 48, seit 2015 Justizminister (Conservatives)
- „Ich denke, unser Land wäre außerhalb der Europäischen Union freier, fairer und besser. Der Euro hat eine wirtschaftliche Krise ausgelöst, Regulierung zu massenhafter Arbeitslosigkeit geführt. Die EU-Migrationspolitik hat Menschenhändler ermutigt und verzweifelte Flüchtlinge an unsere Grenzen gebracht.“

Kontra Austritt: Sadiq Khan
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- 45, neuer Londoner Bürgermeister
- Kurz nach seinem Amtsantritt erklärte Sadiq Khan, er wolle Premier David Cameron durch aktiven Wahlkampf für einen Verbleib in der EU unterstützen. „Hier in London sehe ich mehr als eine halbe Million Jobs, die direkt von der EU abhängen“, so der neue Bürgermeister der Hauptstadt.

Von den aktiven Notenbankern würde es wohl keiner öffentlich zugeben - das Thema ist schließlich politisch heikel. Hinter vorgehaltener Hand sehen sie es aber genauso. Es wäre die Gelegenheit, einen Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung zu korrigieren.

Dabei ist der klassische Devisenhandel - also der Tausch von Euro in Dollar oder Franken - nicht das eigentliche Problem. Wichtiger und vom Volumen viel umfangreicher sind die Termingeschäfte darum herum. Der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zufolge werden mehr als die Hälfte der weltweiten Zinsterminkontrakte im Gesamtvolumen von jährlich 435 Billionen Dollar (383 Billionen Euro) über LCH.Clearnet, eine Tochter der Londoner Börse LSE, abgewickelt. Das ist mehr als das Fünffache der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Die EZB möchte die Abwicklung dieser und anderer Geschäfte mit Währungsderivaten unter ihrer Aufsicht haben. Denn nur so erhält sie Einblicke in die Kontrakte und hat die Chance, mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Sonst muss sie sich wie nach der Finanzkrise von 2008 darauf beschränken, mit Not-Maßnahmen Schlimmeres zu verhindern.

Die Argumente der Brexit-Befürworter
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