Brighton Beach in New York Zerrissen zwischen Moskau und Kiew

Im Südosten von New York, weitab aller Touristenpfade, liegt Brighton Beach. Viele Bewohner der früheren Sowjetunion zogen hierher, im Viertel wird Russisch gesprochen, alles schien harmonisch – bis zum Ukraine-Konflikt.
„Willkommen in Brighton Beach – Klein-Russland am Meer“, wirbt dieses Schild. Quelle: dpa
Brighton Beach in New York

„Willkommen in Brighton Beach – Klein-Russland am Meer“, wirbt dieses Schild.

(Foto: dpa)

New YorkUnter der Endstation einer ratternden Hochbahn ganz im Südosten von New York City liegt Brighton Beach. Hinter der Bahnstrecke schwappt der Atlantik an die Küste, im Sommer klingen quietschendes Kinderlachen und Wasserplanschen durch das Viertel, es riecht nach Sonnenmilch und Salzwasser. Touristen kommen nur selten hierher, zu den Hochhäusern Manhattans braucht die Bahn etwa eine Stunde. Außerhalb der Badesaison haben die Einwohner ihr Brighton Beach für sich. Dann wird zumeist Russisch gesprochen, denn fast jeder hier stammt aus der früheren Sowjetunion.

Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich unter der Hochbahn auf der Brighton Beach Avenue aneinander. „Kalinka Gifts“, „Eugenias Corset Shop“, „Paris Moda“ und der „St. Petersburg Bookstore“, fast alle Angebote werden in kyrillischen Buchstaben angepriesen. „Man fühlt sich hier in dieser Gegend nicht in Amerika, um ehrlich zu sein“, sagt Alina, die in einem Kleidungsladen arbeitet. „Es ist eigentlich eher wie in Russland.“ Er stamme aus Aserbaidschan, sagt ein Kunde. „Amerika gefällt mir besser. In der Sowjetunion hatte ich kein Geld, keine Arbeit, nur Hunger.“

Einst war Brighton Beach mit seinem hölzernen Boardwalk ein Seebad vor den Toren New Yorks nach dem Vorbild des britischen Brighton. Die Marx Brothers und Fred Astaire vergnügten sich hier, es gab Rennbahnen und Theater. Dann wurde es zum eng bebauten Wohnviertel und per Bahn an die Millionenmetropole angeschlossen.

Wie russische Soldaten zum Kult werden
Soldaten ohne Hoheitsabzeichen
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Im März 2014 waren auf der ukrainischen Halbinsel Krim plötzlich Soldaten ohne nationales Hoheitsabzeichen aufgetaucht und stellten den Westen und Kiew damit vor vollendete Tatsachen. Erst kürzlich hat der russische Präsident Wladimir Putin im russischen Staatsfernsehen bestätigt, was zu Anfang nur Vermutung war: Er gab den Befehl zur Eroberung der Krim.

„Höfliche Menschen“
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In Russland nennt man die Soldaten in den ungekennzeichneten grünen Kampfanzügen nur „höfliche Menschen“. Der Begriff wurde geprägt durch russische Staatsmedien, die statt von bewaffneten Maskierten auf der Krim lieber von „höflichen Menschen“ sprach.

Für 17 Euro zu haben
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Die T-Shirts werden von der russischen Jugendmarke „Anyavanya“ hergestellt und kosten 1200 Rubel, umgerechnet 17 Euro. Verkauft werden sie unter anderem als Souvenir auf der Krim und in Russlands größtem Einkaufszentrum, dem GUM in Moskau.

Putin der „Höflichste“
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Neben Aufdrucken mit Soldaten zeigen die „Anyavanya“-Motive auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin, hier mit der Unterschrift: „der höflichste aller Menschen“. Ein anderes T-Shirt zeigt Putin mit Hawaiihemd und Cocktail in der Hand. Darunter ist zu lesen: „Greetings from Crimea“.

Judo mit Obama
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Wieder ein anderes T-Shirt bildet Putin offenbar im Judokampf mit US-Präsident Barack Obama ab. Darunter der Text: „Unsere Antwort auf die Sanktionen“.

Für alle Altersklassen
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Der Designer der T-Shirts sagte der russischen Zeitung „Komsomolskaja Prawda“, es gebe derzeit sehr viele Bestellungen aus dem Ausland. „Das kann eine 18-Jährige sein, aber auch eine 55-jährige Rentnerin.“

Auch Tassen verfügbar
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Nicht nur T-Shirts, auch Tassen gibt es in Russland mit dem Aufdruck „höfliche Menschen“. Der Begriff hat sich zu einem popkulturellen Phänomen entwickelt. Bei der Vorstellung der T-Shirts im Moskauer Kaufhaus GUM waren auch Prominente aus dem russischen Showbusiness anwesend.

Während der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich hauptsächlich jüdische Immigranten in Brighton Beach an. Der Zerfall der Sowjetunion brachte neuen Zuzug, darunter viele Juden aus dem ukrainischen Odessa, was dem Viertel den Spitznamen „Little Odessa“ einbrachte. Danach kamen viele Einwanderer aus Russland und anderen Teilen der früheren Sowjetunion. Rund ein Drittel der Bewohner des Viertels spricht auch heute kein Englisch.

Brighton Beach ist wie ein großes soziales Experiment. Trotz der zahlreichen Konflikte in der Heimatregion blieb es in dem Viertel stets friedlich und harmonisch. Aber der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine macht sich inzwischen auch hier bemerkbar, die Krise ist im Alltag von Brighton Beach angekommen. So wie bei Marina aus Usbekistan, die einen kleinen Kiosk in einem Hausflur betreibt, von dem aus Menschen Geld verschicken können. „Eine ganze Menge meiner Kunden kommen aus der Ukraine und Russland. Jeder verschickt Geld an jeden. Nur auf die Krim schicken wir nichts, wir wissen ja nicht einmal, ob es Russland oder Ukraine ist.“

Yelena Akthiorskaya kam 1992 mit ihren Eltern nach Brighton Beach. Drei Jahre zuvor waren bereits ihre Großeltern eingewandert. Ihre Erfahrungen hat die 28-Jährige in dem 2014 erschienenen Roman „Panic In A Suitcase“ verarbeitet. „Ich habe das Buch geschrieben, weil ich diese absurde Situation, in der ich aufgewachsen bin, verarbeiten musste“, erzählt Akthiorskaya, die inzwischen in Manhattan wohnt, aber fast jedes Wochenende ihre Eltern in Brighton Beach besucht. „Es ist schizophren, hier Immigrant zu sein. Du bist in einem neuen Land, aber du bist gar nicht richtig im Land, weil es nicht wirklich Amerika ist.“

„Ich wuchs in einer Art Ghetto auf“
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