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Bruno Le Maire Frankreichs Finanzminister kämpft beharrlich gegen die Krise – und hegt Ambitionen auf mehr

Le Maires gesamtes Berufsleben hat sich in der Politik abgespielt, in Frankreich gehört er zu den Politikern mit dem größten Potenzial. Doch ihm fehlt es an Charisma.
06.09.2020 - 17:30 Uhr Kommentieren
Wenn der 51-Jährige ein politisches Ziel verfolgt, dann lässt er nicht mehr locker. Quelle: dpa
Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire

Wenn der 51-Jährige ein politisches Ziel verfolgt, dann lässt er nicht mehr locker.

(Foto: dpa)

Paris Bruno Le Maire weiß, dass Psychologie die Hälfte des wirtschaftlichen Erfolgs ausmacht. „Die Franzosen werden ihr Geld nur ausgeben, wenn sie Vertrauen in die politische Orientierung der Regierung haben“, sagt er. Und deshalb zieht Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister seit Tagen durchs Land und wirbt für das 100 Milliarden Euro schwere Programm, mit dem die französische Regierung die Folgen der Coronakrise abmildern will.

Eine Senkung der Mehrwertsteuer wie in Deutschland hält Le Maire für überholt. 100 Milliarden Euro hätten die französischen Privathaushalte im Sparstrumpf, rechnet er vor. Die gelte es nachfragewirksam zu machen. Das sei viel sinnvoller, als den Staat durch eine Senkung der Mehrwertsteuer in noch höhere Schulden zu treiben.

Das emsige Werben des Ministers, der seit der letzten Regierungsumbildung offiziell auch für „die wirtschaftliche Belebung“ zuständig ist zeigt, dass man ihn vor allem mit diesen beiden Charakterzügen beschreiben kann: Er ist fleißig und beharrlich. Le Maires gesamtes Berufsleben hat sich in der Politik abgespielt, in Frankreich gehört er zu den Politikern mit dem größten Potenzial.

Wenn der 51-Jährige aus Neuilly-sur-Seine, der reichsten Gemeinde Frankreichs, ein politisches Ziel verfolgt, dann lässt er nicht mehr locker. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat das als Vorsitzender der Euro-Gruppe kürzlich erst in den Verhandlungen über ein Budget für die Euro-Zone erlebt: Le Maire musste zwar viel nachgeben, doch am Ende hatte er sein Budget. Mit seinem US-Kollegen Steven Mnuchin einigte Le Maire sich über die Besteuerung digitaler Geschäfte und der Giganten des Internets, doch US-Präsident Donald Trump zwang Mnuchin zum Rückzug.

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    Le Maire hat Abschlüsse von gleich drei Eliteschulen, darunter die prestigeträchtige Ecole Nationale d’Administration (ENA). In Straßburg lernt man, diszipliniert zu arbeiten. So tingelte er als Kandidat während der Vorwahl der Konservativen für die Präsidentschaftskandidatur durch das ganze Land. Seine Vorschläge fasste er in einem tausendseitigen Kompendium zusammen. Dennoch errang er nur 2,4 Prozent der Stimmen.

    Seitdem gilt er für französische Journalisten als Mann ohne politische Zukunft. Sie halten ihn für zu steif, er strahle zu sehr den Musterschüler aus, als dass er eine große Zahl von Wählern hinter sich scharen könnte.

    Ein Stück weit fehlt „BLM“ das Geniehafte

    Allerdings sind französische Beobachter verwöhnt. Für deutsche Verhältnisse ist Le Maire eine Ausnahmeerscheinung: Aus dem Stegreif kann er perfekt formulierte Reden halten. Bei einem Auftritt vor deutschen Unternehmern im vergangenen Jahr erhielt er stehende Ovationen. Die meiste Zeit redete der Minister auf Deutsch.  Doch für die französische Arena fehlt ihm ein Stück weit das Geniehafte, das seinen Chef Emmanuel Macron auszeichnet, der Mut, gegen den Rat aller Experten sein Glück zu versuchen. Der hochgewachsene, schlanke, stets tadellos gekleidete Le Maire ist eine elegante Erscheinung, doch wirkliches Charisma strahlt er nicht aus.

    Um es in Frankreich ganz nach vorn zu schaffen, braucht man die Gabe, neue oder zumindest neu wirkende Ideen mit funkelnden Worten rüberzubringen. Das ist nicht die Stärke von „BLM“, wie er auch genannt wird.

    Viel gelernt hat er als enger Mitarbeiter des konservativen Außen- und späteren Premierministers Dominique de Villepin. Über dessen mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer abgestimmten Widerstand gegen den Irak-Krieg hat er einen Schlüsselroman geschrieben. In der französischen Öffentlichkeit blieb davon lediglich eine erotische Szene hängen, zu der ihn seine Frau Pauline Doussau de Bazignan inspiriert haben soll. Sie ist als Künstlerin erfolgreich, tritt in der Öffentlichkeit aber kaum auf. Das Paar hat vier Kinder.

    Le Maire schreibt viel, was sich für französische Politiker so gehört. Anders als die meisten seiner Kollegen aber zeigt er dabei Talent, eine präzise Beobachtungsgabe und Witz.

    Die Erfahrung, dass die USA während des Irak-Krieges Europa spalten konnten, hat Le Maire geprägt. Für ihn muss die EU mehr sein als ein Binnenmarkt und eine gemeinsame Währung, nämlich eine politische Macht, dazu fähig, den USA und China notfalls die Stirn zu bieten. Um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit, die nationale Souveränität nicht mehr als höchstes Gut anzusehen.

    In seinem jüngsten Buch „Le Nouvel Empire“ („Das neue Reich“) tritt Le Maire für „eine europäische Souveränität“ ein, die „national und gemeinschaftlich, gemeinschaftlich und national“ sein werde. Frankreichs Aufgabe sei es dabei, das „politische Gewissen“ zu spielen. Le Maire ist überzeugt, dass es in Europa nicht ohne Frankreich und Deutschland geht.

    So verwundert es nicht, dass er am 11. September wieder in Berlin sein wird, um mit der Bundesregierung über gemeinsame Projekte bei Batterien für E-Autos und grünen Wasserstoff zu sprechen. In seinen Büchern zitiert Le Maire auch gerne deutsche Autoren wie Theodor Fontane. Das zeugt davon, dass er Deutschland viel besser kennt als die meisten seiner Kollegen.

    Doch ein naiver Bewunderer der Bundesrepublik ist er keineswegs: Er kann durchaus aus der Haut fahren, wenn man französische Erfolge seiner Ansicht nach nicht gebührend zur Kenntnis nimmt: „In jüngster Zeit hatten wir teils ein höheres Wirtschaftswachstum als die Bundesrepublik – das wird ignoriert; aber wenn Frankreich schwächer ist als Deutschland, dann sitzen wir angeblich in einem tiefen Loch“, schimpfte er am vergangenen Mittwoch, als es bei der Vorstellung des Konjunkturprogramms kritische Fragen gab.

    Ambitionen auf das höchste Amt

    Frankreichs wirtschaftliche Lage schätzt er aber realistisch ein und er geht ohne Schönfärbereit die eigenen Schwächen an: „Seit Jahrzehnten ruhen wir uns auf unseren Lorbeeren aus, statt neue Branchen, neue Aktivitäten zu entwickeln, dabei haben wir außer Luxus, Luftfahrt, Landwirtschaft und Pharma nichts mehr zu bieten“, sagte er vergangene Woche.

    Der Spross aus der oberen Mittelschicht träumt nicht von einem „französischen Europa“, wie manche seiner konservativen Freunde, aber er ackert für ein Frankreich, das wirtschaftlich wieder stärker wird. Sich Emmanuel Macron  anzuschließen war so gesehen eine logische Konsequenz, denn Europa ist der Anker für Macrons politische Philosophie.

    2017 wechselte Le Maire als einer der ersten Konservativen in das Lager des  Staatspräsidenten. Wie stets bei dem ehrgeizigen Le Maire spielte das Kalkül mit: Die Konservativen lagen 2017 am Boden, und nach ein paar Jahren Macron erhofft Le Maire für sich selbst eine neue Chance, als Mann der Mitte nach dem höchsten Amt zu greifen. Sein Ziel hat er nicht aus den Augen verloren.

    Mehr: Le Maire im Interview: „Die Zukunft der EU als politischer Kontinent, als Wirtschaftsmacht steht auf dem Spiel“

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