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Buch „Capital et idéologie“ Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte

Der französische Ökonom Thomas Piketty will den Kapitalismus überwinden – mit Mitteln der sozialen Marktwirtschaft. Damit nimmt er auf kein politisches Lager Rücksicht.
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„Capital et idéologie“ heißt das Werk, das der Franzose selbst als „Fortsetzung von ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘ “ sieht. Quelle: dpa
Ökonom Thomas Piketty

„Capital et idéologie“ heißt das Werk, das der Franzose selbst als „Fortsetzung von ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘ “ sieht.

(Foto: dpa)

Paris Man muss wohl unbeugsamer Gallier sein oder Idealist oder beides, um wie Thomas Piketty im September 2019 sagen zu können: „Ich denke, dass eine langfristige Bewegung hin zu einem demokratischen Sozialismus im Gange ist.“

Die Wahlergebnisse von Sozialdemokraten stützen die These des französischen Ökonomen nicht unbedingt. Aber Piketty ist Gallier und dazu noch Idealist. Deshalb schleudert er einen neuen Hinkelstein ins globale Dorf – in Form eines Buch mit 1.200 Seiten, dessen erklärtes Ziel es ist, „die gerechte Gesellschaft“ ein Stück näher zu bringen.

„Capital et idéologie“ heißt das Werk, das der Autor selber als „Fortsetzung von ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘ “ sieht. Am Donnerstag kommt es in Frankreich in den Buchhandel, am 11. März 2020 folgt eine deutsche Ausgabe. Zweieinhalb Millionen Exemplare hat Piketty von dem Vorgänger verkauft, ist zu einem der seltenen Ökonomen mit öffentlicher Wirkung geworden.

Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Bestseller

2,5

Millionen

Exemplare hat Thomas Piketty von seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ verkauft. (Quelle: HB-Recherche)

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

Ausdrücklich verteidigt er das Privateigentum an Unternehmen, das sei notwendig, „um eigene Träume und Projekte zu verwirklichen“. Positiv bezieht er sich auf den liberalen Philosophen John Rawls. Für Pikettys intellektuelle Geradlinigkeit, die keine Rücksicht auf linke oder rechte Freunde und Befindlichkeiten nimmt, muss man dem Ökonomen alle Anerkennung zollen.

Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.

Mehr: Die gesellschaftliche Spaltung wächst, der Kapitalismus steckt in der Krise. Der Lösungsvorschlag des Oxford-Ökonomen Paul Collier: mehr Menschlichkeit.

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