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Bürgerkrieg Die Türkei sitzt in Syrien am kürzeren Hebel

Der Türkei gehen in Syrien allmählich die Optionen aus. Ankara muss sich bald beugen. Die Folgen spürt ein EU-Mitglied schon jetzt.
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Syriens Regierung will nach dem Vormarsch ihrer Truppen im letzten großen Rebellengebiet eingekesselten Zivilisten den Abzug gestatten. Quelle: dpa
Blick auf die Stadt Chan Schaichun

Syriens Regierung will nach dem Vormarsch ihrer Truppen im letzten großen Rebellengebiet eingekesselten Zivilisten den Abzug gestatten.

(Foto: dpa)

Istanbul Hat sich die Türkei in Syrien verzockt? An diesem Freitag sieht es danach aus. Für die letzte umkämpfte Region Idlib im Nordwesten des Landes hatte Ankara vor einem Jahr noch einen Waffenstillstand ausgehandelt. Um die Vereinbarung zu untermauern, setzte das türkische Militär zwölf Beobachtungsposten in die Region.

In der Nacht auf Freitag ist einer von ihnen, Nummer neun, komplett von syrischen Truppen umzingelt worden. Im Internet kursieren Fotos und Videos von syrischen Soldaten, die einen Steinwurf von den türkischen Truppen entfernt in strategisch wichtige Städte marschieren. Ein syrischer Soldat schoss dabei ein Selfie. Es sieht aus ein Siegesfoto.

Die Türkei ist in Syrien umzingelt – militärisch und auch politisch. Auch wenn der türkische Außenminister warnt, Damaskus solle „nicht mit dem Feuer spielen“, gehen Ankara allmählich die Optionen aus. Eine weitere Erkenntnis: Russland, mit dem sich die Türkei seit Sommer 2016 eigentlich wieder blendend versteht, schaut zu, wie die Türkei jetzt in Syrien Stück für Stück demontiert wird.

Die Folgen könnten allerdings auch Europa treffen. Denn in Idlib harren Hunderttausende Flüchtlinge aus. Die Türkei hatte bereits vor einem Jahr angefangen, auf der syrischen Seite für diese Menschen Unterkünfte zu errichten. Sollten die syrischen Angriffe die Menschen in die Flucht treiben, droht eine neue Welle Flüchtender.

Alleine seit Donnerstag sollen nach Recherchen des arabischen Fernsehsenders Al-Jazeera rund 50.000 Menschen aus dem Süden Idlibs geflohen sein. Zum Teil in die Stadt Aleppo, die bereits vom Regime kontrolliert wird, zum Teil in Richtung türkischer Grenze, die allerdings geschlossen ist.

Die Stimmung in der Türkei kippt

Unterdessen will ein Großteil der türkischen Bevölkerung die fast vier Millionen Flüchtlinge im eigenen Land so schnell wie möglich loswerden. Schon seit über einem Jahr ist die Stimmung gekippt. Provinzbürgermeister werben inzwischen damit, dass in ihren Bezirken mit den Rückführungen von eingereisten Syrern begonnen worden sei, etwa im Istanbuler Stadtbezirk Esenyurt.

Gleichzeitig steht zwischen der Türkei und der Europäischen Union immer noch der Flüchtlingspakt. Brüssel überweist insgesamt sechs Milliarden Euro an die Türkei, damit die sich um Flüchtlinge kümmert und diese wiederum nicht nach Europa einreisen.

Dass in Idlib keine neue Flüchtlingswelle droht, ist daher auch im europäischen Interesse. In dieser Woche wurde zum Beispiel bekannt, dass auf Zypern zuletzt Tausende syrische Flüchtlinge angekommen seien. Zypern liegt gerade einmal 100 Kilometer von der syrischen Küste und dann weitere 50 Kilometer von Idlib entfernt.

Die zyprische Regierung in Nikosia bat die Europäische Union bereits darum, ihnen Flüchtlinge abzunehmen. Kampfflugzeuge des syrischen Militärs beschossen am Tag davor einen türkischen Konvoi in der Region, drei Zivilisten starben. Vergangene Nacht schossen die Jets Salven ab, die den Beobachtungsposten nur um 300 Meter verfehlten. Eine Provokation, die auch tödlich enden kann.

Von einer Waffenruhe ist keine Rede mehr, auch nicht von einer Vereinbarung mit Ankara: Der syrische Außenminister sprach am Donnerstag stattdessen von einer „türkischen Intervention“, die er aufhalten wolle.
Seit 2015 befinden sich die Truppen des syrischen Präsidenten Assad wieder auf der Siegesstraße. Tag für Tag eroberten sie mit brutaler Unterstützung russischer Kampfjets Regionen zurück, die in der Hand von oppositionellen Rebellen gewesen waren: vom IS, anderen Terrorgruppen, aber auch Oppositionsgruppen, die zunächst von der Türkei und Europa unterstützt worden waren.

Assad und Putin haben das türkusche Militär überrollt

Ein Jahr später sowie im Januar 2018 intervenierte die Türkei in Nordsyrien und kontrolliert seitdem rund zehn Prozent des Landes. Es folgten mehrere Treffen und Telefonate zwischen dem türkischen Staatschef Erdogan und seinem russischen Kollegen Putin.

Zwischenzeitlich installierte die Türkei insgesamt zwölf militärische Beobachtungsposten in der Nähe der Grenze. Es sah danach aus, als würden die beiden Garantiemächte gemeinsam mit dem Iran nach einer gewaltlosen Lösung für die letzten Probleme suchen.

Für diese Vermutung gibt es nun keinen Anlass mehr. Assad und Putin haben die Kontrolle übernommen und beinahe buchstäblich das türkische Militär in der Region überrollt. Der Kreml unterstützt die syrische Offensive derweil. Zwar nicht mehr mit Bomben, dafür mit Worten.

Die Einnahme wichtiger Städte in der Region Idlib im Rahmen der Antiterroroperation in Idlib solle begrüßt werden, erklärte ein Sprecher am Freitag. Aus der Deeskalationszone ist eine Eskalationszone geworden. Und der Ablauf des Feldzugs zeigt, dass die Türkei am kürzeren Hebel sitzt.

Mehr: Überholte Partikularinteressen heizen den Syrienkrieg immer weiter an. Nur die Uno kann Frieden bringen und damit eine zweite Flüchtlingskrise abwenden.

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