Bundespräsidentenwahl in Österreich Van der Bellen siegt im Wahl-Krimi mit hauchdünnem Vorsprung

Der Wahlkrimi um das höchste Staatsamt in Österreich ist zu Ende. Mit dem besseren Ausgang für Ex-Grünen-Chef Alexander van der Bellen. Er besiegt den FPÖ-Politiker Norbert Hofer mit einem Vorsprung von 0,3 Prozent.
Update: 23.05.2016 - 18:55 Uhr 46 Kommentare
Alexander Van der Bellen wird wohl Österreichs neuer Bundespräsident. Quelle: AFP
Wahlsieger

Alexander Van der Bellen wird wohl Österreichs neuer Bundespräsident.

(Foto: AFP)

WienMit großer Spannung haben die Österreicher und viele Europäer das Endergebnis der Bundespräsidentenwahl in der Alpenrepublik erwartet. Am Ende war es sehr knapp: Ex-Grünen-Chef Alexander van der Bellen hat den Wahlkrimi gegen den rechtspopulistischen FPÖ-Politiker Norbert Hofer für sich entschieden. Der hauchdünne Vorsprung von 0,3 Prozent entspricht 31.026 Stimmen. Erst durch das Auszählen der vielen Briefwählerstimmen konnte das Patt am Wahltag beseitigt werden.

Noch bevor der letzte Wahlkreis ausgezählt war, gestand Hofer seine Niederlage ein. Hofer schrieb um kurz nach 16 Uhr auf seiner Facebookseite: „Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst.“ Die Wahlbeteiligung war mit 72,7 Prozent deutlich höher als 2010 (53,6 Prozent).

Der spannende Urnengang zeigt die tiefe Spaltung Österreichs. Auf der einen Seite sind die Frustrierten, Zu-Kurz-Gekommenen und Protestierenden, die mit Hilfe eines rechtspopulistischen Präsidenten in der Wiener Hofburg einen Systemwechsel herbeisehnen. Auf der anderen Seite stehen die Bürgerlichen, Intellektuellen und Unternehmer, die an der Reformfähigkeit der verunsicherten Alpenrepublik mit einem liberalen und grünen Bundespräsidenten glauben.

Van der Bellen ging sofort auch auf die Wähler seines Gegners zu. „Ich möchte dem Land und allen Menschen hier dienen“, sagte er. Die Zweiteilung der Wählerschaft könne man auch so sehen: „Es sind zwei Hälften, die uns ausmachen.“ Beide seien gleich wichtig. „Gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich“, sagte Van der Bellen. Er glaube daran, dass Österreich ein großes Land sei, und er glaube an die Zusammenarbeit aller Menschen.

Die Wahl ist aber vor allem ein Votum gegen den Filz der beiden Großparteien, der sozialdemokratischen SPÖ und der konservativen ÖVP. Ihre Kandidaten hatten es erstmals in der Geschichte des Alpenlandes seit dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal in die Stichwahl geschafft. Die Bürger haben mit ihrem Votum bei der Bundespräsidentenwahl gegen den rot-weiß-roten Filzstaat mit seiner schamlosen „Freunderlwirtschaft“ protestiert. Die Postenschieberei, die Machtarroganz und die Bürokratisierung hat das Land zwischen Bodensee und Neusiedler See polarisiert.

In der österreichischen Wirtschaft wird der knappe Sieg von Van der Bellen mit Erleichterung aufgenommen. Der pensionierte Wirtschaftsprofessor gilt als liberaler Politiker. Die Industrie erwartet, dass der 72-Jährige den Reformkurs des Landes unter dem neuen Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) unterstützt. „Entscheidend wird sein, dass der neu gewählte Bundespräsident durch sein Handeln und seine Entscheidungen dazu beiträgt, dass Vertrauen und Optimismus in weiten Teilen der Gesellschaft wieder gestärkt werden“, sagte der Unternehmer Georg Kapsch, Präsident des Industriellenvereinigung, am Montagabend.

„Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass sich Österreich in einem tiefgreifenden Wandel befindet, von dem Gesellschaft, Wirtschaft und Politik intensiv betroffen sind. Diese Veränderungen müssen mit einer faktenbasierten Diskussion und innovativen, zukunftsorientierten Lösungen aktiv begleitet und gestaltet werden.“ Österreich, als kleine offene Volkswirtschaft, profitiere überdurchschnittlich von freiem Handel und seiner Integration in Europa, mahnte Kapsch. Wahlverlierer Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ wandte sich gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

Diese Politiker sind nur knapp ins Amt gerutscht
Gerhard Schröder
1 von 5

Nach der Bundestagswahl 2002 sahen die Demoskopen in einem Wechselbad der Prognosen mal Rot-Grün und mal Schwarz-Gelb im Vorteil. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) erklärte sich als Erster zum Wahlsieger, als festzustehen schien, dass die Union mehr Stimmen als die SPD errungen hatte. Wenig später sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vor jubelnden Anhängern, schon mancher habe sich zu früh gefreut. Er konnte schließlich nach einem hauchdünnen Sieg – 38,52 Prozent für die SPD gegenüber 38,51 Prozent für die Union – die Koalition mit den Grünen fortsetzen.

Romano Prodi
2 von 5

Nach der Parlamentswahl in Italien 2006 bangten Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Oppositionsführer Romano Prodi in einem nächtlichen Wahlkrimi stundenlang um den Sieg. Nachwahlbefragungen zufolge lag Prodis Mitte-Links-Bündnis zunächst mit etwa fünf Prozentpunkten vorn. Dann wurden immer neue Hochrechnungen nachgereicht und der Vorsprung schrumpfte kontinuierlich. Als sich Prodi am frühen Morgen zum Sieger erklärte, wollte Berlusconi das noch nicht anerkennen. Am Ende bekam das Mitte-Links-Bündnis für die Abgeordnetenkammer 24.755 Stimmen oder 0,07 Prozent mehr.

George W. Bush
3 von 5

In den USA bekam der demokratische Bewerber Al Gore im Jahr 2000 zwar mehr Wählerstimmen als sein republikanischer Kontrahent George W. Bush. Dank des amerikanischen Wahlsystems wurde Bush dennoch Präsident. Unklarheiten bei der Zählung in Florida hatten damals einen Wahlkrimi ausgelöst. Erst 35 Tage nach der Abstimmung herrschte Klarheit: Der Oberste Gerichtshof entschied und kürte Bush zum Sieger.

John F. Kennedy
4 von 5

Bei der US-Präsidentenwahl 1960 schlug der Demokrat John F. Kennedy den Republikaner Richard Nixon bei 68 Millionen abgegebenen Stimmen mit einem Vorsprung von gerade einmal 112.827 Voten oder 0,15 Prozentpunkten. Nixon wiederum lag 1968 bei seiner Wahl mit 43,4 Prozent nur 0,7 Prozentpunkte vor dem demokratischen Konkurrenten Hubert Humphrey.

Benjamin Netanjahu
5 von 5

Benjamin Netanjahu gewann 1996 die erste Direktwahl eines israelischen Ministerpräsidenten mit gerade einmal 29.457 Stimmen Vorsprung gegenüber Amtsinhaber Schimon Peres. Nach Auszählung von knapp 95 Prozent der Stimmen lag Peres noch mit 50,1 Prozent knapp vor seinem Konkurrenten. Die später ausgezählten Stimmen der Briefwähler gaben dann aber den Ausschlag zum knappen Sieg für Netanjahu von 50,49 Prozent zu 49,51 Prozent der Stimmen.

Generell wird die größte Aufgabe des neuen Bundespräsidenten Brücken über den tiefen Graben in der Gesellschaft zu bauen. Denn Österreich braucht angesichts der vielen Herausforderungen und der politischen Zerrissenheit eine neue Kultur des Kompromisses. Statt Missgunst und Neid benötigt das Land Kooperationsbereitschaft und Miteinander – Dialog statt Verteufelung des politischen Gegners. Nur durch eine konstruktive Zusammenarbeit über die ideologischen Gräben hinweg, kann die Alpenrepublik wieder an frühere Zeiten anknüpfen und die Identitätskrise überwinden.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Bundespräsidentenwahl in Österreich - Van der Bellen siegt im Wahl-Krimi mit hauchdünnem Vorsprung

46 Kommentare zu "Bundespräsidentenwahl in Österreich : Van der Bellen siegt im Wahl-Krimi mit hauchdünnem Vorsprung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "... es geht für die Leute darum, wann gehe ich in Rente, was zahle ich als Mieter u.s.w."

    Ja, und? Mir auch.

  • Dr. Lammert freut sich, dass in Deutschland der Bundespräsident nicht vom Volk gewählt wird.

    Wäre wahrscheinlich für ihn zu stressig.

  • Merkel: „Erdogan hat nicht alle meine Fragen beantwortet“

  • Frau Annette Bollmohr, es geht für die Leute darum, wann gehe ich in Rente, was zahle ich als Mieter u.s.w. obwohl der Osi noch nicht so verarmt ist als der Deutsche.


  • "Die österreichen Bürger haben -wenn richtig ausgezählt wurde- für ein "weiter so!- in der Migrationsfrage gestimmt. "

    Nicht die österreichischen Bürger, sondern etwas mehr als 50 % der zur Wahl gegangenen. Übrigens sollte mal -nicht nur in Österreich- bei den ständig zunehmenden Briefwählern überdacht werden, wie weit diese Wahlen noch frei und geheim sind. Kann das noch sichergestellt werden?

  • Die gespaltene Gesellschaft ist das symptom.

    Die Ursachen liegen ganz woanders. Wenn alle zufrieden wären würden SIe doch keine andere Partei wählen als die Systemparteien...

  • Wie sagte schon der Mann aus der Bibel, der vorne im Tempel stand:

    Herr ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie die andern.

  • Der alte Zausel hat gesiegt. Nicht weil er als Persönlichkeit ausschließlich übezeugt hat. Er profitierte von der Schmutzkampagnen gegen den Mitwerber (Rechtsradikalen Rassistischen Partei- Unbedingt rechts verhindern!!). Vermutlich hat man dann bei den Briefwahlen nochmal nachgeholfen... Das Ergebnis steht fest.

  • "Oder sind noch Überraschungen möglich ?"

    In diesem Fall: Hoffentlich nicht.

    Das mit der Wahl Ist ja gerade nochmal gut ausgegangen, aber das ändert überhaupt nichts daran, dass die Gesellschaft tief gespalten ist.

    Gibt also jede Menge zu tun, um da was dran zu ändern.

  • Nein, die Sache ist gelaufen, der alte Mann hat gesiegt.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%