Bundeswehreinsatz in Afghanistan Deutschland stockt seine Truppen nicht auf

Deutsche Politiker haben sich gegen eine Aufstockung an Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan ausgesprochen. Die Strategie von Donald Trump führe zu einer erneuten Eskalation — und verhindere eine Lösung des Konflikts.
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Deutschland ist derzeit mit bis zu 980 Soldaten der drittgrößte Truppensteller im Land. Quelle: dpa
Bundeswehr in Afghanistan

Deutschland ist derzeit mit bis zu 980 Soldaten der drittgrößte Truppensteller im Land.

(Foto: dpa)

BerlinDeutschland wird seine Truppen in Afghanistan trotz eines entsprechenden Appells von US-Präsident Donald Trump an die Verbündeten vorerst nicht aufstocken. „Wir haben im vergangenen Jahr, als andere ihre Truppenstärke reduziert haben, unsere Truppenstärke erhöht um 18 Prozent, so dass wir uns jetzt nicht in der ersten Reihe derer sehen, die nach weiterem Truppenaufbau gefragt werden“, sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Dienstag in Eckernförde. Die CDU-Politikerin erteilte auch einer stärkeren deutschen Beteiligung am Anti-Terror-Kampf, wie sie Trump für die USA ankündigte, eine Absage. „Unser Auftrag ist im Mandat sehr klar definiert, und genau darin bewegt er sich auch weiter“, betonte sie.

Die Ministerin begrüßte, dass die USA entschieden hätten, ihr Engagement in Afghanistan zu verstetigen. Dies umfasse auch, dass „lageabhängig darüber entschieden wird, welche Schritte weiter getan werden, und nicht abhängig von heimischen Wahlkalendern“. Zuletzt hatten die USA Entscheidungen über eine Verlängerung beziehungsweise die Ausgestaltung des Nato-Einsatzes am Hindukusch immer nur schleppend von Jahr zu Jahr getroffen, was eine Planung anderer Verbündeter erschwerte.

Trump hat nach langem Zögern seine Afghanistan-Strategie verkündet. Der Präsident, der im Wahlkampf immer wieder einen Abzug vom Hindukusch forderte, sagte nun ein stärkeres militärisches Engagement vor allem im Kampf gegen Terroristen zu. Nach Angaben aus Regierungskreisen in Washington könnte die Zahl der US-Soldaten von 8400 um 4000 aufgestockt werden. Das US-Militär hatte seit Monaten auf die Entsendung mehrerer tausend zusätzlicher Soldaten vor allem zur Ausbildung einheimischer Polizisten und Soldaten gedrungen, da sich die Sicherheitslage seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 drastisch verschlechtert hat.

In diesen Ländern sind Soldaten der Bundeswehr stationiert
Luftwaffenstützpunkt Incirlik
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Trotz mehrmaliger Einigungsversuche soll die Bundeswehr von der Luftbasis Incirlik abgezogen werden. Bislang wurde der Stützpunkt für die Aufklärungsmissionen gegen den IS genutzt. Die Mission des Anti-IS-Einsatzes trägt den Namen „Counter Daesh“. Wenn deutsche Soldaten wie geplant von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik nach Jordanien verlegt würden, könnten sie wohl wochenlang keinen Beitrag im Kampf gegen den IS leisten. Beim Einsatz der „Tornado“-Aufklärungsflugzeuge sei durch den Umzug mit einer Lücke von bis zu zwei Monaten zu rechnen, das Tankflugzeug könne zwei Wochen nicht eingesetzt werden, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Nahost
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Der internationale Einsatz gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ wird mit Hilfe von insgesamt 277 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr durchgeführt. Weltweit sind rund 3500 deutsche Einheiten im Einsatz – und kämpfen dabei nicht nur gegen den IS. Am stärksten vertreten ist die Truppe in Afghanistan.

Afghanistan
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Mit einer Stärke von 995 Soldaten beteiligt sich die Bundeswehr hier an der Nato-Mission Resolute Support. Bei der aktuellen Mission sollen die Soldaten die Kräfte vor Ort ausbilden, beraten und unterstützen. Die Bundeswehr beteiligt sich schon seit 2002 im krisengebeutelten Land am Hindukusch. Erst im Mai bat die Nato laut einem BBC-Bericht die britische Regierung, mehr Truppen in das Land zu schicken. US-Generäle werben seit Monaten um mehr Truppen in Afghanistan. Deutsche Offiziere hatten mehrfach angedeutet, dass Entscheidungen der militärischen Leitnation USA über ihre Truppenstärke auch Auswirkungen auf die deutsche Präsenz in Afghanistan haben werde. Derzeit sind knapp 13.000 internationale Soldaten in Afghanistan stationiert.

Mali
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In der früheren Rebellenhochburg Gao am Rande der Sahara sind 941 Bundeswehrsoldaten stationiert. Sie sind am UN-Stabilisierungseinsatz Minusma beteiligt, der zur Umsetzung eines Friedensabkommens von 2015 zwischen Regierung und Rebellen beiträgt. Deutschland verlegte mehrere Transport- und Kampfhubschrauber nach Mali. Die Mission in Mali ist mittlerweile der zweitgrößte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Der UN-Einsatz gilt als einer der gefährlichsten weltweit. Die Bundeswehr beteiligt sich zudem an der Ausbildungsmission EUTM Mali. Ziel soll die Stabilisierung der Sicherheitslage in der Sahelregion sein.

Kosovo
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Auch im Kosovo beteiligt sich die Bundeswehr. Insgesamt werden im Rahmen der Mission KFOR (Kosovo Force) aktuell 607 Soldaten gestellt. Die Nato-Mission soll das Land sichern und stabilisieren. Die Truppen leisten humanitäre Hilfe und unterstützen Hilfsorganisationen vor Ort. Weil sich die Lage in dem bürgerkriegsgebeutelten Land weiter stabilisiert, will die Bundesregierung den längsten Auslandseinsatz der Bundeswehr nach 18 Jahren weiter zurückfahren.

Mali
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Insgesamt 144 Soldatinnen und Soldaten sollen bei der Mission malische Streitkräfte ausbilden. Frankreich erwartet von Deutschland und Europa mehr Einsatz beim Antiterrorkampf im westafrikanischen Mali. „Frankreich gewährleistet in Mali und anderen Einsatzgebieten die europäische Sicherheit“, sagte der neue französische Präsident Emmanuel Macron bei einem Truppenbesuch in der Stadt Gao im Norden Malis. Mali war durch einen Militärputsch im März 2012 in eine Krise geraten. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich griff im Januar 2013 militärisch ein, um das Vorrücken von Islamisten und Tuareg-Rebellen vom Norden in den Süden Malis zu stoppen und die geschwächten Regierungstruppen zu unterstützen. Viele Gebiete des Landes sind aber nach wie vor nicht unter Regierungskontrolle.

Nordirak
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Auch im Nordirak ist die Bundeswehr weiterhin aktiv. Zurzeit beteiligen sich 128 Soldatinnen und Soldaten an der Ausbildung von irakischen Streitkräften. Die Bundeswehr schult seit Januar 2015 Kämpfer der kurdischen Peschmerga-Armee sowie der religiösen Minderheiten der Jesiden und Kaka'i. Nach Angaben der Ministerin bildeten sie bislang mehr als 10.000 Kämpfer aus. Im Militärcamp Bnaslawa bei Erbil bilden die deutsche Soldaten kurdische Peschmerga auch im Häuserkampf aus, die das Militär als besonders gefährlich einstuft. Auf dem Stützpunkt wurde dazu seit dem Frühjahr ein vom IS befreites Dorf originalgetreu nachgebaut – inklusive eines Grabens und Schutzwalles, die schwere Fahrzeuge abhalten sollen, sowie eines Tunnelsystems, durch das der IS seine Kämpfer verborgen vor den Augen der Gegner von einem Ort zum anderen verschieben kann. German Village – deutsches Dorf – heißt das Übungsgelände.

Auch die SPD sprach sich gegen Trumps Strategie aus, mehr Bundeswehr-Soldaten an den Hindukusch zu schicken. „Eine Aufstockung deutscher Soldaten halte ich nicht für sinnvoll. Militärisch ist dieser Konflikt nicht zu gewinnen“, sagte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Die SPD werde an dem Ansatz festhalten, Afghanistan zu stabilisieren und die staatlichen Strukturen weiter aufzubauen, betonte Oppermann, der im Wahlkampf-Team von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für die Verteidigungspolitik zuständig ist.

Deutschland ist derzeit mit bis zu 980 Soldaten der drittgrößte Truppensteller in Afghanistan. „Statt des angekündigten Abzugs mehr Militär zu schicken, ist ein erstaunliches Wendemanöver von Präsident Trump“, sagte Oppermann.

„Wir bauen keine Nationen - wir töten Terroristen“

„Wir bauen keine Nationen - wir töten Terroristen“

Aus Sicht des Grünen-Außenpolitikers Jürgen Trittin stecken die USA in Afghanistan in einer Sackgasse. „Jetzt will Trump Vollgas geben. Das ist das Dümmste, was man tun kann“, sagte Trittin der dpa. Afghanistan stehe für eine gescheiterte Interventionspolitik des Westens. Das sollte die Bundesregierung vor Augen haben. „Deutschland darf nicht die Geisel von Donald Trumps brandgefährlicher Afghanistan-Strategie sein. Mehr Truppen werden den Konflikt nicht lösen, sondern den Status quo zementieren.“

Trittin erinnerte an die Absprachen der Afghanistan-Konferenz in London 2010, einen geordneten Rückzug der internationalen Truppen einzuleiten und die Sicherheit in die Hände der Afghanen zu legen. Sollte dies missachtet werden, „befinden wir uns auf der Rutschbahn in einen neu eskalierenden, endlosen Kriegseinsatz“.

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1 Kommentar zu "Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Deutschland stockt seine Truppen nicht auf"

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  • "Militärisch ist dieser Konflikt nicht zu gewinnen“, ..."

    Wirklich nicht. Genausowenig, wie man bei einem Topf das Überkochen verhindern kann, indem man den Deckel immer fester drauf drückt.

    Irgendwann explodiert der einfach.

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