Sebastián Piñera

Piñera war bereits von 2010 bis 2014 Präsident des lateinamerikanischen Landes.

(Foto: AFP)

Chile Der Peso schwächelt, der Kupferpreis stürzt ab – Präsident Piñera läuft die Zeit für Reformen davon

Chiles Wirtschaft wächst am stärksten in Lateinamerika. Damit das so bleibt, muss der Präsident die geplanten Reformen nun im Eiltempo liefern.
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SantiagoIn Lateinamerika besitzt Chile wirtschaftlich den Ruf des Klassenbesten. Die Spitzenplätze des Andenlandes in internationalen Rankings sind in der Tat beeindruckend: Chile führt in Lateinamerika auf der Rangliste des Weltwirtschaftsforum (WEF) mit den höchsten Wachstumschancen, hat das solideste Banksystem und bietet Unternehmen eine der besten Standortbedingungen weltweit.

Es ist zudem das offenste Land des Kontinents: Der Außenhandelsanteil der Wirtschaft ist der höchste in Lateinamerika. Das Land unterhält Freihandelsabkommen, die zusammen 75 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbringen.

Das ist auch der Grund, warum Chile trotz der Zitterpartie auf den Finanzmärkten und drohendem Handelskrieg in der Weltwirtschaft dieses Jahr rekordmäßig wachsen wird. Der Internationale Währungsfonds hat gerade die Wachstumsprognose für 2018 auf 3,8 Prozent (von 3,4 Prozent) angehoben – während die Experten in Washington die Aussichten für ganz Lateinamerika nach unten revidiert haben. Grund für die Zuversicht zu Chile: „Die anhaltend starke Erholung des Unternehmer- und Verbrauchervertrauens“, so der IWF.

Ein Grund für die gute Stimmung in der Wirtschaft findet sich in „La Moneda“, dem Regierungspalast im Zentrum Santiagos. Dort hat im März der Unternehmer Sebastián Piñera zum zweiten Mal das Präsidentenamt Chiles angetreten.

Seitdem ist die Zuversicht der Unternehmer, Konsumenten und Arbeitsnehmern wieder so hoch wie zuletzt 2013. Tatsächlich berichten Unternehmer sowohl in mittelständischen Unternehmen wie Großkonzernen in Chile, dass sich die Auftragslage mit dem Wahlsieg Piñeras Mitte Dezember 2017 abrupt verbessert habe.

Von dem 68-jährige Milliardär erhoffen sich die Chilenen vor allem eines: Dass er Chile wieder auf den Wachstumspfad seiner ersten Amtszeit zwischen 2010 und 2014 zurückführt. Damals wuchs die Wirtschaft durchschnittlich mehr als fünf Prozent im Jahr. Unter seiner damaligen und jetzigen Vorgängerin Michelle Bachelet dagegen legte die Wirtschaftskraft Chiles seit 2015 nur knapp zwei Prozent jährlich zu.

Dem Unternehmer, der mit Kreditkartenfirmen, TV-Sendern, sowie Beteiligungen an der Fluggesellschaft LAN sowie einem Fußballclub sein Vermögen gemacht hat, trauen die Chilenen zu, dass ihm die Rückkehr auf den Wachstumspfad gelingen könnte. Deswegen haben sie sich mit 55 Prozent der Stimmen für ihn entschieden gegenüber dem Linkskandidaten.

Für dieses Jahr ist das Wachstum gesichert. Die Zentralbank dürfte keine Problem haben, die Inflation unter dem Ziel von drei Prozent zu halten. Der Leitzins beträgt 2,5 Prozent. Von den niedrigen Zinsen werden Investoren wie Konsumenten profitieren. Das Leistungsbilanzdefizit ist mit 1,2 Prozent des BIP genauso unbedenklich niedrig wie das Minus im Staatsbudget. Das liegt bei 2,7 Prozent des BIP.

Produktivität steigern, um langfristiges Wachstum zu sichern

Schwieriger dürfte es für Piñera dagegen werden, über den kurzfristigen Wachstumszyklus hinaus, die Basis für einen anhaltenden Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen unter den 18 Millionen Chilenen zu schaffen. „Das ist nur mit Steigerungen der Produktivität möglich“, beobachtet die OECD. Doch die sinkt seit zwei Dekaden. Die Produktivität der chilenischen Arbeitnehmer ist nur etwa halb so hoch wie im OECD-Durchschnitt.

„Die Regierung muss systematisch ihre geplanten Reformen umsetzen“, fordert Klaus Schmidt-Hebbel. Der Deutsch-Chilene war Chefökonom der OECD. Er empfiehlt der Regierung, die höhere Belastung durch die Steuerreform von Vorgängerin Bachelet wieder teilweise rückgängig zu machen.

Die Regierung will erreichen, dass Arbeitnehmer flexibler eingesetzt werden können, bei veränderten Anforderungen in den Unternehmen. Im Gesundheitssektor sollen private Konzessionen möglich werden. Aber auch für staatliche Krankenhäuser mit Spitzentechnologie ist ein Budget eingeplant. Elitenförderung in der Bildung soll mit Englischunterricht für die Masse der Chilenen kombiniert werden, die Bürokratie umfassend digitalisiert.

Für viele der Reformen sind Mehrheiten im Parlament notwendig – die der Regierung fehlen. In der ersten Amtsperiode Piñeras war dies noch der Fall gewesen. Mit dem Fall der Kupferpreise und dem Sturzflug des Peso seit Mitte Juni ist Piñeras Popularität von 60 auf 45 Prozent gesunken, so das Umfrageinstitut Plaza Pública Cadem.

Die Armut sinkt, aber die Lebensqualität steigt nicht

Das ist zwar viel in Lateinamerika – aber die gute Stimmung nach Piñeras Amtsantritt könnte schnell umschlagen. Denn die Chilenen sind frustriert, dass ihr weiterer Aufstieg nicht gesichert ist. Zwar ist der Armutsanteil in der Bevölkerung seit 15 Jahren von 20 auf sieben Prozent gesunken. Heute zählen fast 90 Prozent der Chilenen zur Mittel- und Oberschicht. Das Pro-Kopf-Einkommen ist doppelt so hoch wie das der Brasilianer. Es ist jedoch nur halb so groß wie der Durchschnitt der OECD-Staaten, also der wohlhabenden Länder weltweit.

Die Lebensqualität in Chile liegt deutlich unter der Portugals, trotz ähnlicher wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren: Die staatlichen Krankenhäuser und Schulen bieten mäßige Qualität. Gute private Krankenhäuser und Schulen sowie Universitäten bleiben unerreichbar für die Mehrheit der Bevölkerung. Den weiteren Aufstieg kann Chile der neuen Mittelschicht nur bieten, wenn sich die Produktivität der Wirtschaft und des Staates deutlich erhöhen.

Auch die volkswirtschaftliche Öffnung könnte sich für Chile inmitten der wachsenden Spannungen in der Weltwirtschaft noch als problematisch erweisen: Der Kupferpreis ist seit Mitte Juni um zeitweise 18 Prozent gesunken. Etwa die Hälfte der Exporte Chiles besteht aus Kupfer – das größtenteils auch noch nach China verschifft wird.

Gleichzeitig belasten die steigenden Ölpreise die Handelsbilanz: 16 Prozent aller Importe des energiearmen Andenlandes entfallen auf Öl. „Chile ist am anfälligsten in Lateinamerika für anhaltende Handelsspannungen und externe Risiken“, beobachten die Analysten von JP Morgan.

Die lokalen Finanzmärkte haben sofort reagiert: Zeitweise gewann der Dollar gegenüber dem Peso 13 Prozent. Die Börse in Santiago hat seit Jahresbeginn verloren und bildet nach Argentinien das Schlusslicht in der Region.

Piñera könnte die Zeit knapp werden. Der Ökonom Schmidt-Hebbel fordert deshalb: „Wir müssen jetzt schnell Ergebnisse liefern.“

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