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Corona-Pandemie Peking versorgt weite Teile der Welt mit Impfstoff – und will das für sich nutzen

Impfstoffe aus der Volksrepublik sind für zahlreiche Länder die einzige Option im Kampf gegen Corona. Das erhöht Chinas Einfluss weltweit – und sorgt für neue Partnerschaften.
04.06.2021 - 20:12 Uhr Kommentieren
Der Impfstoff Sinovac hat eine Notfallzulassung der Weltgesundheitsorganisation erhalten. Quelle: AFP
Impfung in China

Der Impfstoff Sinovac hat eine Notfallzulassung der Weltgesundheitsorganisation erhalten.

(Foto: AFP)

Bangkok, Salvador, Kapstadt Während China massenhaft Impfstoffe auf die Philippinen schickt, kann sich die Regierung in Peking auf die Unterstützung des philippinischen Präsidenten verlassen. Als einer seiner Kabinettsmitglieder kürzlich Chinas Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer heftig kritisierte, verteidigte Rodrigo Duterte persönlich die Volksrepublik: „China ist unser Wohltäter“, verkündete er in einer Fernsehansprache.

Trotz Meinungsverschiedenheiten sei es nicht angebracht, sich dem Land gegenüber unhöflich zu verhalten. Wenige Tage zuvor hatte Duterte bereits festgestellt, die Philippinen stünden in Chinas Schuld – aus Dankbarkeit über die Hilfen in der Coronakrise.

Das südostasiatische Land hat bisher rund acht Millionen Corona-Impfdosen erhalten – der überwiegende Teil davon stammt aus China. Die Philippinen sind in dieser Situation nicht allein: Angesichts großer Lieferprobleme der internationalen Impfinitiative Covax sind die Vakzine aus China für viele Schwellenländer rund um den Globus die einzige Option.

Seit dieser Woche hat neben dem chinesischen Hersteller Sinopharm auch Sinovac eine Notfallzulassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Regierung in Peking weiß die hohe Nachfrage für sich zu nutzen: Sie belohnt alte Verbündete und knüpft mithilfe der Vakzine neue Partnerschaften.

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    Auf den Philippinen betont Staatschef Duterte zwar, dass Chinas Präsident Xi Jinping für die Impfstoffe keine Gegenleistung gefordert hat und er die philippinischen Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer nicht aufgeben werde.

    Beobachter sind sich aber sicher, dass Peking die Impfdiplomatie politisch nutzen möchte. „Offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vakzinen und dem Streit um das Südchinesische Meer“, kommentiert der Politologe Ardhitya Eduard Yeremia, der an der Universität Indonesia in Jakarta lehrt, mit Blick auf die Philippinen.

    Schwellenländer sind auf Chinas Wohlwollen angewiesen

    Auch seine Heimat hat von Chinas Impfexporten stark profitiert: Indonesien erhielt das Material für mehr als 90 Millionen Impfdosen aus China – ohne sie wäre die Impfkampagne des 270-Millionen-Einwohner-Landes kaum vom Fleck gekommen.

    Die Abhängigkeit führt zu der Befürchtung, dass die Regierung in Peking ihren Einfluss ausdehnen könnte. „Zusammenarbeit beim Impfen darf nicht dazu führen, ein Land zum Stillschweigen zu bringen, wenn es darum geht, von China ein rechtmäßiges Verhalten im Südchinesischen Meer zu verlangen“, fordert Ardhitya.

    Wie viele Schwellenländer dürfte Indonesien aber noch auf längere Zeit auf Chinas Wohlwollen angewiesen seien – denn es gibt kaum Alternativen. Viele Länder mit niedrigen oder mittleren Pro-Kopf-Einkommen hatten auf Lieferungen durch die Covax-Initiative gehofft.

    Grafik

    Doch dem Programm fehlen nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) bis Ende Juni 190 Millionen Impfdosen, die fest eingeplant waren. Grund dafür ist ein Exportstopp in Indien, das ursprünglich Hunderte Millionen dort produzierte Astra-Zeneca-Dosen hätte liefern sollen. Aufgrund der Zuspitzung der Coronakrise in dem Land erhebt die Regierung in Neu-Delhi aber selbst Anspruch auf die Vakzine. China kündigte an, diese Lücke zu schließen.

    Kambodscha – eines der ärmsten Länder Asiens und ein enger Verbündeter der Volksrepublik – konnte dank der Lieferungen aus Peking bereits 16 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal impfen. Chinas Außenminister Wang Yi versprach vor wenigen Wochen auch Ländern in Südasien, die sich auf Indien verlassen hatten, sie mit Impfdosen zu versorgen. Flankiert wurde der diplomatische Vorstoß am gleichen Tag mit Gesprächen über eine militärische Zusammenarbeit.

    Auch in Südamerika wächst die Impfabhängigkeit von China. In Brasilien zeigte ein Untersuchungsausschuss im Senat, dass die Regierung des Präsidenten Jair Bolsonaro im vergangenen Jahr neun Angebote von Pfizer für Millionen von Impfdosen unbeantwortet gelassen hatte. Erst vor zwei Monaten konnte sich der Präsident dazu durchringen, einen Vertrag mit Pfizer aufzusetzen – aber ist damit erst mal ans Ende der Lieferschlange gerutscht.

    Lieferungen nach Brasilien verzögert

    Für den Corona-Leugner Bolsonaro ist das besonders unangenehm, weil er jetzt fast ausschließlich von China bei der Produktion eigener Impfstoffe abhängig ist. Denn Brasilien braucht die Vorprodukte aus China, um die eigenen Vakzine herzustellen. Denn Astra-Zeneca liefert weniger als erwartet. Sputnik aus Russland haben die Gesundheitsbehörden nicht zugelassen.

    Monatelang blockierte Bolsonaro aus ideologischen Gründen die Zusammenarbeit mit China, das ja mit seinem „Comunavirus“, also dem „kommunistischen Virus“, für die Pandemie verantwortlich sei. Seine Regierung werde dem Impfstoff Coronavac des Herstellers Sinovac nie kaufen, erklärte er noch im Oktober. Bolsanoro stoppte zeitweise sogar das Registrierungsverfahren des Vakzins bei der staatlichen Gesundheitssaufsicht. Bolsonaro, dessen Sohn Eduardo, aber auch der Außenminister beschimpften China.

    Doch nun sind sie vorsichtiger mit ihren Aussagen geworden: Denn Sinovac verzögert seit Februar immer wieder die Zulieferungen für die Produktion des Serums in São Paulo, wenn wieder jemand aus der Regierung gegen China pöbelt. Die spät, aber zügig gestartete Impfkampagne läuft deswegen nur noch verzögert.

    Brasiliens Präsident gerät wegen seines katastrophalen Krisenmanagements zunehmend unter Druck. Quelle: AP
    Jair Bolsonaro

    Brasiliens Präsident gerät wegen seines katastrophalen Krisenmanagements zunehmend unter Druck.

    (Foto: AP)

    21 Prozent der Brasilianer sind mindestens einmal geimpft. 80 Prozent wollen sich impfen lassen. Brasilien zählt mit 460.000 Toten und einer hohen Infektionsrate weiterhin zu den Hotspots der Pandemie. Die Krankenhäuser sind überlastet, es fehlt an Sauerstoff, und das Krisenmanagement ist katastrophal. Und nun droht in dem Land eine dritte Welle. Diese Umstände wirken sich auch auf die Zustimmung Bolsonaros aus – sie ist mittlerweile auf etwa 35 Prozent gesunken.

    Deswegen ist Chinas politischer Einfluss in Brasilien größer denn je: Bolsonaro ist vom Wohlwollen Chinas abhängig, wenn er die Wirtschaft seines Landes stützen will.

    In eineinhalb Jahren sind Wahlen. Doch über sein politisches Überleben entscheidet nun auch Peking mit.

    China inszeniert sich als verantwortungsvolle Großmacht

    Gleichzeitig gibt es trotz der WHO-Zulassung Fragen mit Blick auf die Wirksamkeit der chinesischen Impfstoffe. Chile hat bereits 55 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. 90 Prozent aller Impfdosen stammen von Sinovac.

    Die Ergebnisse sind bisher eher enttäuschend: Chile hat zuletzt mehr als 250 Neuninfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen verzeichnet – und damit eine vergleichsweise hohe Infektionsrate.

    Ähnlich sieht die Lage in Uruguay aus. Dort ist ebenfalls mehr als die Hälfte der Bevölkerung geimpft worden – vor allem mit dem Vakzin von Sinovac. Die Infektionszahlen sind dort dennoch enorm hoch: Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 700 gilt das Land als Corona-Hotspot.

    Die Erhebungen in einer brasilianischen Kleinstadt im Bundesstaat São Paulo, wo drei Viertel der 45.000 Einwohner bereits zweimal geimpft wurden, lassen dagegen einen anderen Schluss zu: Dort hat sich das chinesische Vakzin als hocheffizient erwiesen.

    Für die Regierung in Peking sind solche Erfolgsmeldungen wichtig, um auch langfristig von dem erhofften Reputationsgewinn durch die Impfdiplomatie zu profitieren. Schon jetzt nutzt das Land die Exporte, um sich als verantwortungsvolle Großmacht zu inszenieren – die, anders als die USA, Impfstoffe nicht nur für die eigene Bevölkerung hortet.

    Die Darstellung ist durchaus gerechtfertigt: Bislang exportierte China mit mehr als 320 Millionen Impfdosen mehr als doppelt so viel wie die EU, wie Daten des Dienstleisters Airfinity zeigen. Die USA hätten demnach mit Stand 1. Juni weniger als acht Millionen Impfdosen in andere Länder geschickt.

    Chinas Lieferungen sind in der Zwischenzeit schon rund um den Globus eingetroffen. Ende Mai rühmte sich das chinesische Außenministerium damit, „vollkommen altruistisch“, fast 40 Länder in Afrika versorgt zu haben.

    Der Kontinent ist von den ausbleibenden Lieferungen aus Indien stark betroffen. Bis zu seinem Lieferstopp wurde in Afrika zu etwa 80 Prozent der über die Covax-Initiative ausgelieferte Astra-Zeneca-Impfstoff verwendet. Erst im dritten Quartal soll es nun auch zu ersten Lieferungen eines Teils der insgesamt 400 Millionen Dosen kommen, die Afrika mit dem Hersteller Johnson & Johnson ausgehandelt hat.

    Gegenüber den Impfstoffen aus China gibt es in vielen afrikanischen Ländern aber eine gewisse Skepsis, weil nur wenige Informationen darüber vorliegen und wie einst bei den Aids-Medikamenten wilde Theorien über mögliche schwere Nebenwirkungen zirkulieren.

    Auch in Asien stoßen die Impfdosen aus China auf Widerstand: In Thailand gaben Anfang des Jahres noch 83 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Marktforschers Yougov an, sich impfen lassen zu wollen. Doch seit Beginn der lokalen Impfkampagne wurden vorwiegend Sinovac-Impfdosen verabreicht, die in großen Teilen der Bevölkerung keinen guten Ruf haben. Die Impfbereitschaft ist in der Folge seither auf 63 Prozent gesunken.

    Mehr: Schlechte Nachrichten für Schwellenländer: Weltgrößter Impfstoffhersteller liefert erst Ende des Jahres

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