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Corona-Pandemie So will Frankreich mithilfe von Big Data und KI Unternehmen vor der Corona-Pleite retten

Der französische Staat hat Zugriff auf große Mengen an Unternehmensdaten. Algorithmen sollen vorhersagen, welchen Firmen wegen Corona die Pleite drohen könnte.
22.06.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Diese Unternehmen sollen mit dem Anfang Juni angekündigten Vorhersagemodell zielgenau identifiziert und dann mit Hilfsangeboten kontaktiert werden. Quelle: AFP
Unternehmen in Frankreich

Diese Unternehmen sollen mit dem Anfang Juni angekündigten Vorhersagemodell zielgenau identifiziert und dann mit Hilfsangeboten kontaktiert werden.

(Foto: AFP)

Paris Die Folgen der Corona-Pandemie haben auch die französische Wirtschaft hart getroffen. Zugleich liegt die Zahl der Insolvenzen in dem Land auf einem historischen Tiefstand. Die Sorge der Regierung ist, dass die Pleiten sprunghaft ansteigen könnten, wenn die großzügigen Finanzhilfen des Staates enden.

Die Regierung in Paris hat ein auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierendes Vorhersagemodell entwickelt, um „Zombiefirmen“ von jenen Unternehmen zu trennen, die trotz der pandemiebedingten Schwierigkeiten mittelfristig gute Aussichten haben.

Dafür lässt das Wirtschaftsministerium mithilfe von Algorithmen Unmengen an Finanz- und Unternehmensdaten der rund 3,8 Millionen französischen Firmen analysieren – eine zentralstaatliche Big-Data-Operation, die im föderalen Deutschland so undenkbar wäre.

Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sprach von „Unternehmen, die durch die Krise geschwächt, aber weiterhin wirtschaftlich lebensfähig sind“. Nach Schätzungen der französischen Zentralbank betrifft dies zwischen fünf und acht Prozent der Firmen. Sie stammen demnach vor allem aus den Bereichen Tourismus, Gastgewerbe und Handel, zum Teil aber auch aus der verarbeitenden Industrie.

Diese Unternehmen will Le Maire mit dem Anfang Juni angekündigten Vorhersagemodell zielgenau identifizieren und dann mit Hilfsangeboten kontaktieren. Sein Ministerium konnte auf Nachfrage noch keine Angaben machen, wie viele Wackelkandidaten die Algorithmen bereits aufgespürt haben. Eine erste Bilanz werde es wohl Anfang September geben.

Insolvenzrisiko: Jede Firma erhält eine Bewertung

Bei der Datenanalyse führt die Regierung eine Vielzahl von Informationen über die Lage der Unternehmen zusammen, die unter anderem bei der Zentralbank, der Finanzverwaltung, dem Arbeitsministerium und der Sozialversicherung gespeichert sind.

Die Suche nach Firmen in Schwierigkeiten laufe „unter strikter Wahrung des Geschäfts- und Steuergeheimnisses“ ab, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium. Die Annahme von Hilfsangeboten sei freiwillig.

Dem Ministerium zufolge werden Dutzende Indikatoren für ein Insolvenzrisiko in das Vorhersagemodell eingespeist. Es geht um die Höhe der Verschuldung, die Entwicklung des Umsatzes, die Rückstände bei Beitragszahlungen an die Sozialversicherung, den Anteil der Beschäftigten in Kurzarbeit. Jede Firma – vom Kleinbetrieb über den Mittelstand bis zu Großunternehmen – erhält am Ende eine Bewertung von null (kein Pleitegefahr) bis zehn (großes Risiko). 

Le Maire sprach von einem „vollkommen neuen Instrument“, das erstmals alle vertraulichen Unternehmensdaten vernetze, über die der Staat an unterschiedlichen Stellen verfüge. Mit diesem Messgerät könne Frankreich „wie kein anderes Land der Welt“ angeschlagene Unternehmen aufspüren, sagte der Wirtschaftsminister.

Das Programm betreffe laut Finanz- und Wirtschaftsminister Le Maire Unternehmen, die durch die Krise geschwächt, aber weiterhin wirtschaftlich lebensfähig seien. Quelle: AFP
Bruno Le Maire

Das Programm betreffe laut Finanz- und Wirtschaftsminister Le Maire Unternehmen, die durch die Krise geschwächt, aber weiterhin wirtschaftlich lebensfähig seien.

(Foto: AFP)

Ganz neu ist der Ansatz der französischen Regierung allerdings nicht. Christophe Pérignon, Professor für Finanzwissenschaft an der renommierten Pariser Wirtschaftshochschule HEC und Experte für KI-basiertes Risikomanagement, sagte: Der Staat habe schon in der jüngeren Vergangenheit mit Datenanalysen nach Warnsignalen in der Unternehmenslandschaft gefahndet. Beispiellos seien allerdings die Masse an Daten und die Anzahl der Variablen, die in das neue Frühwarnsystem für Firmenpleiten einfließen würden.

Datenschutz: Keine Bedenken

Pérignon hält das Vorgehen der Regierung für eine „ausgezeichnete Idee“. Der Staat befinde sich mit seinem Zugriff auf verschiedenste Datenarten in einer idealen Position, um das Risiko von Firmenpleiten im großen Stil zu messen.

Gerade kleinere Unternehmen hätten oft nicht die Ressourcen und die Expertise für derart umfangreiche Analysen ihrer Risiken. Sinnvoll sei auch, dass der Staat in der Krise gefährdete Betriebe direkt kontaktiere – denn diese wüssten nicht immer, welche Unterstützungsprogramme für sie bereitstünden.

Datenschutzbedenken hat Pérignon mit Blick auf das Vorhersagemodell der Regierung nicht. „Es handelt sich um Informationen, die ohnehin schon an verschiedenen Stellen beim Staat liegen und dort verwendet werden“, sagt er. Aus der Sicht eines föderalen Staates wie Deutschland sei dieses Vorgehen aber natürlich „schwer vorstellbar“.

Der französische Arbeitgeberverband Medef mahnte unterdessen, die Gefahr von Unternehmenspleiten nicht zu übertreiben. Man glaube nicht an eine Insolvenzwelle. Medef-Chef Geoffroy Roux de Bézieux zeigte sich kürzlich in einem Interview mit dem Radiosender France Inter sehr zuversichtlich, dass die Konjunktur in Frankreich schon allein wegen der Nachholeffekte nach der Krise stark anziehen werde. Einige Branchen würden weiter eine gewisse Unterstützung benötigen, grundsätzlich aber „müssen wir mit den Hilfen aufhören“, sagte der Arbeitgeberpräsident.

Mehr: Superpatrioten und Wirtschaftszwerge – Deutschlands fatale Irrtümer über Frankreich

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