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Corona-Pandemie Warum Japan den Kollaps des Gesundheitssystems fürchtet

Eigentlich ist Japan statistisch gesehen das medizinisch am besten ausgestattete Land der OECD-Nationen. Trotzdem werden in der Pandemie nun die Krankenhausbetten knapp.
17.01.2021 - 13:13 Uhr Kommentieren
Die Zentralregierung hat bereits am Donnerstag den Notstand ausgedehnt, weil die für Covid-19-Patienten reservierten Betten bald belegt sind. Quelle: AFP
Japan

Die Zentralregierung hat bereits am Donnerstag den Notstand ausgedehnt, weil die für Covid-19-Patienten reservierten Betten bald belegt sind.

(Foto: AFP)

Tokio Bisher galt Japan als Vorbild im Umgang mit der Corona-Pandemie. Nun präsentiert das Land jedoch ein Paradox. Bereits vor der Coronakrise rühmte sich das Land, mehr Krankenhausbetten pro Kopf zu besitzen als andere Industrienationen. Zudem sind die Corona-Neuinfektionen mit derzeit 7000 bis 8000 Fällen pro Tag bei immerhin 126 Millionen Einwohnern deutlich niedriger als in Europa. Dennoch grassiert die Angst vor einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Die Zentralregierung hat bereits am Donnerstag den Notstand von vier auf elf Präfekturen ausgedehnt, weil die für Covid-19-Patienten reservierten Betten bald belegt sind. Inzwischen sind schon mehrere 50- bis 80-jährige Infizierte zu Hause verstorben, die aus Bettennot nach Hause geschickt worden waren. Doch inzwischen werden auch in vielen anderen der 47 Präfekturen die Betten knapp.

Die Tageszeitung „Asahi“ erklärte den Japanern bereits den Begriff „Triage“, das Auswählen von Patienten, die man sterben lässt, weil die Kapazitäten nicht für alle reichen. Und der Präsident von Japans Medizinischer Vereinigung, Toshio Nakagawa, mahnte, dass „die Ausrufung des Ausnahmezustands für das ganze Land eine Option“ sei. Danach forderte er die Regierung zu raschem Handeln auf.

Die Regierung reagiert nun auch – nachdem sie erst zugeschaut hat, wie die Zahl der für Covid-19-Patienten reservierten Betten seit dem Sommer um zehn Prozent auf 27.000 reduziert wurden. Für jedes Intensivbett, das Kliniken schaffen, will der Staat künftig einmalig 35.000 Euro und höhere Tagessätze zahlen. Aber der japanische Professor Kenji Shibuya, Direktor des Institute for Population Health am britischen King’s College, zweifelt im Interview an einem Erfolg.

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    Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist zwar mit 13 Betten pro 1000 Einwohner statistisch das medizinisch am besten ausgestatte Land der OECD, einer Organisation der reichsten Industrieländer. „Tatsächlich hat Japan allerdings sehr begrenzte Kapazitäten, schnell auf kurzfristigen Bedarf zu reagieren,“ erklärt Shibuya, der früher Regierungsausschüsse geleitet hat und nun Sonderberater des Chefs der Weltgesundheitsorganisation ist.

    „Covid-19 beschleunigt nur das Systemversagen“

    Die Bettenzahl sei irreführend, merkt er an. Denn in Japan werden oft bettlägerige Senioren in Krankenhäusern betreut, die in anderen Ländern in Altersheimen oder zu Hause leben würden. Die Zahl der Intensivbetten liegt dagegen laut dem Gesundheitsministerium trotz eines Ausbaus während der Krise nur bei 13,5 Betten pro 100.000 Einwohner. In der Schweiz ist der Wert doppelt, in Deutschland fast dreimal so hoch.

    Die Probleme seien schon lange bekannt, kritisiert Shibuya. „Covid-19 beschleunigt nur das Systemversagen.“ Doch historische und systemische Gründe erschwerten die notwendigen Reformen.

    Historisch wurden Krankenhäuser in Japan nicht wie in Europa von Kirchen oder dem Staat, sondern von Ärzten gegründet. Daher überwiegen einige große und viele kleinere Privatkliniken, die nun weder organisatorisch noch finanziell plötzliche Investitionen stemmen können.

    Zudem beschränkt das System den politischen Handlungsspielraum. Denn die Regierungen können den privaten Kliniken nicht einfach befehlen, Intensivbetten auszubauen. Und ob sich die Manager mit Subventionen locken lassen, ist noch unklar. Schließlich sorgen sich die Unternehmen, dass sie als Covid-19-Spital andere Kunden verlieren und so ihre Finanzprobleme noch verschärfen. Die öffentlichen Hospitäler tragen daher bisher den Hauptteil der Last, beklagen japanische Medien.

    Damit rächen sich die zwei größten strukturellen Probleme Japans: die rapide alternde Gesellschaft und der fehlende Wille zu harten Reformen des Krankenhauswesens. Seit 2010 schrumpft die Bevölkerung, während inzwischen bereits mehr als 28 Prozent der Einwohner über 65 Jahre sind. Daher wird schon lange gespart.

    So halbierte die Regierung in den vergangenen 30 Jahren nicht nur die Zahl der öffentlichen Gesundheitsämter, die nun Japans Corona-Tests durchführen und Infektionsketten verfolgen müssen. Zudem senkt sie regelmäßig Preise für Arzneimittel und ärztliche Behandlungen und dehnt den Selbstbehalt der Krankenversicherten aus.

    Japan hofft auf den sanften Corona-Notstand

    Zu allem Überfluss wurden die Krankenhäuser härter getroffen als die normale Ärzteschaft, meint Experte Shibuya. Denn die starke Ärztelobby repräsentiere und schütze vor allem Haus- und Fachärzte.

    Lange Zeit wurden Engpässe durch massive Überstunden und unbezahlte Arbeit junger Doktoren übertüncht. Doch Arbeitszeitreformen sollen nun ein Burn-out der Ärzteschaft verhindern. Und eine Umwidmung von Betten ist nicht einfach, da nun auch ausgebildete Intensivmediziner und -pfleger fehlen.

    Für Japan liegt daher die größte Hoffnung darin, auch die dritte Virenwelle früh zu beenden. Noch hofft die Regierung, dies mit relativ sanften Maßnahmen zu schaffen. Die meisten Geschäfte sind auch im Notstand weiterhin geöffnet. Allerdings sollen Firmen wieder mehr Telearbeit leisten, Restaurants und Bars um 20 Uhr freiwillig schließen. Denn das Notstandsgesetz erlaubt bisher keine Befehle und Strafen.

    Das will die Regierung nun durch eine Gesetzesnovelle ändern, um den Bitten mehr Biss zu verleihen. Viel Zeit bleibt aber nicht, warnte der Gouverneur der Präfektur Nagano, Moriichi Abe: „Wenn diese Situation anhält, werden wir nicht in der Lage sein, Leben zu retten, die gerettet werden könnten.“

    Mehr: Corona-Notstand verschärft Japans Sushi-Krise

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