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Coronakrise Der Lockdown ist lange vorbei – Doch London kommt nicht in die Gänge

Premier Johnson ruft zur Rückkehr ins Büro auf. Doch die Londoner bleiben lieber zu Hause – mit gravierenden Folgen für die Innenstadt.
12.08.2020 - 03:59 Uhr Kommentieren
Banken, Versicherer und Vermögensverwalter haben keine Eile, in ihre Büros in der City zurückzukehren. Quelle: AFP
Londoner Finanzviertel

Banken, Versicherer und Vermögensverwalter haben keine Eile, in ihre Büros in der City zurückzukehren.

(Foto: AFP)

London Viel ist nicht los in der Markthalle am Covent Garden. Eine Handvoll Händler haben ihre Waren auf den Ständen ausgebreitet, doch Londons Touristenmagnet hat sichtlich an Anziehungskraft verloren. „Ich nehme Kreditkarten, Euros, alles, aber niemand kauft was“, klagt der Schmuckhändler Geoff. Seine Zielgruppe macht sich seit Beginn der Corona-Pandemie rar: „Es gibt keine Touristen mehr.“

Im Londoner Finanzviertel einige Kilometer weiter östlich ist es sogar noch ruhiger. „Normalerweise hätten wir um diese Uhrzeit volles Haus“, sagt der Concierge des „Ned“, eines beliebten Bankertreffs neben der Bank of England. Stattdessen ist die Hälfte des weitläufigen Restaurants zur Mittagszeit geschlossen, in der anderen Hälfte verlieren sich die wenigen Gäste. „So ist es jetzt jeden Tag“, erklärt der Empfangschef resigniert. Mit einer Besserung rechnet er erst im neuen Jahr.

Fünf Wochen nach dem Ende des Lockdowns ist die Londoner Innenstadt immer noch weit von der alten Geschäftigkeit entfernt. Auf den ersten Blick sind die Straßen wieder etwas belebter, aber von einem Aufschwung ist wenig zu spüren. Verkäufer stehen gelangweilt vor ihren Läden, die sonst überquellenden Straßenterrassen sind einladend leer.

Johnsons Ansage verhallt ungehört

Die Einzelhändler und Gastronomen leiden unter einem Corona-Doppelschlag: Die beiden wichtigsten Kundengruppen, Touristen und Büropendler, sind weggebrochen.

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Standort erkennen

    Die einen bleiben angesichts der hohen britischen Opferzahl lieber in ihren Heimatländern, die anderen im Homeoffice in den Vororten. „Wenn diese beiden Schlüsselgruppen wegfallen, hat London ein großes Problem“, sagt Richard Holt von der Analysefirma Oxford Economics.

    Seit Anfang August gilt die Ansage von Premierminister Boris Johnson, ins Büro zurückzukehren. Doch kaum ein Bewohner der Neun-Millionen-Metropole fühlt sich angesprochen. Johnson selbst geht mit schlechtem Beispiel voran: Er arbeitet in diesen Sommertagen lieber auf seinem Landsitz als in der Downing Street. Der Kontrast zum Rest Europas ist auffällig. Während in Berlin und Paris laut einer Umfrage der US-Investmentbank Morgan Stanley mehr als 70 Prozent der Arbeitnehmer in die Büros zurückgekehrt sind, verzeichnet London nur 31 Prozent.

    Grafik

    Fragt man bei den großen Vermietern nach, sind es sogar noch weniger: Von den 120.000 Angestellten in den Hochhäusern der Canary Wharf seien erst 15 Prozent wieder da, teilt der Eigentümer Canary Wharf Group mit. Hier haben die britischen Großbanken HSBC und Barclays ihren Sitz.

    In der Innenstadt sehe es ähnlich aus, sagt Lahari Ramuni vom Thinktank Centre for Cities. Im Zwei-Meilen-Radius um den Trafalgar Square liege die Zahl der Arbeitnehmer bei 13 Prozent des Vorkrisenniveaus. Die Zahl der Passanten insgesamt habe inzwischen 26 Prozent erreicht. In Rumanis High-Street-Index, der den Aufschwung in britischen Stadtzentren misst, landet London damit auf dem letzten Platz.

    London im britischen Vergleich auf dem letzten Platz

    Es ist eine ungewohnte Rolle für die Hauptstadt. Normalerweise führt sie die nationalen Rankings an – meist mit großem Abstand vor den anderen Regionen. Doch nun kommt der Wirtschaftsmotor des Landes einfach nicht in die Gänge. „In der Coronakrise hinkt London hinterher“, bestätigt Simon French, Chefvolkswirt des Brokerhauses Panmure Gordon.

    Zwar kann der Großteil der Londoner Angestellten gut von zu Hause aus arbeiten und ist dort womöglich sogar produktiver. Deshalb werde die Wirtschaftsleistung der Stadt im Gesamtjahr nicht stärker fallen als im Rest des Landes, schätzt Ökonom Holt. Er rechnet mit einem Rückgang von zehn Prozent.

    Doch ist das kein Trost für die unzähligen Läden, Restaurants und Kultureinrichtungen in der Innenstadt. Für sie bedeutet die ewige Sonntagsruhe den Ruin. Seit dem Ende des Lockdowns verzeichnen die Einzelhändler an der Einkaufsmeile Oxford Street 70 Prozent weniger Kunden, sagt eine Sprecherin der New West End Company, die 600 Firmen vertritt. Viele werden nur durch die Notkredite und das Kurzarbeitsprogramm der Regierung über Wasser gehalten.

    Zahl der Insolvenzen steigt

    „Wenn die Menschen nicht bald in großer Zahl zurückkehren, wird es unwiderruflichen Schaden geben“, warnt der Ökonom Gerard Lyons im Wochenmagazin „The Spectator“. „Viele der Läden und Lebensmittelketten, die Pendler und Shopper bedienen, werden nicht überleben.“

    Lyons, der Premier Johnson in dessen Londoner Bürgermeistertagen in Wirtschaftsfragen beraten hatte, sorgt sich auch um die Theater, Klubs und andere Eventveranstalter. Da die Abstandsregeln den Betrieb unmöglich machen, müsse sein Ex-Chef dem französischen Beispiel folgen und alle Kulturjobs bis zum Sommer 2021 garantieren, fordert Lyons. Das sei für eine Weltstadt wie London eine Standortfrage.

    Auch Catherine McGuinness schlägt Alarm. „Wir brauchen mehr Aktivität auf unseren Straßen“, sagt die Policy-Chefin der Bezirksverwaltung des Finanzviertels. „Wenn die Wirtschaft nicht bald in Gang kommt, wird der langfristige Schaden groß sein.“ Die nationale Statistikbehörde registrierte bereits in der ersten Jahreshälfte landesweit einen Anstieg der Insolvenzen um 14 Prozent. Experten erwarten, dass sich dieser Trend in der zweiten Jahreshälfte noch verstärkt.

    Regierung erwartet Rückkehr der Pendler nach den Ferien

    Das Einzelhandelssterben hatte schon vor der Coronakrise begonnen, aber nun nimmt die Zahl der „Closing down“-Schilder in den Schaufenstern rapide zu. Das Hemdengeschäft TM Lewin und die Salatbar-Kette Tossed machen gar nicht mehr auf. Die Sandwich-Kette Pret-a-Manger und der Kioskbetreiber WH Smith haben Schließungen einzelner Läden und Entlassungen angekündigt. Weitere werden folgen, wenn die Unterstützung des Staates ausläuft.

    Um Menschen in die Restaurants zu locken, hat Finanzminister Rishi Sunak eine Rabattaktion gestartet: An drei Tagen in der Woche bieten Gastronomen nun einen Nachlass von bis zu zehn Pfund pro Gast. Doch profitieren vor allem die Wohnviertel, wo das Leben derzeit stattfindet. Kaum jemand fährt deshalb ins Zentrum.

    Die Regierung hofft, dass die Pendler und Shopper im September zurückkehren, wenn die Schulen wieder öffnen. Dann sei zumindest die Kinderbetreuung gesichert. Doch Beobachter sind skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die Schulöffnung die Lage grundlegend verändern wird“, sagt Ökonom French. Die Leute hätten weiterhin Angst, die U-Bahn zu nehmen. Und die Regierung bezahle mit ihrem Kurzarbeitsprogramm Millionen Briten dafür, zu Hause zu bleiben. Er rechnet damit, dass bis Jahresende im besten Fall 50 Prozent der Beschäftigten in ihre Büros zurückkehren.

    Arbeitgeber haben keine Eile

    Viele Arbeitgeber machen keinen Druck. Der Tech-Konzern Google etwa erwartet seine Angestellten in der Europazentrale erst im Sommer 2021 zurück. Auch Banken, Versicherer und Vermögensverwalter lassen es gemächlich angehen. „Wir haben keine Eile“, sagt die Europachefin der Silicon Valley Bank, Erin Platts. Das spiegelt die Stimmung in der Branche. Die Großbank Natwest hat angekündigt, dass ihre 49.000 Mitarbeiter für den Rest des Jahres zu Hause arbeiten werden. Andere Banken betonen die Freiwilligkeit bei der Rückkehr. 

    Die Dringlichkeit variiert von Bereich zu Bereich. Während die Research-Abteilungen auch noch länger zu Hause arbeiten können, sind die Investmentbanken daran interessiert, die Trader in die Handelssäle zurückzuholen. Gerade für den Nachwuchs sei es wichtig, mit erfahrenen Kollegen zusammenzuarbeiten, sagt ein Bankmanager. Doch ist es für die Arbeitgeber weniger aufwendig, die Mitarbeiter zu Hause zu lassen, als einen reibungslosen Ablauf im Büro zu organisieren. Schon die Anreise ist für viele ein unlösbares Problem.

    Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ruft weiterhin dazu auf, die U-Bahn zu meiden, um das Infektionsrisiko zu verringern. Ohne öffentliche Verkehrsmittel wird es aber keine Rückkehr zum Alltag geben. Ein weiterer begrenzender Faktor sind die Fahrstühle in den Bürotürmen. Alle großen Unternehmen haben ihre Belegungspläne entsprechend reduzieren müssen.

    Die Sandwich-Verkäufer in der Londoner Innenstadt werden daher noch eine Weile auf den Aufschwung warten müssen. Der „Gamechanger“ werde erst der Corona-Impfstoff sein, meint Holt. Mit einer Erholung des Tourismus ist ebenfalls nicht so bald zu rechnen – nicht zuletzt, weil die Regierung für viele Besucher aus dem Ausland noch eine zweiwöchige Quarantäne vorschreibt. Dieses Jahr wird die Stadt mit einem Bruchteil der sonst üblichen 20 Millionen Besucher auskommen müssen.

    Ein guter Indikator für die aktuelle Touristendichte ist die Schlange am London Eye, dem Riesenrad an der Themse. Sonst eine mehrstündige Angelegenheit, ist sie in diesen Tagen keine zehn Meter lang.

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