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Coronakrise Die türkische Wirtschaft leidet – doch Unternehmer sehen in der Krise auch eine Chance

Die Coronakrise trifft türkische Unternehmen hart, doch viele reagieren flexibel. Die Wirtschaft des Landes könnte sogar davon profitieren – wenn die Politik mitspielt.
06.07.2020 - 06:51 Uhr Kommentieren
Die Ausbreitung von Corona hat die global vernetzte türkische Wirtschaft hart getroffen. Der Tourismus erlebte einen Quasi-Stillstand. Quelle: dpa
Menschenleere Strände in der Türkei

Die Ausbreitung von Corona hat die global vernetzte türkische Wirtschaft hart getroffen. Der Tourismus erlebte einen Quasi-Stillstand.

(Foto: dpa)

Istanbul Nergis Özcan, die Geschäftsführerin des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf in der Türkei war überrascht, als sie hörte, wie mancher türkische Kunde auf die Coronakrise reagierte. Die Firmen bildeten intern neue Abteilungen, die sich mit dem Export beschäftigen. „Es kommen Anfragen aus Ländern wie Italien, die vorher nie Produkte in der Türkei bestellt haben“, erzählt Özcan erstaunt.

Die türkische Wirtschaft leidet wie die vieler Länder unter den Folgen der Covid-19-Pandemie. Aber türkische Unternehmerinnen und Manager sehen in der Krise Chancen. „Jetzt zählen nicht nur Gewinn und Effizienz“, erklärte der Präsident der Istanbuler Handelskammer ITO, Sekib Avdagic, Ende April. „Jetzt zählt Durchhaltevermögen.“ Und, wie die Unternehmerin Özcan erzählt, eröffnen sich neue Exportchancen.

Die Stimmung der türkischen Wirtschaft hat sich bereits spürbar aufgehellt. Das Barometer dazu kletterte im Juni um 19,1 Punkte zum Vormonat auf 73,5 Punkte, wie das nationale Statistikamt Ende Juni mitteilte. Wenn die türkischen Unternehmen durchhalten, können sie jetzt wichtige Marktanteile erlangen, glauben die Manager. Sie sehen die Schwachstellen weniger in der Erholung der Wirtschaft als in der Politik.

Die Ausbreitung des neuartigen Virus hat die global vernetzte türkische Wirtschaft zunächst hart getroffen. Der Tourismus erlebte einen Quasi-Stillstand. Die Branche steht für 11,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 17,5 Prozent aller Exporte.

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    Auch die weltweit größte Reisegesellschaft TUI betreibt Hotels in der Türkei, die infolge der Corona-Pandemie schließen mussten. Die Reisewarnung der Bundesregierung, die offiziell bis Ende August gilt, macht es für den deutschen Konzern nicht leichter – und das, obwohl das Unternehmen nach eigenen Angaben Anfang des Jahres „einen Traumstart“ hingelegt hatte.

    Einbrüche um bis zu 80 Prozent

    Die Industrie in der Türkei leidet ebenfalls unter der schwachen Nachfrage. Das drückt auf die Einnahmen. Einer Umfrage der AHK Türkei unter ihren 900 Mitgliedern zufolge erwartet jedes dritte befragte Unternehmen einen Umsatzrückgang von mindestens 25 Prozent. Vor allem der Rückgang der Nachfrage aus dem Inland sowie aus der EU bereitet den befragten Managern Sorgen.

    Die türkische Wirtschaft ist allerdings Krisen gewohnt. In den Jahren 2016 und 2017, nach einer Terrorphase und einem Putschversuch, war die Nachfrage nach türkischen Produkten und Dienstleistungen eingebrochen. Doch schon ein Jahr später strömten wieder Touristen an die türkischen Strände, und die Produktion lief vielerorts längst auf Hochtouren.

    Auch jetzt lassen viele Firmen in der Türkei die Krise schnell hinter sich. Ejot-Manager Radel berichtet, dass schon im Juni die Auslastung seines Werks wieder bei 75 Prozent lag. Für die nächsten Monate rechnet er mit einer weiteren Steigerung. Unternehmerin Inci betont, dass das Geschäft im Juni bereits besser lief als im Mai. „Für das vierte Quartal gehen wir davon aus, wieder mit unserer vollen Kapazität zu produzieren.“

    Eine große Hilfe dürfte die schwache Währung darstellen. Türkische Produkte sind zuletzt in Euro oder Dollar gerechnet deutlich günstiger geworden. Türkische Konkurrenten könnten europäische Hersteller schon bald verdrängen.

    Außerdem gibt es Branchen, die auch in der Krise gut liefen. In der Bauindustrie hat sich die Pandemie kaum bemerkbar gemacht, meint Nükhet Demiren. „Wir haben selbst in der Hochphase der Kontaktbeschränkungen nur zehn Prozent Umsatzeinbußen verzeichnet“, erklärt die Geschäftsführerin der Türkeitochter des Gasbeton-Herstellers Ytong.

    Die studierte Informatikerin leitet außerdem das türkische IT-Unternehmen Infina, das maßgeschneiderte Software an hiesige Investmentbanken verkauft. Auch Robo-Advising gehört zu ihrem Portfolio. Umsatzeinbruch im Zuge von Corona? „Null“, sagt sie. Vielmehr habe der elektronische Handel auch in der Türkei zugenommen. Sie blickt für beide Firmen, die sie anführt, optimistisch in die Zukunft.

    Sorgenkind ist die Autoproduktion

    Als Sorgenkind dürfte hingegen die Produktion von Automobilen und Autoteilen gelten. Die Türkei ist fünfgrößter Produktionsstandort Europas. Alleine im Jahr 2019 liefen 1,5 Millionen Neufahrzeuge in der Türkei vom Band. 30 der 50 führenden Zulieferer produzieren in dem Land.

    80 Prozent der Exporte im Bereich Automotive gehen nach Europa. Und genau da hakt es. „Weil in den Kernmärkten in Europa vorerst weniger Autos nachgefragt werden, steigt der Kostendruck auf die Zulieferer“, weiß Alper Kanca, der dem Verband der Automobilzulieferer (Taysad) vorsitzt. Er fürchtet einen erbitterten Konkurrenzkampf unter den Anbietern. „Der Wettbewerb wird tödlich“, prophezeit Kanca.

    „Wir sehen besonders starke Einbrüche im Automotive-Bereich um bis zu 80 Prozent“, erklärt Andreas Radel, Geschäftsführer der Türkei-Tochter von Ejot, einem mittelständischen Werkstoffhersteller mit Hauptsitz in Deutschland. „Die meisten Kunden im Inland haben zwei Monate gar nichts gekauft.“

    Auch Perihan Inci hatte mit einem Umsatzeinbruch zu kämpfen. Die türkische Unternehmerin leitet den Automobilzulieferer Inci in zweiter Generation. Im April seien die Umsätze um 35 Prozent gesunken. „Im Juni rechnen wir mit einem Minus von 50 Prozent.“

    Gleichzeitig glaubt Verbandspräsident Kanca, dass viele europäische Unternehmen künftig ihre Lieferketten geografisch verkürzen wollen. „Je näher der Produktionsstandort, desto besser“, sei die Devise. Die Türkei habe da bessere Chancen als ostasiatische Länder. Das sieht auch Familienunternehmerin Perihan Inci so.

    Vor allem Maschinen und Autoteile aus Asien hätten während der Hochphase der Pandemie nicht geliefert werden können. Solche Probleme habe es bei ihr nicht gegeben. „Wegen der geografischen Lage wird die türkische Industrie nach Corona zum strategischen Partner für Europa“, ist sie sich daher sicher.

    Markus Slevogt, Präsident der AHK Türkei, pflichtet bei. „Die Türkei hat eine gute Infrastruktur, um ihre Lieferketten nah an Europa aufzubauen“, ist er überzeugt. Für deutsche Unternehmen, die über eine gut gefüllte Kasse verfügen, ergäben sich damit Chancen.

    Hohe Lohnstückkosten und neue Importzölle machen es Unternehmern schwer

    Auch Ejot-Manager Radel ist davon überzeugt, sieht aber eine Hürde bei den türkischen Lohnstückkosten gerade in türkischen Großstädten. „Die sind in Asien erheblich geringer als in der Türkei.“ Aber wenn es um das Risiko eines Lieferausfalls geht, dann spielten eben nicht nur Kosten eine Rolle. 

    Trumpf-Managerin Özcan geht davon aus, dass sich die türkische Wirtschaft ebenso schnell erholt, wie sie im Frühjahr abgerutscht ist. Allerdings wurde Ende Juni bekanntgegeben, dass Zollgebühren für den Import von Werkmaschinen um 20 Prozent angehoben werden. „Genau diese unerwarteten Regelungen gefährden den Geschäftserfolg von Unternehmen, deren Umsatz auch vom Import abhängig ist“, sagt Özcan.

    Die Doppel-Unternehmerin Demiren fordert, dass die türkische Regierung noch mehr in das Thema Digitalisierung investieren sollte, um die Krise schneller hinter sich zu lassen. „Die weltweiten Startup-Zentren sind immer noch in den USA, China oder Europa“, klagt sie, „Istanbul spielt da nur eine untergeordnete Rolle“. Sie fordert stärkere Subventionen aus Ankara für junge Unternehmen.

    Außerdem solle die Türkei ihre Beziehungen zu anderen Staaten verbessern. Vor allem in Europa sei es wichtig, diejenigen zu stärken, die sich für die Türkei engagierten, meint sie. „Die politischen Interessen müssen von den wirtschaftlichen Interessen getrennt werden.“

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