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Coronakrise EU-Staaten versetzen ihre Armeen in den Bereitschaftsmodus

Sie kontrollieren Ausgangssperren, füllen Regale, bauen Krankenhäuser und transportieren Leichen: Im Kampf gegen die Corona-Pandemie mobilisieren viele Länder ihre Armeen.
30.03.2020 - 19:47 Uhr Kommentieren
In Frankreich ist das Militär stark eingebunden in die Bekämpfung des Coronavirus. Quelle: dpa
Französische Soldaten in Feldhospital in Mulhouse

In Frankreich ist das Militär stark eingebunden in die Bekämpfung des Coronavirus.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Paris, Berlin, Wien, London Die Bilder von Militärlastwagen, die vor zwei Wochen bei Nacht Särge mit Corona-Toten aus Bergamo in andere Gemeinden fuhren, gingen um die Welt. Sie werden als schreckliches Symbol der Pandemie im kollektiven Gedächtnis bleiben.
Doch die scharfen Kontrollen der nunmehr seit drei Wochen andauernden Ausgangssperre in Italien sind weiterhin Aufgabe der Polizei, nicht der Armee. „Wir wollen keine Militarisierung“, sagte Verteidigungsminister Lorenzo Guerini von der Regierungspartei PD. „Wenn aber die örtlichen Präfekten die Streitkräfte anfordern, können diese die Polizei unterstützen.“ 

Dazu würden die 7000 Soldaten des Programms „Sichere Straße“ eingesetzt. Im Bedarfsfall könnte die Zahl erhöht werden. Rund 100 Soldaten wurden auf Anforderung der örtlichen Behörden in Sizilien tätig, ebenso viele in Kampanien sowie an der Grenze zu Slowenien.

In der Coronakrise kommen europaweit die Armeen zum Einsatz. Auch in Deutschland: Nach anfänglichem Zögern hat die Bundeswehr am vergangenen Freitag in den Bereitschaftsmodus umgeschaltet. Anders als in anderen Ländern erlaubt das Grundgesetz den Einsatz von Soldaten im Inland nur in Notlagen. Ähnlich wie in Italien sind es aber auch hierzulande die lokalen Behörden, die um Amtshilfe bitten.

Nachdem bis letzten Freitag die Zahl der Amtshilfegesuche auf 200 hochgeschnellt war, stellt die Bundeswehr jetzt 15.000 Soldaten für schnelle Noteinsätze bereit. Das kündigte der Inspekteur der Streitkräftebasis, Martin Schelleis, an. Schelleis wird die Einsätze von bundesweit vier Kommandoeinheiten koordinieren.

Nicht zum Einsatz kommen allerdings Soldaten bei Kontrollen der Bürger, ob sie das Kontaktverbot einhalten: Das bleibt Aufgabe der Polizei. Die Soldaten sollen anpacken, wenn es um den Aufbau und die Einrichtung von Notkliniken oder die „Massenunterbringung in Quarantäne“ gehen wird. In Berlin etwa hilft die Bundeswehr beim Aufbau einer Notfallklinik. Soldaten sollen beim Objektschutz helfen, etwa Strom- und Wasserkraftwerke bewachen. Eingesetzt werden auch 500 Armeelastwagen mit 2500 Logistiksoldaten.

Hilfe vor allem im Logistikbereich

Auch in Italien, das ähnlich wie Deutschland seinen Wehretat jahrelang stark gekürzt hatte, leisten Soldaten vor allem logistische Hilfsdienste. In den besonders betroffenen Städten Piacenza, Bergamo und Cremona wurden Feldkrankenhäuser aufgebaut, Militärärzte und -krankenschwestern sind im Einsatz, Kasernen wurden zur Betreuung von Corona-Kranken umgerüstet, und die Luftwaffe hat italienische Corona-Patienten isoliert aus Wuhan ausgeflogen. Auch die Bundeswehr hat zu Beginn der Krise Deutsche aus China zurückgeflogen.

Inzwischen setzt die Bundeswehr ihre Krankentransport-Airbusse auch ein, um schwerkranke Covid-19-Patienten aus Italien und Frankreich zur Behandlung in deutschen Kliniken zu bringen: Noch ist hier Platz auf den Intensivstationen.

Deutsche Luftwaffe zum Transport von Covid-19-Patienten eingesetzt

Bei den meisten Einsätzen in Deutschland geht es schlicht ums Anpacken. Militärärzte und -sanitäter werden kaum außerhalb der Bundeswehr tätig werden: Die Bundeswehr hat selbst zu wenig medizinisches Personal. So gibt es in Deutschland knapp 400.000 zivile Ärzte, bei der Bundeswehr laut Schelleis nur 3000.

In Frankreich, das wie Großbritannien über eine stärkere Armee verfügt als Deutschland, hat die Armee in Mulhouse ein Feldlazarett mit Betten für 30 Personen aufgebaut, in dem Covid-19-Patienten behandelt werden. Zeitgleich flog ein Armee-Airbus ein Dutzend Erkrankte aus Mulhouse in ein Krankenhaus in der Region Aquitaine. Das Elsass ist eine der am schlimmsten betroffenen Gegenden. Die Krankenhäuser sind mittlerweile völlig überlastet und haben keine Kapazitäten mehr für Patienten, die beatmet werden müssen.

Großeinsatz in der Schweiz

Aus demselben Grund flogen Armeehubschrauber am Samstag mehrere besonders schwer erkrankte Patienten aus Metz in Lothringen nach Essen. Fortgeführt wird der Einsatz von Fallschirmjägern, die teilweise Polizeiaufgaben übernehmen. Präsident Emmanuel Macron hat außerdem veranlasst, dass zwei große Kommando- und Landungsschiffe aus Frankreich in die Überseegebiete abkommandiert werden. Frankreich sieht Macron „im Krieg“ gegen das Coronavirus.

In der Schweiz wiederum spricht die Regierung vom „größten Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg“. Allerdings war damals das Land neutral geblieben. Etwa 8000 Armeeangehörige bekämpfen die Epidemie. Die Armee soll primär im Gesundheitswesen im Kampf gegen das Coronavirus helfen; in der Pflege, bei der Patientenüberwachung, mit Sanitätstransporten. Zudem hält sie sich bereit, temporäre Krankenhäuser aufzubauen. Die Aufgaben sind ähnlich wie in Spanien: Dort desinfizieren Soldaten Altenheime, transportieren Tote und bauen Krankenstationen auf Messegeländen.

Anders als die meisten EU-Staaten setzt Österreich auf eine Teilmobilmachung. Die Regierung hat zehn Prozent der Reservisten zum Kampf gegen die Coronakrise einberufen. Nach Angaben der Verteidigungsministerin sollen bis zu 3000 Reservisten aktiviert werden. 

Die Milizsoldaten sollen nach einer zweiwöchigen Ausbildung ab 18. Mai die Grundwehrsoldaten und Berufssoldaten Schritt für Schritt ersetzen. Bisher hilft das Bundesheer in den Logistikzentren von Handelskonzerne wie Rewe und Spar mit, um einen Versorgungsengpass zu verhindern. Ab Mai sollen Soldaten die Polizei bei der Überwachung der Bevölkerung unterstützen. „Die Anforderungen für das Heer werden mehr“, sagte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner.

Gesundheitswesen in Not

In Großbritannien leistet die Armee medizinische Unterstützung für das notleidende Gesundheitssystem NHS im Kampf gegen Corona. 20.000 Soldaten stehen bereit, 700 sind bisher im Einsatz. Truppentransporter bringen Gesichtsmasken und Handschuhe in die Krankenhäuser. Das Militär unterstützt auch bei der Lebensmittelversorgung der 1,5 Millionen besonders gefährdeten Einwohner, die drei Monate lang unter striktem Hausarrest stehen.

In London, das am stärksten von der Epidemie betroffen ist, entsteht gerade das erste Feldlazarett für Covid-19-Patienten: Die Armee verwandelt das 100.000 Quadratmeter große Excel-Tagungszentrum in ein provisorisches Krankenhaus. Mit bis zu 4000 Betten wird es zum größten Spital des Landes. Das Konferenzzentrum liegt direkt neben dem City-Airport. Patienten könnten also leicht aus ganz Großbritannien eingeflogen werden. Weitere Corona-Kliniken entstehen in Birmingham und Manchester.

Der staatliche Gesundheitsdienst NHS kann die Krise allein nicht stemmen. Die britischen Krankenhäuser haben nur 4000 Intensivbetten – eine der geringsten Quoten in Europa. Das medizinische Personal ist nach jahrelangen Sparrunden ausgedünnt. Soldaten mit Sanitäterausbildung werden als Helfer herangezogen.

Mehr: Alle Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog.

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