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Coronakrise Großbritannien droht schwerste Rezession seit dem 17. Jahrhundert – doch der Lockdown bleibt

Obwohl die Folgen für die Wirtschaft dramatisch sind, lockert Großbritannien den Lockdown nicht. Schritte in Deutschland werden teils ungläubig, teils neidisch beobachtet.
24.04.2020 - 08:28 Uhr Kommentieren
Vor sechs Wochen war in Großbritannien noch alles erlaubt – und Johnsons Laisser-faire-Kurs wurde angesichts der stark steigenden Infektionszahlen als fahrlässig kritisiert. Quelle: AP
Straßenkunst zur Unterstützung des Gesundheitssystems

Vor sechs Wochen war in Großbritannien noch alles erlaubt – und Johnsons Laisser-faire-Kurs wurde angesichts der stark steigenden Infektionszahlen als fahrlässig kritisiert.

(Foto: AP)

London Großbritannien steht möglicherweise vor dem tiefsten Wirtschaftseinbruch seit Jahrhunderten. Das zumindest erwartet David Owen, Volkswirt bei der Investmentbank Jefferies. In diesem Jahr könne die Wirtschaftsleistung um bis zu 20 Prozent einbrechen, sagt er. Das habe es zuletzt im 17. Jahrhundert gegeben.

Auch mittelfristig rechnet der Ökonom nicht mit einer Erholung. Hoffnungen auf einen schnellen Aufschwung in V-Form hält er für unrealistisch. Owen geht davon aus, dass der Verlauf wie ein L aussehen wird: ein tiefer Sturz, gefolgt von jahrelanger Rezession. So etwas habe das Land in der modernen Zeit noch nie erlebt, sagt Owen.

Trotz dieser düsteren Aussichten hat die britische Regierung keine Eile, die Ausgangsbeschränkungen zu lockern. Während in Deutschland die ersten Geschäfte wieder öffnen, bleibt London vorsichtig. Der Lockdown soll mindestens bis zum 11. Mai dauern. Das Wichtigste sei, eine zweite Ansteckungswelle zu verhindern, sagt Außenminister Dominic Raab, der den an Covid-19 erkrankten Premierminister Boris Johnson vertritt.

Zwar sinkt die Zahl der täglichen Neuinfektionen und der täglichen Todesfälle seit gut zwei Wochen im Trend. Aber beide sind noch immer auf einem hohen Niveau. Allein in den Krankenhäusern sind schon mehr als 18.000 Menschen gestorben.

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    Nimmt man die Tausenden Toten in Pflegeheimen und eigenen Wohnungen hinzu, die erst mit mehrwöchiger Verspätung von der nationalen Statistikbehörde gemeldet werden, liegt die wirkliche Todeszahl bei mehr als 41.000, schätzt die „Financial Times“. Die Zeitung hat die Todeszahlen der Statistikbehörde extrapoliert, also sich aus der bisherigen, bekannten Entwicklung erschlossen. Sollten sich diese Zahlen bewahrheiten, wäre Großbritannien mit seinen rund 67 Millionen Einwohnern das europäische Land mit den meisten Corona-Todesopfern.

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    Es ist daher unwahrscheinlich, dass der Lockdown auf der Insel bald aufgehoben wird. Ungläubig blicken manche Beobachter auf die Lockerungsübungen in Deutschland. Deutschland erliege dem „Gewinnerfluch“, kommentierte „Daily Telegraph“-Kolumnist Ambrose Evans-Pritchard.

    Angesichts der niedrigen Todeszahlen mache sich ein trügerisches Gefühl der Sicherheit breit. Ähnlich argumentiert der deutsche Virologe Christian Drosten und warnt vor britischen Verhältnissen in Deutschland.

    Vor sechs Wochen war in Großbritannien noch alles erlaubt – und Johnsons Laisser-faire-Kurs wurde angesichts der stark steigenden Infektionszahlen als fahrlässig kritisiert. Inzwischen hat sich das Bild gedreht, gehen die Briten disziplinierter mit der Krise um als die Deutschen.

    In der Bevölkerung gibt es eine breite Zustimmung für den Regierungskurs: Vier Fünftel unterstützen laut einer YouGov-Umfrage die Ausgangsbeschränkungen. Nur fünf Prozent finden, die Vorschriften sollten zum jetzigen Zeitpunkt gelockert werden. Und nur dreißig Prozent sind der Meinung, dass sie in drei Wochen gelockert werden sollten.

    Neuverschuldung steigt

    Der neue Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, warnte in seinem ersten Interview ebenfalls vor einer zu frühen Lockerung. Man müsse die menschliche Psychologie bedenken, sagte er der „Daily Mail“. Wenn man den Lockdown aufhebe und ihn dann später wieder einführen müsse, wäre das Vertrauen der Menschen ernsthaft beschädigt.

    Doch das Vorpreschen Deutschlands setzt Johnson unter Druck, ebenfalls einen Plan für das Ende des Lockdowns vorzulegen. In der konservativen Unterhausfraktion mehren sich die Rufe nach einem Exit. Erste Unternehmen wie die Baufirma Taylor Wimpey und der Autobauer Aston Martin kündigten an, ihre Geschäfte in den kommenden Wochen wieder hochzufahren.

    Die Wirtschaftsverbände halten sich mit Kritik zurück. Es sei richtig, die Ausgangsbeschränkungen beizubehalten, erklärte der Unternehmerverband CBI. Viele Arbeitnehmer hätten Angst, zur Arbeit zurückzukehren, begründet CBI-Chefin Carolyn Fairbairn.

    Unternehmen sträubten sich, Gesichtsmasken für die Belegschaft zu bestellen, weil sie den Mangel im staatlichen Gesundheitssystem NHS nicht noch verschärfen wollen. Dennoch müsse die Regierung zumindest einen Fahrplan für das Ende des Lockdowns erarbeiten, damit Unternehmen sich darauf einstellen könnten.

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    Der ökonomische Schaden wird mit jedem Tag größer. Sollten die Ausgangsbeschränkungen bis Ende Juni dauern, würde die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 35 Prozent einbrechen, schätzt die unabhängige Haushaltsbehörde OBR. Im Gesamtjahr erwartet sie einen Rückgang um 13 Prozent. Die Arbeitslosenquote würde sich in dem Szenario auf zehn Prozent verdoppeln.

    Die Krise treibt auch die Neuverschuldung in die Höhe. Im bis Ende März laufenden Fiskaljahr 2020/21 könnte das Haushaltsdefizit laut OBR auf 273 Milliarden Pfund anschwellen. Das entspräche 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. So hoch war die Neuverschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

    Finanzminister Rishi Sunak verkündet immer neue Hilfsprogramme, um Unternehmen und Bürger durch die Rezession zu lotsen. Unter anderem hat er das deutsche Modell der Kurzarbeit übernommen. 80 Prozent ihres Gehalts bekommen die Briten, bis zu 2500 Pfund pro Monat. Allein die Kosten für diese Unterstützung für drei Monate beziffert der Thinktank Resolution Foundation auf 30 bis 40 Milliarden Pfund.

    Unbegrenzte Unterstützung

    Sunak hat auch Hunderte Milliarden Pfund an Krediten und Garantien bereitgestellt sowie direkte Finanzspritzen für kleine Unternehmen, Selbstständige und Start-ups. Der Minister beteuert, er werde die Hilfen „so lange wie nötig“ laufen lassen. Zugleich räumt er ein: „Wir können nicht jedes Unternehmen und jeden Haushalt schützen.“

    Im Unterschied zu seinen italienischen und spanischen Kollegen, die von der EZB und der Euro-Gruppe abhängig sind, muss Sunak nicht fürchten, dass ihm das Geld ausgeht. Die Bank of England hat unbegrenzte Unterstützung zugesichert. Sie kauft nicht nur Staatsanleihen, sondern leiht der Regierung auch direkt Geld.

    „Sie drucken einfach das Geld, das sie brauchen“, sagte Sunaks Vorgänger George Osborne diese Woche. „De facto betreiben sie monetäre Staatsfinanzierung.“ Sorgen um die britische Bonität seien daher unangebracht, sagt Ökonom Owen. Großbritannien habe noch nie eine Staatspleite erlebt, und das werde auch in dieser Krise nicht passieren.

    Dennoch würde der Finanzminister die Wirtschaft lieber früher als später wieder zum Laufen bringen. Gebremst wird er im Kabinett angeblich von Gesundheitsminister Matt Hancock und Premierminister Johnson, der noch unter dem Eindruck seiner Zeit auf der Intensivstation steht. Derzeit erholt sich der Regierungschef auf seinem Landsitz Chequers von der Covid-19-Erkrankung.

    Ein Ampelmodell für den Exit

    In London zirkulieren mehrere Modelle, wie der Lockdown schrittweise gelockert werden könnte. So haben Gerard Lyons und Paul Ormerod vom University College London (UCL) ein Ampelmodell entwickelt. Jede der drei Phasen – Rot, Gelb und Grün – soll drei Wochen dauern. 

    In der ersten Phase „Rot“ soll etwa das Besuchsverbot bei Freunden und Familie fallen – nur für Großeltern soll es weiter gelten. Erste Geschäfte könnten aufmachen, wenn sie die Regeln des Social Distancings beachten. Auch Kindergärten würden wieder den Betrieb aufnehmen. 

    In der gelben Phase wären im Nahverkehr Gesichtsmasken und Handschuhe Pflicht, das Privatauto könnte man uneingeschränkt nutzen. Schulen sollen wieder öffnen, ebenso wie Restaurants, wenn sie die Zahl der Gäste einschränken. Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigten dürften die Arbeit aufnehmen.

    Erst in der dritten Phase dürften auch die Beschäftigten größerer Unternehmen aus dem Homeoffice zurückkehren. Dann sollen auch wieder Großveranstaltungen und Auslandsreisen erlaubt sein.

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    Man begrüße die vorgenommenen Einschränkungen, betonen die beiden Wissenschaftler, aber die damit verbundenen Kosten für die Regierung und die Unternehmen stiegen, je länger der Zustand andauere. Deswegen müsse man sie allmählich auslaufen lassen. 

    Das Problem ist jedoch: Die Regierung ist noch nicht in der Lage, breitflächig Corona-Tests durchzuführen und die Ausbreitung der Krankheit per App zu kontrollieren. Erst wenn dies gewährleistet ist, soll der Lockdown schrittweise gelockert werden. Bis Ende des Monats will die Regierung ihre Testkapazität von 40.000 auf 100.000 pro Tag ausweiten. Auch will sie die Ausstattung der Krankenhäuser verbessern, bevor sie über eine Lockerung der Kontaktsperren nachdenkt.

    Die Haushaltsbehörde OBR erwartet, dass sich die Wirtschaft bald wieder erholt. „Wir erwarten keinen dauerhaften Schaden“, teilte sie vergangene Woche mit. Jefferies-Ökonom Owen hält dies für eine Illusion.

    Zum einen sei es nicht unwahrscheinlich, dass die Pandemie im Herbst erneut ausbreche und einen weiteren Lockdown nötig mache. Zum anderen würden die Staatshilfen wohl irgendwann in der zweiten Jahreshälfte auslaufen, was eine weitere Pleitewelle zur Folge hätte. „Diese Rezession wird nicht schnell vorbei sein“, sagt er.

    Mehr: Neben Deutschland wollen auch andere Staaten die Beschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus lockern. Die EU-Kommission mahnt, sich abzustimmen.

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