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Coronakrise in Spanien „Es herrschen Zustände wie im Krieg“

Millionen unter Hausarrest, die Wirtschaft im Wachkoma: Kaum ein Land ist so vom Coronavirus getroffen wie Spanien. Die Geschichte einer unterschätzten Gefahr.
05.04.2020 - 17:57 Uhr Kommentieren
Corona: Spanien steht schwere Rezession bevor Quelle: dpa
Spanien

Soldaten errichten ein Feldkrankenhaus in einem Sportzentrum in Valencia. Im stark von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Spanien sind binnen 24 Stunden 932 neue Todesfälle registriert worden.

(Foto: dpa)

Madrid Alvaro Mallol hatte sich vorbereitet. Seit im Januar das Coronavirus Chinas Wirtschaft lahmlegte, hat der Unternehmer seine Lager mit Vorprodukten gefüllt. „Wir haben in der Logistik und der Produktion Überstunden gefahren, um möglichst viele Lieferungen verschicken zu können, bevor die Krise nach Spanien kommt“, sagt der Chef von Dicomat, einem Hersteller von elektrischen Komponenten, die bei der Industrie 4.0 oder intelligenten Gebäuden zum Einsatz kommen. Die Kunden sitzen vor allem in Spanien, einige in Portugal.

In der zweiten Märzwoche begannen Mallols Aufträge einzubrechen. Je mehr sich die Seuche in seinem Land ausbreitete, desto weniger wurden es. Seit einer Woche müssen fast alle spanischen Unternehmen geschlossen bleiben, auch Dicomat. „Die Auftragseingänge sind erst um 70 und seit Montag um 95 Prozent eingebrochen“, erzählt Mallol.

Mit 70 Beschäftigten, einem Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro und kaum Schulden bei der Bank gehört sein Unternehmen zu denen, die aus einer vergleichsweise stabilen Position in die Krise schlittern. Doch auch seine Kosten laufen weiter, während die Einnahmen wegbrechen. Mit seinen Angestellten hat er sich zunächst auf Arbeitszeitkonten geeinigt. „Aber wenn wir Ende April nicht wieder öffnen dürfen, muss ich Kurzarbeit beantragen und wohl auch einen Kredit“, sagt er.

Spanien gehört zu den Ländern, die weltweit am stärksten unter der Pandemie leiden. Am Sonntag gab es offiziell 130 759 Infizierte, mehr als in jedem anderen Land Europas. Weltweit gibt es nur in den USA mehr Fälle.

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    Dabei hätte die Regierung das Ausmaß der Krise durchaus begrenzen können, wenn sie früher reagiert hätte. Die Geschichte von Covid-19 in Spanien, es ist die Geschichte einer unterschätzten Gefahr.

    Hospitäler vor dem Kollaps

    12 .418 Menschen sind in Spanien am Coronavirus gestorben, fast ein Fünftel aller Toten weltweit. Das wirkliche Ausmaß der Ansteckung dürfte um ein Vielfaches höher liegen – es gibt bei Weitem nicht genügend Tests, um alle Menschen mit Symptomen zu untersuchen. Das Gesundheitssystem, das eigentlich einen guten Ruf hat, steht durch die Wucht des Ausbruchs vor dem Kollaps.

    Deshalb hat die Regierung den Shutdown der Wirtschaft beschlossen. Die Menschen sollen möglichst zu Hause bleiben. Dieser Shutdown soll nach Ostern enden, die Ausgangssperre dagegen verlängerte Premier Pedro Sánchez am Samstag vorerst bis zum 26. April. Zudem kündigte er bereits an, dass weitere Verlängerungen folgen werden.

    Das Land steuert auf die schwerste Rezession seit Einführung der Demokratie 1977 zu. Die ersten Wirtschaftsdaten sind verheerend: Das Vertrauen der Unternehmer in die Zukunft, Teil des Einkaufsmanagerindexes, sank im März auf den tiefsten jemals gemessenen Wert.

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    Bereits jetzt wurden fast eine Million Jobs zerstört. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen stieg im März so stark wie noch nie um 302.265 Personen. Schon vor der Krise lag die Arbeitslosigkeit in Spanien bei 14 Prozent. Schlechter steht in der EU nur Griechenland da.

    Die spanische Regierung hat wie so viele weltweit ein Hilfsprogramm aufgelegt, das vor allem aus Kreditgarantien besteht. Das Ziel ist, die Unternehmen mit Liquidität zu versorgen, damit sie die Zeit ohne Einnahmen überbrücken können. Ist das Virus erst einmal zurückgedrängt, so die Hoffnung, soll die Erholung genauso steil verlaufen wie der Abschwung. Viele Unternehmer indes sind skeptisch.

    Für Verunsicherung sorgt bei ihnen auch das Krisenmanagement der Regierung. So kritisierte der Chef des Arbeitgeberverbands CEOE, Antonio Garamendi, dass Sánchez den Shutdown beschlossen hat, ohne die Sozialpartner auch nur zu kontaktieren.

    Unmut hat zudem ein Dekret der linkspopulistischen Arbeitsministerin Yolanda Díaz hervorgerufen, das ein sechsmonatiges Kündigungsverbot für die Unternehmen vorsieht, die aufgrund von höherer Gewalt Kurzarbeit in Anspruch nehmen.

    Den Unternehmern geht das zu weit. „Wie soll ich denn alle Mitarbeiter bezahlen, wenn ich nach der Krise erst einmal nur 30 oder 40 Prozent meines normalen Umsatzes mache?“, fragt Oscar Rivera, der in Madrid sechs Restaurants besitzt. Er hat für seine 120 Beschäftigten Kurzarbeit beantragt und einen ersten Kredit aufgenommen, um seine laufenden Rechnungen zu bezahlen. Die Hoffnung, dass er in diesem Jahr noch einen kleinen Gewinn erzielen kann, hat er bereits aufgegeben. „Es geht für mich jetzt nur darum, dass wir überleben“, sagt er.

    Gerade im Gastgewerbe und im Tourismus, den für die spanische Wirtschaft so zentralen Branchen, erwarten Experten einen besonders deutlichen Einbruch. Denn erst wenn sich alle wieder sicher fühlen, werden sie verreisen oder in ein belebtes Lokal gehen.

    „Viele kleine und mittlere Unternehmen werden es sich nicht leisten können, alle Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, wenn der Alarmzustand endet“, sagt Arbeitsmarktexperte Marcel Jansen von der Autonomen Universität in Madrid. „Bleibt die Regierung bei dieser Vorschrift, werden viele eher Insolvenz anmelden.“

    Mit Argwohn verfolgen die Unternehmer, wie Mitglieder der linkspopulistischen Partei Unidas Podemos ihren Einfluss in der noch jungen Koalition mit den Sozialisten ausüben. Auf die sozialistische Wirtschaftsministerin Nadia Calviño lassen die spanischen Unternehmer nichts kommen. Die langjährige EU-Budgetdirektorin hat sich lange gegen eine Sperre und auch gegen einen kompletten Shutdown ausgesprochen, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. „Aber Podemos würde am liebsten den Kommunismus in Spanien wieder einführen“, wettert ein Manager. Ähnlich äußern sich mehrere Arbeitgeber.

    Regierung wiegelt ab

    Dabei sind auch den Sozialisten weitgehend die Hände gebunden. Die Staatskasse ist leer, die Schulden genauso hoch wie die Wirtschaftsleistung. Großzügige Hilfspakete wie Deutschland sie mit den Arbeitgebern vereinbart, kann sich Spanien nicht leisten. Immerhin zeichnet sich in der EU inzwischen die Bereitschaft für eine solidarische finanzpolitische Unterstützung ab, wenn auch nicht für die Euro-Bonds, wie Spanien und Italien sie fordern. 

    Der spanische Arbeitgeberpräsident Antonio Garamendi weist zudem darauf hin, dass die Firmen solider in diese Krise gehen als in die vergangene. „Die spanischen Unternehmen sind heute viel stärker und internationaler aufgestellt. Das ist ein sehr wichtiger Unterschied“, sagte er dem Handelsblatt. 

    Die Regierung von Pedro Sánchez hätte die Wucht der Krise aber zumindest dämpfen können, wenn sie früher reagiert hätte. Während Mallol im Januar seine Lager aus Angst vor dem Virus füllte, sah sie offensichtlich keinen Anlass, sich mit medizinischem Material einzudecken.

    Als der Mobilfunkverband GSMA im Februar die Mobilfunkmesse Mobile World in Barcelona aus Angst der Unternehmen vor Ansteckung absagte, reagierten spanische Minister sogar verschnupft und erklärten, es bestünde kein Grund zur Besorgnis. Noch am 8. März, als es bereits 7000 Infizierte in Italien und eindringliche Warnungen der Weltgesundheitsbehörde gab, erlaubte die Regierung Massendemonstrationen zum Weltfrauentag. Zwei Ministerinnen sowie Sánchez’ Ehefrau wurden danach positiv auf das Virus getestet.

    Am 5. März erklärte Notfallkoordinator Fernando Simón, es sei nicht sinnvoll, Menschen ohne Symptome zu testen. Inzwischen ist auch er infiziert, und Spanien versucht verzweifelt, am Markt die nötigen Tests zu kaufen, um sich ein realistisches Bild von der Ausbreitung machen zu können. Zwar war die spanische Regierung mit ihrer Fehleinschätzung nicht allein. Aber für die Spanier ist das ein schwacher Trost.

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    Die Hauptstadt Madrid ist das Epizentrum des Ausbruchs. Sie ist berühmt für ihre lauten und belebten Straßen voller hupender Taxis, Straßencafés und Tapasbars. Jetzt gleichen sie einer leeren Filmkulisse nach dem Dreh. Die Kamera der Abendnachrichten zoomt stattdessen in die überfüllten Krankenhäuser, wo Patienten zum Teil auf dem Flur auf dem Boden liegen und Pfleger sich Müllsäcke umbinden, weil es nicht genug Schutzkleidung gibt. Sie zoomt in Einkaufszentren, die zu Leichenhallen umfunktioniert werden, weil die Krematorien überlastet sind. Und sie zoomt auf das Messegelände von Madrid, das in ein riesiges Lazarett umgewandelt wurde.

    Es sind Bilder, die sich in das Gedächtnis der Nationen brennen werden. Fürs Erste sorgen sie dafür, dass die Spanier ohne größere Klagen die härteste Ausgangssperre ertragen, die es in Europa gibt. Aus dem Haus darf man nur einzeln. Und nur, um zum Einkaufen zu gehen. Spaziergänge, Joggen oder mit einem Kind an die frische Luft – all das ist seit drei Wochen verboten.

    Ärzte und Krankenpfleger sind jetzt die neuen Helden. Jeden Abend um 20 Uhr öffnen die Spanier Balkons und Fenster und spenden ihnen minutenlang Applaus. Oftmals ertönt danach aus irgendeiner Hifi-Anlage jenes Lied, das sich zur Hymne der Krise entwickelt hat: der Schlager „Resistiré“ („ich halte durch“) der spanischen Band Dúo Dinámico. „Ich halte durch, um weiterzuleben“, heißt es im Refrain. „Ich werde alle Schläge ertragen und mich niemals ergeben, auch wenn meine Träume in Stücke zerbrechen. Resistiré.“ 

    „Zustände wie im Krieg“

    Carlos Álvarez ist einer der Helden, auch wenn ihm die Bezeichnung gar nicht gefällt. Der 32-Jährige ist Kardiologe in „La Paz“, einem der größten Krankenhäuser der Hauptstadt. Er ist kurz vor Ausbruch des Virus Vater geworden und hat erst vor einigen Tagen wieder angefangen zu arbeiten. „Alles hat sich total verändert“, sagt er. „Im Krankenhaus herrschen jetzt Zustände wie im Krieg.“

    Die Kollegen in Schutzanzügen und mit Masken vor dem Gesicht erkennt er an den Augen oder gar nicht. 95 Prozent aller Betten sind für Coronapatienten reserviert. Auf der Intensivstation, die 45 Plätze hat, liegen 133 Patienten. Die Klinik hat für sie Betten mit Beatmungsgeräten aus Aufwachräumen, der Chirurgie oder der Anästhesie mobilisiert.
    In der Kardiologie gibt es dagegen kaum Patienten. Auch das ist ein Mysterium der Krise: „Es melden sich kaum noch Menschen mit Herzinfarkten“, sagt Álvarez. Keiner weiß, warum – womöglich aus Angst, sich im Krankenhaus anzustecken.

    Seine Kollegin Almudena Castro, auch sie eigentlich Kardiologin, arbeitet mitten im Corona-Wahnsinn. „Das Schlimmste ist für mich die Einsamkeit der Patienten“, sagt sie. „Sie sterben allein, ohne sich von ihren Familien verabschieden zu können.“ Wegen der Ansteckungsgefahr kann sie Angehörige nur am Telefon informieren. „Viele von ihnen haben innerhalb von ein paar Tagen Vater und Mutter verloren“, erzählt sie. „Diese Krankheit ist unglaublich grausam.“

    Sieben der 20 Kollegen aus der Kardiologie im La-Paz-Krankenhaus haben sich angesteckt, einige liegen in kritischem Zustand in ihrem Krankenhaus. Sie sind keine Ausnahmen: Über 18.000 Ärzte und Pfleger haben sich angesteckt. Das große Problem ist die fehlende Schutzausrüstung.

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    Spät hat die Regierung versucht, das nötige Material zu kaufen, aber da gab es keines mehr auf dem Markt. Eine große Lieferung von Tests aus China war fehlerhaft, der Produzent hatte keine chinesische Lizenz. Nun ist eine Million Schnelltests gekommen. Die weisen aber nur zuverlässig Infektionen nach, die seit sieben Tagen bestehen. Sie sollen vor allem in Krankenhäusern und Altenheimen eingesetzt werden.

    „Die Wunden bleiben“

    Nach Angaben der OECD gehört Spanien zu den Ländern, in denen die wenigsten Menschen an vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten sterben. Die Gesundheitsausgaben liegen zwar 15 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt, das System gilt aber als sehr effizient. So liegt die Auslastung der Krankenhausbetten mit 75 Prozent unter der in Deutschland mit 79 Prozent. „Das spanische System ist für normale Zeiten gut ausgerüstet“, sagt Jaume Ribera, Gesundheitsexperte der spanischen Business School IESE. Für eine Extremsituation wie die Coronakrise reicht es aber nicht.

    Um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern, steht nun auch die Wirtschaft still, denn oberstes Gebot ist, die Infektionen einzudämmen. Die Folgen wird Spanien noch lange spüren. Für Firmenchef Mallol ist das Problem nicht mit dem Tag erledigt, an dem er wieder arbeiten darf. „In der Industrie brauchen wir sechs Monate, bis wir unsere vollen Kapazitäten wieder erreicht haben“, sagt er. „Das ist die Zeit, die ein Projekt von der Entwicklung über die Produktion bis zum Verkauf braucht. In der Zeit haben wir weiter keine Einnahmen.“

    Immerhin: Die Welle der Infektionen flacht langsam ab. „Aber die Wunden, die sie geschlagen hat, werden immer bleiben“, sagt Ärztin Almudena Castro.

    Mehr: Europa steht in der Coronakrise vor einer historischen Bewährungsprobe.

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