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Coronavirus Für den Tourismus in Italien geht es ums Überleben

Die Tourismusbranche kritisiert die Regierung in Rom. Schon jetzt fehlen Einnahmen von Reisenden in Milliardenhöhe. Viele Hotels werden nicht überleben.
29.04.2020 - 17:19 Uhr Kommentieren

Restaurants in Italien bereiten sich auf Wiedereröffnung vor

Rom Nur einen kurzen Satz sagte Giuseppe Conte zur katastrophalen Lage des Tourismus in Italien: „Wir lassen die Menschen in der Tourismusbranche nicht allein, sie werden eine robuste Unterstützung brauchen“, erklärte der Premier in seiner lang erwarteten Ansprache über die ersten Lockerungen nach der Ausgangssperre, die seit dem 10. März gilt. Die Branche inklusive der Zulieferer würde schließlich 13 bis 14 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, so Conte.

Das gefällt den Hoteliers überhaupt nicht. Die Enttäuschung ist groß über die vagen Äußerungen aus Rom. „Der Regierungschef müsste klarere Richtlinien geben“, sagt Michil Costa, Hotelier aus den Dolomiten. „Ich will einen Mann an der Spitze, der präzisere Entscheidungen trifft“, so der Chef von drei Luxushotels in Val Badia und in der Toskana.

Seine Kritik ist deutlich: Für ihn müsse ein guter Politiker, der nicht am Sessel klebe, in dieser Zeit Visionen haben: „Er soll den Hoteliers sagen: Ich gebe euch Geld, das nicht zurückgezahlt werden muss, auch keine Kredite, dafür mit der Verpflichtung, dass ihr in soziale und umweltfreundliche Nachhaltigkeit investieren müsst. Das erwarte ich.“

Die Firmen produzieren ab Montag wieder, der Einzelhandel öffnet am 18. Mai, doch es gibt noch keine Entscheidung, wann Hotels, Pensionen und B&Bs wieder öffnen können. Zu 90 Prozent ist alles zu, es kommt auch keiner, die Reservierungen wurden storniert. In Italien gilt weiter die Ausgangssperre, man darf zwar ab Montag Verwandte besuchen und joggen, aber nicht die eigene Region verlassen.

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    Dazu kommt für das Urlaubsland Italien die bittere Erkenntnis, dass nach dem kompletten Ausfall der Ostersaison ohne Touristen aus dem Ausland nun auch die Sommersaison abgeschrieben werden muss. Gerade erst hat das Auswärtige Amt die Reisewarnung auch für Italien bis „mindestens zum 14. Juni“ verlängert. Die Grenzen Italiens sind seit März geschlossen, es gibt kaum noch Flüge. Großes Echo fand in den italienischen Medien der Satz von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, keine Sommerferien zu buchen.

    Der Schaden für die Branche ist enorm. „Die verpasste Saison“ titelt das Statistikamt Istat seine am Mittwoch publizierten Berechnungen der Auswirkungen von Covid-19 auf den Tourismus. Von März bis Mai hätte die Branche ohne die Pandemie 9,4 Milliarden Euro allein an Touristen aus dem Ausland verdient, das seien 21,4 Prozent der jährlichen Ausgaben der Italienbesucher. 81 Millionen Touristen insgesamt wären im Frühjahr gekommen, 23 Prozent der jährlichen Besucher. Seit 2017 beträgt der Anteil der ausländischen Touristen bei der Buchung von Hotels und Ferienwohnungen 64 Prozent.

    Bis zu 73 Milliarden Euro Verluste

    Erschreckende Zahlen kommen auch von dem Kreditinformationsdienst Cerved, der Risikoprofile für Unternehmen erstellt. Zwei Szenarien hat Cerved durchgerechnet: dass der Corona-Notstand Ende Mai endet oder dass er bis Ende des Jahres anhält. Im ersten Fall verlieren Hotels, Vermieter von Ferienwohnungen, Agenturen und Reiseveranstalter dieses Jahr und nächstes Jahr rund 32 Milliarden Euro an Erträgen. Im zweiten Szenario einer länger andauernden Coronakrise läge der Verlust für 2020 und 2021 bei 73 Milliarden Euro.

    Besonders betroffen sind die beliebten Reiseziele am Gardasee, an der Adria, in der Toskana und die Kunststädte Rom, Mailand, Florenz und Venedig. Den größten Einbruch in Italien werde die Provinz Bozen verzeichnen, die zu 70 Prozent vom Tourismus aus dem Ausland abhängt, heißt es in einer Studie des Touring Club Italiano. Venetien mit der Stadt Venedig und Badeorten wie Grado komme danach mit einer Abhängigkeit von 68 Prozent.    

    Die Forderungen nach Hilfe werden lauter. Denn die Krise trifft nicht nur 5-Sterne-Hotels, sondern auch die vielen kleineren Strukturen. „Wir werden sehen, wie viele Hotels, Strandanlagen, Fluggesellschaften und Restaurants es noch gibt, wenn wir diese Tragödie hinter uns haben“, sagt Bernabò Bocca, Präsident des Hotelverbands Federalberghi.

    Es geht ums Überleben. „Wir haben umgerüstet und bieten Zimmer und Apartments an, die allen Sicherheitsvorschriften wie sozialem Abstand, regelmäßigem Desinfizieren der Zimmer und Online-Check-in entsprechen, aber es gab sehr viele Absagen“, sagt Sandro Anzuinelli, der im Zentrum von Rom ein kleines Hotel betreibt. Er hat den Kunden, die bereits reserviert und angezahlt haben, Voucher für 2021 geschickt. Auch er wartet auf eine Info, wie es weitergeht, wann er wieder öffnen kann.

    Venedigs Bürgermeister findet klare Worte

    „Es hängt von der Regierung ab, wann wir wieder aufmachen dürfen“, sagt auch Hotelier Costa, für den 170 Angestellte arbeiten. „Wir öffnen in jedem Fall wieder, jetzt ist nicht die Zeit für Rechenspiele, ob es sich lohnt oder nicht. Ein guter Unternehmer muss wieder aufmachen, sobald es möglich ist.“ Die Regierung müsse ins Detail gehen, fordert er: „Ich muss doch wissen, wie viele Menschen zum Beispiel in ein Lokal mit 100 Quadratmetern eintreten können, wir müssen das  vorbereiten.“ In diesem Jahr erwarte er nur Gäste aus Italien.

    Der Bürgermeister von Venedig, seit dem Hochwasser des vergangenen Herbstes auch außerhalb Italiens bekannt für seine offenen Worte, zeigt am deutlichsten den Grad der Verärgerung, der sich im Land verbreitet. „Schluss mit den Verzögerungen, wir wollen wieder öffnen, mit allen gesundheitlichen Garantien“, sagte Luigi Brugnaro vor zwei Tagen bei einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Markusplatz. „Wir rufen es laut: wir müssen unser Leben wieder in die Hand nehmen“, sagte er bei einem landesweiten Protest von Hoteliers, Restaurantbesitzern und Händler mit dem Motto „Lasst Italien wiederauferstehen“.  

    Zu den umstrittenen Kreuzfahrtschiffen, die in die Lagune fahren, sagte er nichts. Aber vielleicht haben die auch ein Ende gefunden mit der Coronakrise. Hotelier Costa glaubt, dass sich der Tourismus verändern wird. „Die Reisenden brauchen Kreativität, Humanität und Inspiration“, sagt er.  „Wellness ist nicht der Swimmingpool, sondern das Naturerlebnis und es reicht nicht, Spaghetti und einen guten Sassicaia-Rotwein auf dem Tisch zu haben.“

    Bevor das Signal zur Öffnung kommt, arbeitet er mit anderen Hotelier-Kollegen der 5-Sterne-Liga an einem Projekt, dass Krankenschwestern, Pflegern und dem Krankenhauspersonal ein paar Ferientage in ihren Häusern schenkt – als Dank für die Arbeit während der Corona-Krise.

    Mehr: Alle aktuellen Entwicklungen lesen Sie in unserem Coronavirus-Liveblog.

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