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Coronavirus Studie: Heimquarantäne allein reicht nicht aus

Eine Studie zeigt, dass man die Kurve der Neuinfektionen mit einer aggressiven Isolierungsstrategie umbiegen kann. In Wuhan war die Einrichtung einer zentralisierten Quarantäne entscheidend.
23.03.2020 - 16:01 Uhr Kommentieren
Coronavirus in Wuhan: Heimquarantäne allein reicht nicht aus Quelle: AP
Quarantäne

Eine Studie empfiehlt, Erkrankte komplett zu isolieren.

(Foto: AP)

Peking Heimquarantäne reiche nicht aus, meint Xihong Lin. Wer die Kurve der Neuinfektionen nicht nur abflachen, sondern nach unten biegen möchte, muss noch aggressivere Maßnahmen anwenden. Zu dieser Erkenntnis kam die Biostatistik-Professorin an der renommierten Harvard University, nachdem sie sich mit elf anderen Kollegen aus China und den USA die Daten von knapp 26.000 Covid-19-Patienten angeschaut hatte.

Einen Artikel mit den Ergebnissen der Forschung stellten die Wissenschaftler Anfang März auf die Webseite von medRvix, einem kostenlosen Archiv und Verteiler von fertigen medizinischen Studien, die noch nicht durch ein Kreuzgutachten-Prozess gegangen sind. Ihre Ergebnisse fasste Lins auch auf Twitter zusammen. Der Thread wurde inzwischen mehr als 2000-mal geteilt.

Die Studie unterteilt den Umgang der zentralchinesischen Metropole Wuhan mit dem Coronavirus-Ausbruch in drei Phasen. Vor der Abriegelung, als die Bürger sich noch frei bewegen konnten, lag die sogenannte Basisreproduktionszahl R0 noch bei 3,88. Sie gibt an, wie viele Menschen eine infektiöse Person durchschnittlich ansteckt, wenn kein Mitglied der Bevölkerung gegenüber dem Erreger immun ist.

Die zweite Phase begann am 23. Januar, als Wuhan von der Außenwelt abgeriegelt und ein Verkehrsstopp verhängt wurde. Bürger wurden gebeten, zu Hause zu bleiben. Wer nur milde erkrankt war, wurde angewiesen, sich zu Hause auszukurieren.

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    Nachdem diese Maßnahmen ergriffen wurden, fiel der Wert R0 auf 1,25. Die Kurve wurde also abgeflacht. Für Wu Tangchun, der an der Tongji School of Public Health der renommierten Huazhong Universität für Wissenschaften und Technologie lehrt und Koautor der Studie ist, war das, angesichts der Umstände, ein gutes Ergebnis. „Am Anfang war alles sehr chaotisch. Alle Ressourcen waren knapp, die Testkapazitäten beschränkt. Es gab weder Testvorrichtungen noch Krankenbetten, dafür aber sehr viele Patienten. Das medizinische Personal war überlastet und aufgrund von fehlender Schutzkleidung einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt“, beschreibt er die ersten Tage der Abriegelung.

    Doch ein R0 größer eins bedeutet auch immer, dass die Infektionsrate weiterhin steigt. Der Anstieg der Kurve wurde nur abgeflacht, aber noch nicht nach unten gedrückt. Die entscheidende Intervention, so sagen die Wissenschaftler, kam mit der Einführung der sogenannten „zentralisierten Quarantäne“ am 2. Februar. Danach fiel der R0 auf 0,2 bis 0,3, so die Studie. Vergangene Woche konnte Wuhan sogar zum ersten Mal von null Neuinfektionen berichten.

    Kreuzfahrtschiffe als Quarantäne-Einrichtung

    Mit dem Begriff „zentralisierte Quarantäne“ ist eine Strategie gemeint, in der Infizierte zeitnah diagnostiziert und isoliert wurden. Wer positiv getestet wurde, der wurde von zu Hause abgeholt, von seinen Familienmitgliedern getrennt und kam je nach Schwere der Erkrankung entweder gleich in ein Krankenhaus oder einfach in eine Massen-Quarantäneunterkunft.

    Dabei handelte es sich um umgebaute Sporthallen oder gar Kreuzschiffe, in denen Patienten von medizinischem Personal versorgt und beobachtet wurden. Bei den Einrichtungen handelte es sich um eine Kombination aus Wohnheim und Erster-Hilfe-Klinik. Es gab Betten und Sauerstofftanks, aber keine komplizierten medizinischen Geräte. Die befinden sich weiterhin auf Intensivstationen, wohin diejenigen, deren Zustand sich verschlechtert, hin verlegt werden. Allein in Wuhan gab es 16 davon, in denen teilweise Tausende nach Geschlecht getrennt unterkamen.

    Verdachtsfälle, Menschen mit Fieber und Kontaktpersonen von Infizierten hingegen wurden von speziellen Ambulanzen zu sogenannten „Fieberkliniken“ gebracht, wo die Personen von medizinischem Personal in Schutzkleidung auf Covid-19 getestet wurden. Während sie auf die Ergebnisse warteten, mussten die Verdachtsfälle in speziellen Hotelunterkünften oder Wohnheimen übernachten, um Kontakt mit der restlichen Bevölkerung zu verhindern.

    Während anfangs noch fast zehn Tage zwischen den ersten Symptomen und einer Diagnose lagen, konnten die Ärzte den Zeitraum nach einigen Wochen auf durchschnittlich zwei Tage reduzieren.

    Es gab zwei Gründe, weshalb die zentralisierte Quarantäne als notwendig angesehen wurde. Anhand der Adressen auf den Patientenformularen wurde nämlich ersichtlich, dass circa 75 bis 85 Prozent aller Übertragungen in Familien stattfanden. „Um die Infektionskette zu stoppen, muss man also die Erkrankten so schnell wie möglich isolieren, um Weiteransteckungen zu vermeiden“, sagte Wu dem Handelsblatt. Zudem wurden die Intensivstationen entlastet, weil die milden Fälle nun in Massenunterkünften behandelt wurden.

    Ein weiterer positiver Nebeneffekt, so glauben die Autoren, war eine bessere Versorgung aller Patienten. Da die milden Fälle nun unter Obhut von medizinischen Fachkräften standen, anstatt allein zu Hause zu leiden, konnte oft verhindert werden, dass sich ihr Zustand weiter verschlimmert.

    Andere Länder sollen aus Studie lernen

    Ähnliche Isolierungsmaßnahmen wandte man übrigens auch bei den Medizinern selbst an. Die kamen kostenlos in umliegenden Wohnheimen oder Hotels in der Nähe ihrer Einrichtungen unter, durften mit ihren Familien aber nur über digitale Kanäle in Kontakt bleiben, sich aber nicht persönlich treffen.

    Den Vorwurf, dass diese Methoden sehr aggressiv und drastisch erscheinen, weist Wu zurück. „Was ist besser: für zwei, drei Wochen getrennt zu sein oder zusammenbleiben zu können, sodass weitere Familienmitglieder angesteckt werden können, die daran womöglich sterben?“, fragt er und fügt hinzu: „Ich glaube, wenn man den Menschen erklärt, was die Optionen sind, fällt die Wahl leicht.“

    Die Autoren der Studie hoffen nun, dass andere Länder von ihren Erkenntnissen lernen können. Nachdem sie die Studie auf Twitter gepostet habe, so erzählte Lin bei einer Präsentation, hätten viele diese dem amerikanischen Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention zugeschickt.

    Tatsächlich scheint es so, als würden auch andere Länder nun damit beginnen, Massen-Isolierstationen zu bauen. Südkorea, das oftmals als demokratisches Vorbild herangezogen wird, wandte diese Maßnahme bereits im Februar an. In Madrid soll nun ein Konferenzzentrum zu einer solchen Massen-Quarantänestation umgebaut werden, sodass bis zu 5500 Menschen dort untergebracht werden können.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Im norditalienischen Cremona wurde eine erste solche Isolierstation mit 60 Betten eröffnet. Auch in Argentinien und Brasilien bauen die Gesundheitsbehörden gerade solche Einrichtungen. Und in den USA werden nun solche Maßnahmen erwogen. So soll zum Beispiel das Jacob K. Javits Konferenzzentrum in New York in ein temporäres Krankenhaus umgewandelt werden.

    Nach den Berechnungen der Wissenschaftler könnte es bis Anfang Mai dauern, bis Wuhan tatsächlich keine Neuinfektionen mehr hat. Denn neben den offiziell gemeldeten Patienten gibt es immer noch eine unbekannte Zahl von asymptomatischen Fällen oder milden Erkrankten, die durchs Raster gefallen sind und weiterhin Ansteckungen verursachen. Wuhan hat deshalb nun angekündigt, die vollständige Quarantäne erst nach 14 Tagen ohne offiziell gemeldete Neuinfektionen aufheben zu wollen. Zudem wolle man noch aggressiver testen, um nun auch die asymptomatischen Fälle zu finden.

    Mehr: Fabriken öffnen wieder, Veranstaltungen werden geplant, es gibt nur 15 neue Infektionen an einem Tag: Das Ursprungsland des Coronavirus will die Krise hinter sich lassen.

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