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Covid-19-Pandemie Japans Corona-Strategie geht nicht auf – Tokios Bevölkerung geht in Isolation

Während Deutschland über den Ausstieg aus dem Lockdown diskutiert, ziehen die Behörden in Japan die Zügel an. Die Politik des sanften Notstands ist vorerst gescheitert.
23.04.2020 - 17:58 Uhr Kommentieren
Die Gouverneurin von Tokio hat alle nicht lebenswichtigen Unternehmen zu einer zweiwöchigen Schließung aufgefordert. Quelle: Reuters
Yuriko Koike

Die Gouverneurin von Tokio hat alle nicht lebenswichtigen Unternehmen zu einer zweiwöchigen Schließung aufgefordert.

(Foto: Reuters)

Tokio Japans Regierung und ihre Krisenstrategie werden zeitverzögert von der Viruswirklichkeit eingeholt. Als Ministerpräsident Shinzo Abe am 7. April den Ausnahmezustand für die Megacities Tokio und Osaka sowie fünf weitere Wirtschaftszentren ausrief, versprach er noch: „Obwohl wir den Notstand ausrufen, werden wir die Städte nicht blockieren.“ Das sei nicht notwendig. Doch am Donnerstag wollen die vier Lokalregierungen des Großraums Tokio faktisch genau dies.

Tokios Gouverneurin Yuriko Koike forderte die Bürger der 14-Millionen-Einwohnermetropole zu zwei „Bleib-zuhause-Wochen“ auf. Und ihre Kollegen der benachbarten Präfekturen Chiba, Kanagawa und Saitama schlossen sich prompt an.

Gemeinsam wiesen sie alle nicht lebenswichtigen Unternehmen an, bereits vom 25. April bis zum 6. Mai zu schließen. In diesen Zeitraum fallen eh mehrere Feiertage, an denen traditionell viele japanische Unternehmen schließen. Zudem forderte Koike die Tokioter auf, künftig nur noch alle drei Tage zum Einkaufen zu gehen und ansonsten nicht ohne triftige Gründe die Wohnung zu verlassen.

Damit reagieren die Lokalregierungen auf das endgültige Scheitern des bisherigen Sonderweg Japans in der Covid-19-Bekämpfung. Zu Beginn der Pandemie konnte das Land den Ausbruch mit einem Fokus auf regionale Virenherde mit wenigen Tests dämpfen. Doch dann schoss die Zahl der Infektionen in den Metropolen in die Höhe. Und Abe rief den Notstand aus, den er vorige Woche auf das gesamte Land ausdehnte, allerdings nur einen „Notstand light“.

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    Die Menschen sollten zwar möglichst zuhause bleiben, viele Geschäfte wurden geschlossen. Restaurants und Frisöre durften jedoch auf Wunsch von Regierungschef Abe geöffnet bleiben. In vielen Unternehmen pendelten zudem weiterhin Mitarbeiter zur Arbeit. Das amtliche Ziel dieser Strategie war, die Sozialkontrakte um 70 bis 80 Prozent zu senken und so ein explosives Wachstum der Epidemie zu stoppen.

    Nach zwei Wochen Notstand bleibt die Zahl der Fälle hoch

    Doch das Zwischenergebnis nach zwei Wochen ist gemischt. Die Bürozentren sind zwar leerer. Aber dafür drängen sich mehr Menschen in Supermärkten und einigen Parks. Außerdem schlossen einige Pachinko-Spielhallen nicht. Das können sie sich erlauben, da Japans Notstandsgesetz bei Verstößen keine Strafen vorsieht – außer einem öffentlichen Rüffel.

    Die Probleme dieser Strategie schlagen sich nun in den Zahlen nieder, meint der Virologe Kentaro Iwata von der Kobe-Universität: „Ich bin halb ermutigt, halb enttäuscht.“ So sank die Zahl der gefunden Covid-19-Fälle zwar von landesweiten Tagesspitzenwerten von über 700, aber weniger als erwartet. Das Gesundheitsministerium meldete am Donnerstag 420 neue Infektionen.

    Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die amtliche Zahl das wahre Ausmaß der Pandemie in Japan nicht ansatzweise widerspiegelt. Denn das Krankenhaus der Keio-Universität hat bei einer Untersuchung von 67 Einlieferungen vier asymptomatische Covid-19-Fälle gefunden. Für den Epidemiologen Kenji Shibuya, der am Londoner King’s College lehrt und den Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation berät, ist dies ein Warnsignal.

    Vorige Woche hatte er mit seiner Schätzung für Aufsehen gesorgt, dass in Wahrheit bereits 100.000 Japaner infiziert waren, zehn Mal mehr als offiziell bekannt. Dieser Test lege nun nahe, dass die Zahl weitaus höher sein könne, meinte Shibuya in einer Videokonferenz am Donnerstag.

    Die Testbasis ist zwar sehr klein, gesteht er zu. Aber das Krankenhaus mahnte: „Es ist möglich, dass dies den Stand der Infektionen in der Region reflektiert.“ Sollte das zutreffen, würde das laut Shibuya nahelegen, dass bereits zwei bis zehn Prozent der Tokioter infiziert seien. Dies entspräche 280.000 bis 1,4 Millionen Menschen allein in der Hauptstadt.

    Noch spricht die geringe Zahl der Toten gegen diese Vermutung. Am Donnerstag stieg ihre Zahl um elf auf 289 Personen (Stand 20 Uhr Ortszeit). Zum Vergleich: In Deutschland starben bereits mehr als 5300 Menschen an den Folgen der Erkrankung. Aber die Unsicherheit über die tatsächliche Ausbreitung ist groß, da die Zahl der Virentests in Japan bisher sehr klein ist.

    Japan testet zu wenig

    Laut dem Gesundheitsministerium wurden bis Mittwochmittag nur 130.587 Tests durchgeführt. Damit wurde erst gut einer von 1000 Einwohnern getestet. In Deutschland liegt der Wert bei 25,1. Die Gesundheitsbehörden rechtfertigten das verhaltene Testprogramm mit Japans Strategie, sich auf Virenherde und Erkrankte zu konzentrieren, und nicht mit einer Flut von milden Fällen die Krankenhäuser zu verstopfen.

    „Aus der Sicht eines klinischen Mediziners, der Menschenleben retten will, ist das durchaus gerechtfertigt, aber nicht für Experten für öffentliche Gesundheit“, meint Shibuya. „Grundsätzlich war der Mangel an Tests das größte Problem“. Denn solange Japan nicht in großer Zahl teste, könne diese Epidemie nicht eindämmt werden.

    Schlimmer noch: Die Strategie hat das Problem verschärft, kritisiert der Experte. „Es wurden viele asymptomatische und frühe Fälle übersehen.“ Die Folge: Statt die Krankenhäuser zu schützen, kämpfen immer mehr Kliniken mit Infektionsketten unter Patienten und Pflegepersonal. „Meine größte Sorge ist, dass das Krankenhauswesen bereits wegen Krankenhausinfektionen am Zusammenbrechen ist, während die eigentliche Welle an Erkrankungen noch kommt.“

    Mit dieser Sorge steht er nicht allein da. Schon seit Ende März warnen Ärzte- und Krankenhausverbände trotz der vergleichsweise geringen Covid-19-Zahlen vor einem Kollaps der Versorgung. Denn Japan ist zwar mit 13 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohnern Weltspitze. Aber die Kapazität der Intensivstationen ist nach Jahren des Sparens mit nur noch fünf Betten pro 100.000 Einwohner nicht einmal halb so hoch wie in Italien oder Spanien, von Deutschland ganz zu schweigen.

    Daher ist Japans Puffer, mit einer großen Coronawelle fertig zu werden, kleiner als in Europa. Shigeru Omi, der stellvertretende Vorsitzende von Japans Expertenrat, bat die Bürger des Landes daher am Donnerstag: „Die Menschen müssen ihr Verhalten ändern, wir benötigen die Kooperation der Bürger.“

    Mehr: Krisenfeste Deutsche: Welche Länder im Corona-Stresstest am besten dastehen

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