Das neue EU-Ratsgebäude Der Alptraum aller Fensterputzer

Der Europäische Rat in Brüssel zieht um – in ein durchaus ungewöhnliches Gebäude. Die Bauherren sehen in dem Gebäude ein neues Wahrzeichen. Andere kritisieren den 320 Millionen Euro teuren Neubau als „vergoldeten Käfig“.
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Ein futuristischer Hingucker – und ein Alptraum für Fensterputzer. Quelle: dpa
Neues Europa-Gebäude

Ein futuristischer Hingucker – und ein Alptraum für Fensterputzer.

(Foto: dpa)

BrüsselEin Patchwork von 3750 holzgerahmten Fenstern um ein Herz aus Glas: Der Rat der Europäischen Union zieht zu Jahresbeginn in einen spektakulären Neubau direkt neben seinem bisherigen Sitz. „Europa“ nennt sich das Gebäude, in dem künftig auch die Staats- und Regierungschefs zu ihren Brüsseler Gipfeln zusammenkommen. Ein futuristischer Hingucker – und ein Alptraum für Fensterputzer.

Die Bauherren rühmen sich vor allem der Verschmelzung von Alt und Neu, denn ein Teil des etwa 320 Millionen Euro teuren Gebäudes integriert den dahinter liegenden, teils denkmalgeschützten Résidence Palace aus den 20er Jahren. Dort sind die Büros der Delegationen der 28 Mitgliedstaaten und des Rats-Präsidenten untergebracht.

„Die Geschichte des Gebäudes erlaubt uns in gewissem Maße einen Schritt in die Geschichte Europas“, erklärt der belgische Architekt Philippe Samyn, der „Europa“ gemeinsam mit Büros aus Italien und Großbritannien entworfen hat.

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Einen Sprung ins Ungewisse wagt die britische Premierministerin Theresa May voraussichtlich Ende März, wenn sie der EU offiziell den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Staatengemeinschaft erklärt. Etwa zur gleichen Zeit feiern die übrigen 27 Staats- und Regierungschefs der EU in Rom den 60-jährigen Jahrestag der Römischen Verträge, mit denen am 25. März 1957 der Grundstein für die jetzige Europäische Union gelegt wurde.

Keine Strategie
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Sobald May den Austritt nach Artikel 50 der EU-Verträge erklärt hat, tickt die Uhr. Der Chefunterhändler der EU, Michel Barnier, hat die Briten mit seiner Ankündigung bereits unter Zugzwang gesetzt, dass die Verhandlungen bis Oktober 2018 abgeschlossen sein müssen, wenn der "Brexit" innerhalb der vorgegebenen Zwei-Jahres-Frist vollzogen sein soll. „Ich halte das nicht für realisierbar“, sagt der Politologe und EU-Experte Werner Weidenfeld mit Blick auf die komplexen Verhandlungen. Für den Direktor des Programms „Europas Zukunft“ bei der Bertelsmann-Stiftung, Joachim Fritz-Vannahme, ist noch kein Konzept Großbritanniens für die Verhandlungen erkennbar: „Es gibt keine Strategie.“

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Die EU sei deshalb in der bequemeren Situation und könne die Briten den ersten Schritt machen lassen. Wenn es in die Details gehe, könnte es aber eventuell schwieriger werden, die Mitgliedsländer zusammenzuhalten, vermutet Fritz-Vannahme. Mit einem Durchbruch bei den Verhandlungen schon 2017 rechnet keiner der Experten.

Trump könnte eine Chance sein
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Noch größere Unsicherheit als beim Brexit herrscht auf dem Kontinent, wenn man weiter über den Atlantik Richtung USA blickt. Die Frage werde sein, wie man mit so einem schwer berechenbaren Mann umgeht, sagt Fritz-Vannahme mit Blick auf die am 20. Januar beginnende US-Präsidentschaft von Donald Trump. In einem Bereich haben die Europäer bereits erste Schritte unternommen, um unabhängiger von den USA zu werden. So verabschiedete der EU-Gipfel im Dezember die Umrisse einer gemeinsame Verteidigungspolitik.

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Ganz andere Chancen wittern Rechtspopulisten, wenn im März in den Niederlanden, im April und Mai in Frankreich, danach womöglich in Italien und im Herbst in Deutschland gewählt wird. Nach den unerwarteten Ergebnissen zum Brexit-Referendum und den US-Wahlen 2016 wirkt ein Ausblick darauf wie der Blick in die Glaskugel. Die größten Gefahren für die EU gehen nach Expertenmeinung von den Präsidentenwahlen in Frankreich aus, wo der rechtsnationale Front National unter Marine Le Pen die traditionellen Parteien unter Druck setzt. „Ich bin mir nicht mehr zu 100 Prozent sicher, dass der Front National verhindert werden kann“, sagt Fritz-Vannahme. Sollte Le Pen Präsidentin werden, würde sie voraussichtlich zunächst aus dem Euro aussteigen wollen. „Dann ist die Gemeinschaftswährung tot, mit katastrophalen Folgen für die Exportnation Deutschland.“

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Fritz-Vannahme plädiert dafür, dass die etablierten Parteien engagierter in die Wahlkämpfe gehen und die Samthandschuhe gegenüber den Populisten ausziehen. Nach Ansicht Weidenfelds müssen die traditionellen Parteien zudem Zukunftsstrategien präsentieren und wieder mehr Anziehungskraft entwickeln. „Da gibt es eine dramatische Nachfrage.“ Das gelte auch für Deutschland.

Lichtblicke gegen Rechts
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Lichtblicke sieht Fritz-Vannahme im Engagement der Bürger. So sei die Kür von Francois Fillon zum Kandidaten der Konservativen für das französische Präsidentenamt beachtlich, weil sich allein für eine solche Vorwahl vier Millionen Menschen eingebracht hätten. Auch der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn habe, selbst wenn er umstritten sei, die Zahl der Mitglieder seiner Partei verdoppelt. In Deutschland verzeichnen die Parteien links der Mitte seit der Wahl Trumps ebenfalls Zulauf. „Es gibt ein wachsendes politisches Bewusstsein und nicht mehr Politikverdrossenheit“, folgert Fritz-Vannahme.

Auch die transparente Fassade mit den Minifenstern ist hochsymbolisch. Für die Holzfensterchen wurde Material von abgerissenen Gebäuden in den EU-Mitgliedstaaten recycelt. Das soll nicht nur für Nachhaltigkeit stehen, sondern auch für das Motto der Europäischen Union: In Vielfalt vereint.

Doch fällt professionellen Fensterputzern beim Anblick der vielfach unterteilten Front wohl nur ein Wort ein: „oje“. Das jedenfalls war der Kommentar von Karl Wachenfelds, Geschäftsführer einer Glasreinigungsfirma in Berlin. Er ist zwar nicht für die Reinigung des Gebäudes zuständig, kann sich den Aufwand als Fachmann aber gut vorstellen: Nur für die Außenreinigung benötige man etwa 240 Stunden – bei vier Mitarbeitern also ungefähr eineinhalb Wochen, schätzt der Spezialist. Im Vergleich zu anderen Glasbauten etwa zwei bis drei Mal länger. Das gehe natürlich ins Geld.

Vom Rat heißt es dazu nur, das Haus sei so konzipiert, dass es seltener gereinigt werden müsse. Dafür habe man ein ausgeklügeltes Wasserableitungssystem eingebaut. Doch wie sieht es in der Praxis aus? „Zwei bis drei Mal im Jahr muss man die Fassade eines so repräsentativen Gebäudes schon sauber machen – schon allein, um es zu erhalten“, ist sich Wachenfelds sicher.

Durch die Fassade schimmert ein riesiges Ei
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