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Dauerkrise für Erdogan Die Türkei umzingelt sich selbst

Erdogan will seine Landsleute überzeugen, ihn in zwei Jahren erneut zum Präsidenten zu wählen. Sein Plan droht zu scheitern – er schafft sich immer neue Feinde. Nun schadet er der Bevölkerung auch direkt. Eine Analyse.
8 Kommentare

„Wir halten kein Strafmaß für angemessen“

Istanbul Türken fliegen gerne in die USA. Wohlhabende Geschäftsleute aus Istanbul besitzen Immobilien in Florida oder handeln mit Großkonzernen an der Ostküste. Während des jahrzehntelangen Kopftuchverbots an türkischen Universitäten studierten einige Frauen in Amerika. Und Metropolen wie New York oder San Francisco finden Türken genauso faszinierend wie Europäer auch. Mehr als 300.000 reisten im vergangen Jahr vom Bosporus dorthin. Die Flugverbindung der größten Airline des Landes, Turkish Airlines, von Istanbul nach New York trägt die Flugnummer TK001.

Seit Sonntagabend dürften deutlich weniger türkische Passagiere die Großraummaschine besteigen. Am Wochenende kündigte die US-Botschaft in Ankara an, vorübergehend keine Kurz-Visa mehr an türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger auszustellen. Hintergrund war die Festnahme eines türkischen Mitarbeiters des US-Konsulats durch die Istanbuler Polizei.

Der Mann sitzt seitdem in U-Haft, ihm wird Terrorunterstützung vorgeworfen. „Diese Festnahme wirft Fragen darüber auf, ob mancher [türkischer] Regierungsvertreter das Ziel hat, die langjährige Kooperation zwischen den USA und der Türkei zu stören“, begründete John Bass, US-Botschafter in Ankara, den Visastopp. Eine Videoaufnahme, in der Bass den Schritt der USA erläutert, wurde binnen weniger als 24 Stunden fast 10.000 Mal angesehen.

Eine mögliche Gegenreaktion hätte man sich bei Erdogan gut vorstellen können: Er hätte ausrasten und die amerikanische Regierung mit Nazi- oder ähnlichen Vergleichen überziehen können – es wäre keine Überraschung gewesen. Doch stattdessen reagierte er kühl, befand den Visastopp als traurig. Ungewöhnlich.

Dass die Vereinigten Staaten die Bevölkerung eines Landes derart bestrafen, wenn es eigentlich um einen Streit zwischen beiden Regierungen geht, kommt selten vor. Der Schritt zeigt, welche Blüten die Politik der Führung in Ankara treibt: Der türkische Staatschef mag Gründe dafür haben, an einigen Stellen hart zu agieren – angesichts der geostrategischen Lage und der hohen Terrorbedrohung im eigenen Land sollte das den Westen nicht überraschen. Der Regierung in Ankara geht jedoch häufig das Maß verloren, wie weit sie bei ihren ausländischen Partnern gehen kann. Läuft das so weiter, bewegt sich die Türkei in die Isolation. Die Konfliktpunkte im Überblick:

Terror, Krieg, Allmacht

Man muss es sich noch einmal vor Augen führen: In der Türkei sind innerhalb von zwei Jahren 500 Menschen durch Terroranschläge getötet worden. Dabei waren es gleich mehrere Gruppierungen, die in der Türkei teilweise offen zu Anschlägen aufgerufen hatten.

Der IS erklärte das Land zum Feind, nachdem die Türkei den USA erlaubt hatte, eine Luftwaffenbasis im Kampf gegen die Terrorgruppe zu benutzen. Am 10. Oktober 2015 töteten sie an einem einzigen Tag mehr als 100 Menschen, die in Ankara demonstrieren wollten.

Die verbotene kurdische Gruppierung PKK nahm kurze Zeit vorher ihren bewaffneten Kampf gegen türkische Sicherheitskräfte wieder auf und attackierte immer wieder Militärkonvois und Polizeiquartiere. Einzelne Anschläge der Gruppe richteten sich auch gegen Zivilisten. Seit dem Wiederaufflammen des PKK-Konflikts geht das türkische Militär massiv gegen die mutmaßlichen Verstecke vor.

Auch die PKK-Schwesterorganisation TAK ist für einiges Blutvergießen verantwortlich. Im Frühjahr 2016 ließ die ebenfalls verbotene Gruppe in Ankara und Istanbul Busse explodieren, die voll mit Sprengsätzen und Nägeln waren. Jedes Mal starben Dutzende Menschen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Weitere gut 250 Menschen starben innerhalb einer Nacht, während Teile des Militärs die Regierung stürzen wollten. Hinter dem Putschversuch, davon sind zumindest die türkische Regierung und große Teile der Bevölkerung überzeugt, steckt die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen. Seine Leute sollen über Jahrzehnte den Staat unterwandert und eigene Leute in die höchsten Positionen geschleust haben. Auf Videoaufnahmen aus der Putschnacht sind prominente Anhänger der Gülen-Bewegung zu sehen, die Beweislast ist erdrückend. Dutzende mutmaßliche Verantwortliche des Putschversuches sollen nach Europa geflohen sein, insbesondere in Deutschland sollen sich einzelne Rädelsführer versteckt halten.

Hinzu kommt ein Bürgerkrieg in dem Nachbarland, mit dem sich die Türkei den größten Grenzverlauf teilt: Syrien. Seit 2011 gehen dort Rebellen und Regierungstruppen aufeinander los. Nicht zuletzt ist in den Wirren des syrischen Bürgerkrieges der IS großgeworden – auch, weil die Gruppe teilweise in der Türkei um Anhänger werben konnte. Während Ankara zu Beginn als einer der stärksten Gegner des Machthabers Assad zu sein schien, ist Ankaras offener Widerstand gegen Damaskus inzwischen einem Lippenbekenntnis gewichen.

Als wäre das alles noch nicht genug, strebt die regierende Partei AKP einen Komplettumbau des Staatswesens an. Das Parlamentssystem soll durch ein Präsidialsystem ersetzt werden. Klar ist dabei, dass Präsident Erdogan deutlich mehr Macht erhält, während das Parlament geschwächt werden wird. Befürworter erhoffen sich eine effizientere Exekutive, Kritiker reden von Autokratie, gar Diktatur.

Deutschland: Zwischen Gülen und alten Gemeinsamkeiten
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Mehr zu: Dauerkrise für Erdogan - Die Türkei umzingelt sich selbst

8 Kommentare zu "Dauerkrise für Erdogan: Die Türkei umzingelt sich selbst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Welche schändliche Stadtteile es in der Zwischenzeit in Deutschland gibt und steuerlich gestützt werden, ist eine Schande für jeden Steuerzahler und für die nächste Generation mehr als verantwortungslos.

  • Die Unterschiede zwischen der westlichen Zivilsation und den religiös denkenden Moslems sind so vielfältig und unterschiedlich, dass niemals eine echte Integration stattfinden kann.

  • Herr Metin [email protected] Der Gegner ist China und egal wo der Schaden entsteht, die Wertegemeinschaft gewinnt. Denken Sie an den "Arabischen Frühling" eine Inszenierung, das gleiche Ziel. Die chinesischen Arbeiter sind z.B. in Libyen um ihr Leben gelaufen. Einmal sogar versehentlich im deutschen TV zu sehen. Aber zu Ihrer Frage, um so mehr Fürsten um so besser. Mal die Saudis, mal der Iran u.s.w. wird einer zu böse, kommt Israel mit der Bombe und danach die Steinzeit.

  • DAUERKRISE FÜR ERDOGAN
    Die Türkei umzingelt sich selbst
    von:
    Ozan Demircan
    Datum:
    10.10.2017 16:20 Uhr

    -----------------------

    Erdogan braucht sich nur WIRTSCHAFTLICH IN DER TÜRKEI NOCH MEHR EINZUBRINGEN, WIRTSCHAFT ERWEITERN OHNE ENDE und schon hat Erdogan alle Trumpf Karten in der Hand und wird wieder Hochhaus mäßig wieder gewählt werden !!!

    Die Europäische Union und seine verbleibende 27 Mitgliedsstaaten werden natürlich alles unternehmen um immer wieder die Türkei & Erdogan schlecht zu machen !!!

    ===>>> Solange die Europäische Union über andere Lästert da wird kein Spielraum gelassen um über die Fehler der Europäischer Union und seine Breite Paletten des Versagens zu kritisieren übrig bleiben

  • @ Herr Spiegel, guter Kommentar !!! Mit Wertegemeinschaft meinen Sie wohl den Westen.....Allerdings. Was Sie schreiben, weiß RTE. Das Ziel des Westens ist nicht die Türkei als solches und die Kurden bzw. Kurdistan schon gar nicht. Also was ist das Ziel ? ..Evtl. Chaos stiften damit sich die Leute vor Ort selbst beschäftigen. Und, Wer soll den der Regional Fürst sein ? ( Wie GER in der EU )

  • Die Türken arbeiten mit den Russen zusammen, die Wertegemeinschaft wird sie, wenn möglich gegen die Kurden bluten lassen. Die Wertegemeinschaft wird die Kurden so ausrüsten, daß die Türken nie siegen können und die Russen werden zusehen und den Türken Waffen verkaufen um die Kurden zu besiegen. Es gibt immer einen größeren Fisch, das wird Herr Erdogan in dieser Sache lernen müssen.

  • Lustig, wie die deutsche Presse immer voll daneben greift. Gegen den BREXIT zu schreiben, hat nichts genützt, gegen Trump zu schreiben, hat nichts genützt, gegen Putin zu schreiben, ist der größte Unsinn überhaupt - und jetzt möchte man wohl eine Wiederwahl Erdogans verhindern. Er hat kürzlich erst eine Volksabstimmung gewonnen, aber sowas zählt hier nicht. Und so steht die deutsche Presse immer auf der Loser-Seite.

    In Deutschland allerdings geht die Saat auf: Eine AfD auf lediglich 13% zu halten, ist den Medien bei uns "zu verdanken".

    Objektive Berichterstattung? Wozu denn?

  • ich finde, Herr Egowahn ist ein großer Staatsmann, der sein geliebtes Volk endlich wieder dazu bringen wird, dass sie Ziegen züchten dürfen. Und wenn ich mich nicht irre, wird Syrien und die Kurden das Waterlooh für dieses Volk, was sich ja sooo erhaben und überlegen fühlt.

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