Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

David Nabarro im Interview WHO-Experte unterstützt Merkel im Streit um Skigebiete

David Nabarro spricht über die deutsche Corona-Strategie, Lockdowns im kommenden Jahr, die Winter-Skisaison – und plädiert für eine einheitliche europäische Linie.
27.11.2020 - 08:30 Uhr Kommentieren
Der Covid-19-Sondergesandte der Weltgesundheitsorganisation sieht Deutschland weiter in der Vorbildrolle bei der Pandemiebekämpfung. Quelle: AFP/Getty Images
David Nabarro

Der Covid-19-Sondergesandte der Weltgesundheitsorganisation sieht Deutschland weiter in der Vorbildrolle bei der Pandemiebekämpfung.

(Foto: AFP/Getty Images)

Im Streit um die Schließung europäischer Skigebiete stärkt der Corona-Sondergesandte der Weltgesundheitsorganisation Angela Merkel (CDU) den Rücken. „Kanzlerin Merkel hat in diesem Punkt eine einheitliche europäische Linie gefordert. Da hat die Kanzlerin sicherlich recht“, sagte David Nabarro dem Handelsblatt.

Ohnehin würden immer mehr Menschen sich fragen, ob es wirklich nötig sei, in diesem Winter in den Wintersport zu reisen. „Sie fragen sich, ob es nicht klüger ist, im kommenden Jahr das nachzuholen, was wir jetzt versäumen: Einen Extra-Fun 2021. Ich hoffe, dass die Leute in dieser Situation vorsichtig agieren und das Risiko scheuen“, plädierte der 71 Jahre alte Brite, der seit Frühjahr als Sonderberater in Sachen Covid-19 arbeitet.

Nabarro lobte die deutsche Corona-Bilanz. Deutschland habe Vorbildfunktion, wie es die Mischung aus ostasiatischer Vorsichtigkeit und europäischen Freiheitswerten hinbekommen habe. Das deutsche Beispiel zeige aber auch, wie schwierig es sei, die Disziplin über eine lange Zeit aufrecht zu erhalten.

Die Diskussion über die beste Corona-Strategie würden anhalten – und mit der richtigen Impfstrategie sogar härter werden, prognostiziert Nabarro. Länder wie Deutschland hätten gute Chancen, 2021 einem erneuten Lockdown zu entgehen, wenn durch die Impfstoffe ein Teil der Infektionen wegfällt. Ausgemacht aber ist dies in den Augen des Covid-Experten nicht.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Nabarro, wie beurteilen Sie die deutsche Corona-Strategie bisher?
    Als sich das Coronavirus im März, April dieses Jahres in Europa ausbreitete, war ich wirklich beeindruckt von allem, was ich in Deutschland gesehen habe.

    Was genau hat Sie beeindruckt?
    Drei Kernelemente: Die Menschen haben sich stark engagiert, den klaren Botschaften in Sachen Abstand, Hygiene und Quarantäne zu folgen. Zweitens wurde das lokale öffentliche Gesundheitswesen schnell gestärkt. Das Robert Koch-Institut folgte Vorzeigebeispielen aus Ostasien in Sachen Früherkennung, Kontaktverfolgung und Isolierung. Die aufgebaute Kapazität an PCR-Tests hat Deutschland einen Vorteil im Vergleich zu anderen Staaten verschafft.

    Und drittens schätze ich die Führungsstärke von Bundeskanzlerin Angela Merkel – zusammen mit den Länderchefs. So schauten wir alle auf Deutschland und sagten: Dieses Land hat eine Mischung gefunden zwischen dem ostasiatischen Ansatz und dem in Europa wichtigen Respekt der Elemente liberaler Demokratie. Deutschland war das Vorzeigebeispiel.

    Und dann?
    Dann wurden die Dinge plötzlich komplizierter. Und das ist keine Überraschung. Anfangs dachten die Menschen wohl: Das ist eine Krise, die überstehen wir – und dann ist wieder alles normal. Aber dieses neue Virus wird nicht verschwinden, es bleibt. Und es ist ein verwirrendes Virus. Es hat eine niedrige Todesrate. Das macht es aber schwerer, es zu kontrollieren. Denn es braucht Disziplin der Menschen und integriertes politisches Handeln über die gesamte Gesellschaft hinweg.

    Ist Deutschland noch ein Vorbild für andere Länder?
    Ich sage: Ja. Aber ich sage auch: Mit der Zeit wird es hart, die Disziplin aufrechtzuerhalten. Wir erleben in der deutschen Gesellschaft Diskussionen darüber, wie Dinge am besten gehandhabt werden sollen. Diskussionen zwischen Gruppen, die einen liberaleren Ansatz verfolgen, und Gruppen, die einen strikteren Ansatz verfolgen. Aber insgesamt wird damit immer noch auf eine sehr reife Art umgegangen. Ich bewundere das. Aber es ist hart, und es wird härter werden – für Deutschland und für andere europäische Länder.

    Was können wir von Ostasien lernen?
    Sogar in Ostasien höre ich, dass es in Teilen eine gewisse Nervosität gibt wegen der strikten Restriktionen. Wir haben auf der ganzen Welt einen ständigen Bedarf an Dialog zwischen Menschen, Zentralregierungen, Lokalregierungen, Arbeitgebern und Wissenschaftlern. Und wir müssen akzeptieren, dass es in jeder Gemeinschaft eine Bandbreite an Standpunkten gibt. Und die Standpunkte können sich über die Zeit verändern. Regierungen müssen zu diesem ständigen Dialog ermutigen, weil es den Menschen so schwerfällt, einen Sinn in der langwierigen Situation zu sehen.

    Welche Regierung macht das vorbildlich?
    Ich bewundere zum Beispiel die offene Kommunikation der Führung in Neuseeland. Und auch in Vietnam, einem Ein-Parteien-Staat, höre ich viel von Diskussionen im Land. Es wird schwierig, wenn versucht wird, diese Diskussion zu unterbinden. Die Leute müssen sagen können, was sie denken – auf eine sichere Art und Weise natürlich. Die Diskussionen werden noch schwieriger werden, wenn die Impfstoffe kommen.

    Warum?
    Weil sie anfangs nicht für alle ausreichen werden. Wir werden eine Menge Konkurrenz erleben, in den Ländern und zwischen den Ländern – und müssen über solche Dinge sprechen.

    Die Impfkampagnen sind ja die große Hoffnung. Wann können sie den Menschen die Angst vor Ansteckung, aber auch vor immer wiederkehrenden neuen Einschränkungen und Verboten nehmen?
    Ich muss hier sehr ehrlich sein. Wir wissen nicht, wie viele Impfdosen und wie viele Impfungen wir genau brauchen, um einen neuen Anstieg der Infektionszahlen zu vermeiden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sich alle Menschen an die Vorgaben halten: das Tragen von Masken, die physische Distanz zu anderen Menschen. Die Regierungen müssen die Gesundheitssysteme am Laufen halten.

    Immer mehr Menschen fragen sich, ob es nicht klüger ist, im kommenden Jahr das nachzuholen, was wir jetzt versäumen: einen Extra-Fun 2021.

    Wird Deutschland 2021 um einen Lockdown herumkommen?
    Wenn alle Menschen in Ländern wie in Deutschland an einem Strang ziehen, müsste die Verhinderung neuer breiter Lockdowns im kommenden Jahr möglich sein. Vielleicht wird es dann kleine, lokal begrenzte Einschränkungen geben. Deutschland und seine Bewohner müssen Disziplin zeigen. Sie werden aber dafür belohnt werden, natürlich auch wirtschaftlich.

    Bundeskanzlerin Merkel und andere Politiker verlangen die Schließung der Wintersportorte in Europa. Ist es vernünftig, diese Regionen offen zu lassen und das Risiko weiterer Super-Spreader-Events wie in der vergangenen Saison einzugehen?
    Immer mehr Menschen machen solche Entscheidungen, ob sie in den Wintersport fahren oder nicht, mit sich selbst aus. Sie fragen sich: Ist es wirklich nötig, das Ansteckungsrisiko für sich selbst und andere dadurch zu erhöhen, dass sie in diesem Winter hin und her reisen? Sie fragen sich, ob es nicht klüger ist, im kommenden Jahr das nachzuholen, was wir jetzt versäumen: Einen Extra-Fun 2021. Ich hoffe, dass die Leute in dieser Situation vorsichtig agieren und das Risiko scheuen.

    Sollten die Gebiete denn in ganz Europa schließen?
    Kanzlerin Merkel hat in diesem Punkt eine einheitliche europäische Linie gefordert. Da hat die Kanzlerin sicherlich recht.

    Mehr zum Thema:

    Im italienischen Südtirol haben die Behörden Massentest zur Erkennung von Covid-19-Infektionen eingesetzt. Bringen solche Massentests die nötige Sicherheit?
    Jede Regierung, die eine wirksame Strategie gegen Covid-19 entwickeln und anwenden will, muss natürlich wissen, wo genau der Erreger lauert. Das geht nicht ohne Testen – und dafür sind die Schnelltests gut. Allerdings haben einige der Massentests eine reduzierte Reliabilität, besonders die Antigen-Schnelltests.

    Ich persönlich würde mich auf einen Antigen-Schnelltest nicht verlassen. Ein falsches negatives Testergebnis kann schlimme Folgen haben, etwa wenn jemand aufgrund dieses Resultats seine 85-jährige Mutter oder Großmutter besuchen geht.

    Einige Länder, darunter Ihr Heimatland, aber auch viele asiatische Staaten, ordnen strikte Quarantänen für Reisende aus Risikogebieten an, egal, ob die Besucher einen negativen Test vorlegen können oder nicht. Wie sinnvoll sind diese harten Quarantäne-Regeln?
    Ein gewisses Maß an Isolierung ergibt durchaus Sinn, das ist o. k. Das ist gut, wenn die Besucher aus Risikogebieten einreisen. Wir müssen aber genau die epidemiologische Situation am Ausgangspunkt und am Endpunkt der Reise bewerten. Vor allem sollten wir einheitliche Standards für Quarantänen entwickeln und anwenden. Das wird noch passieren müssen.
    Herr Nabarro, vielen Dank für das Interview.

    Startseite
    Mehr zu: David Nabarro im Interview - WHO-Experte unterstützt Merkel im Streit um Skigebiete
    0 Kommentare zu "David Nabarro im Interview: WHO-Experte unterstützt Merkel im Streit um Skigebiete"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%