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Weltwirtschaftsforum in Davos 2019

Ian Bremmer im Interview „Der nächste geopolitische Schock wird uns weitaus härter treffen"

Es wird Jahre dauern, bis sich die Welt vom Chaos Nationalismus erholt, prophezeit Politik-Analyst Ian Bremmer. Zudem müsse der Westen China endlich Paroli bieten.
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„Soziale Medien erschweren den Diskurs.
Ian Bremmer

„Soziale Medien erschweren den Diskurs."

(Foto: Stephen Voss/Redux/laif)

Globalisten sind nicht gut gelitten im Trump-Zeitalter des Nationalismus. Ian Bremmer gehört zu jenem Menschenschlag, der stets über den Tellerrand des eigenen Landes hinausblickt. Der 49-jährige Amerikaner reist kreuz und quer über den Globus, um seinen Finger möglichst nah am Puls der Zeit zu halten.

Heute berät er den Präsidenten Ruandas, morgen diskutiert er mit Topmanagern über die Weltlage, und übermorgen erklärt er seinem Publikum in den sozialen Medien die Welt in 60 Sekunden. Selten ist der Rat des gut vernetzten Schnell- und Vieldenkers so gefragt wie heute, da es nur so von geopolitischen Krisen wimmelt. „Die Welt ist ohne Führung“, konstatiert der Chef der Politikberatung Eurasia Group im Gespräch mit dem Handelsblatt, „wir stehen am Anfang einer geopolitischen Rezession.“

Herr Bremmer, was ist das größte Risiko im Jahr 2019?
Wir befinden uns in der gefährlichsten geopolitischen Lage, die ich je erlebt habe: Alle politischen Entwicklungen, sowohl in China, Amerika oder Europa als auch zwischen diesen wichtigsten Weltregionen bewegen sich in eine negative, gefährliche Richtung. Seit 1998, als ich die Eurasia Group gegründet habe, gab es so etwas in keinem Jahr.

Sie sprechen von einer „geopolitischen Rezession“.
Ja, genau. Und die Lage wird immer schlimmer.

Wird das zu globalen oder regionalen Eruptionen führen?
Das ist möglich. Zum Beispiel durch einen militärischen Konflikt der USA mit dem Iran. Oder durch einen offenen Handelskrieg zwischen Amerika und China. Oder durch eine Konfrontation des Westens mit Russland. All das ist jetzt eine reale Gefahr. Auch wenn ich nicht glaube, dass irgendetwas davon 2019 passieren wird.

Die Welt geht also – noch – nicht unter?
Nein, aber das Risiko ist groß, dass der nächste geopolitische Schock – sei es ein Terroranschlag oder eine weltweite Rezession – uns weitaus härter treffen wird, weil wir darauf so schlecht vorbereitet sind. Das größte Risiko für 2019 ist deshalb, dass die zahlreichen geopolitischen Krisen und Konflikte unsere Widerstandsfähigkeit gegen unvorhersehbare Ereignisse enorm geschwächt haben. Zugleich beschwören wir den nächsten Sturm herauf.

Wie werden sich die geopolitischen Veränderungen auf die Finanzmärkte auswirken?
Die Realwirtschaft ist nach wie vor sehr robust. Die meisten Ökonomen rechnen auch für 2019 mit einem globalen Wachstum von nahezu vier Prozent. Dass die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen dennoch deutlich unruhiger geworden sind, zeigt, dass die geopolitischen Risiken viele Marktteilnehmer verunsichern und nervös machen. Diese Volatilität wird anhalten – und die Gefahren, dass es durch einen geopolitischen Schock zu einer Korrektur an den Märkten kommt, werden größer.

Was könnte so einen Schock auslösen?
Ein Cyberkrieg zwischen Amerika und Russland. Ein militärischer Konflikt mit dem Iran. Ein Scharmützel zwischen China und den USA. All das würde die Finanzmärkte durchschütteln.

Die Krisen, die Sie genannt haben, sind doch nur die Symptome von tektonischen Veränderungen rund um den Globus. Was sind die treibenden Kräfte, die zu diesen enormen Risiken führen?
Dafür gibt es natürlich eine Reihe von Faktoren. Bestimmt aber wird der Wandel von zwei zeitlich parallel laufenden Veränderungen, auf die man nur sehr schwer reagieren kann. Auf der einen Seite haben wir es mit einer Krise der liberalen Demokratie zu tun, von der viele Bürger glauben, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten sie zu ihren Gunsten manipulieren. Sie hat daher in den Augen vieler stark an Legitimität eingebüßt.

Woher kommt dieser Vertrauensverlust?
Das hat einerseits viel mit dem wirtschaftlichen Abstieg der Mittelschichten zu tun. Es geht auch um Migrationsängste, mit denen sich viele allein gelassen fühlen. Der über Jahre geführte Krieg im Irak und in Afghanistan hat zudem Teile der US-Bevölkerung zermürbt. All das wird durch soziale Medien verstärkt und führt zu einer zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft, zu Populismus und Nationalismus.

Was ist der zweite Treiber?
Auf der anderen Seite haben wir es zeitgleich mit dem Aufstieg Chinas zu tun. Der chinesische Präsident Xi Jinping spricht fast jeden Tag davon, dass China die globale Führung im Handel, in den Zukunftstechnologien in seiner Region beansprucht. Zuletzt mit der kaum verdeckten Drohung, auf eine Wiedervereinigung mit Taiwan zu drängen.

Was hat die Krise der liberalen Demokratien mit Chinas Aufstieg zu tun?
Der Westen kann nicht angemessen auf die Machtansprüche Chinas reagieren, weil er selbst zerstritten in der Krise ist. Das transpazifische Freihandelsabkommen TPP sollte auch eine wirtschaftliche Allianz gegen China sein. Die USA haben das Abkommen jedoch wegen nationalistischer Bedenken und auf populistischen Druck verworfen.

Europa kann China nur die Stirn bieten, wenn es geschlossen auftritt. Genau das wird durch den Populismus in vielen Ländern jedoch verhindert. Europa bräuchte zum Beispiel eine gemeinsame Industriepolitik, damit seine Technologiefirmen mit den chinesischen Konkurrenten mithalten können. Bislang Fehlanzeige.

Warum schafft die politische Führung es nicht, die Kräfte zu einen?
Weil diejenigen, die im Moment gegen die liberalen Demokratien Sturm laufen, nicht die gleichen Menschen sind, die Angst vor einer Übermacht Chinas haben. Der politische und zivile Diskurs ist gespalten, man redet aneinander vorbei.

Vieles scheint auf einen neuen kalten Krieg zwischen den USA und China hinauszulaufen. Muss sich Europa darin allein behaupten, oder gibt es noch eine Chance, das zerrüttete Verhältnis zu Trumps Amerika zu reparieren?
Wir können die transatlantischen Beziehungen nicht reparieren, wenn Europa selbst nicht weiß, wie einig und stark es sein will. Der Brexit ist dafür ein Beispiel, die Konflikte zwischen Brüssel und einigen osteuropäischen Staaten sind weitere. Auch die Europawahlen im Mai werden diese Zerrissenheit widerspiegeln. Und auch in Amerika ist man sich nicht mehr sicher, welchen Wert die westliche Allianz hat und wie stark Europa sein soll.

Auf dem World Economic Forum soll auch über eine neue Architektur für die Globalisierung diskutiert werden. Wer ist der globale Architekt, nachdem Amerika sich dieser Rolle unter Trump verweigert?
Niemand. Es gibt keinen Architekten mehr, und das wird noch lange so bleiben.

Die geopolitische Rezession hat ja gerade erst begonnen, und es wird viele Jahre dauern, bis sich eine neue Weltordnung mit neuen Institutionen bildet. Selbst die USA ringen noch mit sich, wie sie auf die Herausforderung durch China reagieren sollen – konstruktiv oder destruktiv. Völlig unklar ist auch, ob Amerika dabei auf eine Allianz mit Europa und Japan setzt oder einen Alleingang plant. Zumindest in der Technologiepolitik gegenüber China ziehen Amerikaner und Europäer wieder mehr an einem Strang.

Das sind doch aber nur Abwehrmaßnahmen.
Genau darum geht es. Es ist noch viel zu früh, über eine neue globale Ordnung zu sprechen. Man muss sich erst mal darüber klar werden, was es bedeutet, wenn sich die alte Ordnung auflöst.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas schlägt eine Koalition von gleichgesinnten Staaten vor – auch weil er nicht mehr auf eine Führungsrolle der USA vertraut. Kann das gelingen?
Wenn vieles um einen herum einstürzt, versucht man zunächst, so viel wie möglich von der alten Ordnung zu erhalten. Im Wissen, dass es so bald keine neue globale Architektur für den Handel und die internationalen Beziehungen geben wird, setzen die Deutschen auf aggressive Defensive.

Das ist durchaus vernünftig: Obwohl Trump vielen internationalen Abkommen den Rücken gekehrt hat, gibt es das Pariser Klimaabkommen, die Trans‧pazifische Partnerschaft und auch den Atom‧vertrag mit dem Iran immer noch. Weil andere Länder versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Reicht das aus?
Nein. Nach den Terroranschlägen 2001 und der Finanzkrise 2008 rückte die Welt zusammen, um die Gefahren abzuwehren. Ich befürchte, dass es eine solch konstruktive gemeinsame Reaktion nach dem nächsten Schock nicht geben wird, sondern dass sich die Risiken durch destruktives Verhalten noch verstärken.

Etwa dadurch, dass Europa durch die nächste wirtschaftliche Rezession auseinanderbricht. Oder dadurch, dass die transatlantischen Bande der Nato zerreißen. Oder dass es zu einem Showdown zwischen Russland und den USA kommt. Das sind ganz reale Gefahren. Vermutlich noch nicht im Jahr 2019, aber später.

Wie können global agierende Unternehmen diese Risiken managen?
Sie müssen sich krisenfester machen. Etwa, indem sie die geopolitischen Gefahren stärker in ihren Risikomodellen berücksichtigen und sich aktiv Stresstests unterziehen.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Apple muss sich fragen, wie es ohne den chinesischen Markt zurechtkommen würde. Der Aktienkurs ist bereits nach den jüngsten Absatzrückgängen eingebrochen. Es ist durchaus möglich, dass Apple in den nächsten fünf bis zehn Jahren immer weniger Produkte in China verkaufen kann. Und zwar nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus politischen. Der Schutz der Privatsphäre, den Apple-Produkte bieten, verträgt sich nicht unbedingt mit den Vorstellungen der Machthaber in Peking.

Die geopolitische Rivalität zwingt also die Wirtschaft, sich an unterschiedliche Standards anzupassen?
Ja, genau. Der globale Markt wird zersplittert. Die Unternehmen müssen begreifen, dass sie es künftig mit konkurrierenden Technologie- und Datenschutzstandards zu tun haben werden. Auch die Lieferketten werden sich durch den wachsenden Protektionismus verkürzen und näher an die Konsumenten heranrücken. Nicht viele Unternehmen haben ihre Geschäftsmodelle bislang darauf ausgerichtet.

Neben den geopolitischen Veränderungen gibt es mit der #MeToo-Bewegung auch einen globalen gesellschaftspolitischen Trend. Wird sich die Debatte um Diskriminierung und Belästigung von Frauen fortsetzen?
Die #MeToo-Bewegung wird sich in den USA schon deshalb fortsetzen, weil sie auch zur Kritik an Präsident Donald Trump gehört. Schauen Sie sich nur die vielen neuen weiblichen Abgeordneten der Demokraten im Kongress an und wie groß der Unterschied zu den weißen Männern der Republikaner jetzt ist. Wenn es um die Machtpositionen in der Wirtschaft geht, hat sich dagegen kaum etwas geändert. Die Kritik daran wird wachsen und wird auch auf andere Länder ausstrahlen.

Das vergangene Jahr war auch durch das wachsende Misstrauen der Bürger gegenüber den großen Technologieunternehmen geprägt. Wird dieser „Techlash“ 2019 zu einer strikteren Regulierung der Technologiebranche führen?
Der „Techlash“ ist weniger global als die #MeToo-Bewegung. In den Emerging Markets ist davon nichts zu spüren. In Indien und in den meisten afrikanischen Ländern sind die digitalen Technologien ein Zeichen des wirtschaftlichen Aufstiegs.

In Europa sieht man das ganz anders.
Europa ist im Technologiebereich zu einer regulatorischen Supermacht geworden. Zwar ist auch in den USA das Misstrauen nach den Datenskandalen gewachsen, bislang gibt es im Kongress aber keine politische Mehrheit für striktere Regeln.

Ihre Prognose?
Ich glaube nicht, dass es zur Zerschlagung der großen Technologiekonzerne kommen wird. Inwieweit ist der technologische Wandel auch verantwortlich für die politischen Krisen in den westlichen Industrieländern?
Heute verlieren mehr Menschen ihre Jobs durch den Einsatz neuer Technologien als durch den Freihandel.

Die Digitalisierung schafft zwar auch neue Arbeitsplätze, drückt aber andererseits auf die Löhne vieler Arbeitnehmer. Hinzu kommt, dass die sozialen Medien es schwerer machen, einen nationalen Diskurs in der Zivilgesellschaft zu führen. Viele Menschen hören nur noch auf Leute, die ihr Weltbild ohnehin schon teilen. Das führt zu Extremismus und einer Polarisierung in den westlichen Demokratien.

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