Debatte „Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“

In den Medien tobt eine neue Kapitalismusdebatte. Wer hat Schuld am Euro-Desaster - Zockerbanken oder Schuldenpolitiker? Die Handelsblatt-Leser äußern in ihren Kommentaren zuweilen weisere Ansichten als manche Experten.
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Die "Occupy"-Proteste haben in den Medien eine neue Kapitalismusdebatte entfacht. Quelle: AFP

Die "Occupy"-Proteste haben in den Medien eine neue Kapitalismusdebatte entfacht.

(Foto: AFP)

DüsseldorfDa ist es wieder, das Wort das unsere Kultur bestimmt: die Schuld. In einer Zeit in der Banken wieder zu kippen drohen, der Euro auf den Abgrund zusteuert und Millionen Anleger fürchten, ihre Ersparnisse zu verlieren sehnen sich die Menschen nach einer Erklärung für das Chaos, das ihre Existenz bedroht. Und nach jemandem, den sie für das Euro-Desaster verantwortlich machen können.

In den Medien läuft deswegen seit Wochen die Suche nach dem Schuldigen. Je heftiger die Proteste gegen die Banken werden, desto schneller landen die Zeitungen bei Grundsätzlichem: beim System. Und bei der Wirtschaftsordnung, die das System trägt, beim Kapitalismus. Alles begann, als der erzkonservative britische Publizist Charles Moore sich im Daily Telegraph selbstkritisch eingestand: „Ich beginne zu glauben, dass die Linken doch recht hatten“.

Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hat den Gedanken aufgegriffen, sieht „in einem Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik“ und geht sogar noch einen Schritt weiter: Der Finanzmarktkapitalismus bedroht laut Schirrmacher die Demokratie. Wenn, wie in Griechenland, Ex-Regierungschef Papandreou erst ein Referendum über die Euro-Schicksalsfrage seines Landes ansetzt und es dann unter dem Druck der Finanzmärkte und der Euro-Retter Merkel und Sarkozy wieder abbläst, dann wird Demokratie zum Ramsch.

Auch Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart hat sich in die Debatte eingeschaltet - und nimmt unsere Wirtschaftsordnung in Schutz: Die Marktwirtschaft werde dämonisiert. Nicht die Märkte, nicht der Kapitalismus seien Schuld an der Krise: „Die Marktwirtschaft ist nicht Täter, sondern Opfer einer unheiligen Allianz von Bankern und Schuldenpolitikern.“

Die Leser des Handelsblatts sind in der Systemfrage ebenso gespalten wie die Journalisten in den Medien. Viele teilen die Kritik an den Schuldenexzessen der „Gebe-Politiker“, die Steingart anprangert. „Die verlogene Politikerklasse sucht sich in den „Märkten“ und der „Spekulation“ Schuldige als Sündenböcke“, findet zum Beispiel „Profit“. „Wir haben eine Krise, weil sich einige Staaten hemmungslos überschuldet haben, weil Politiker für ihre Wohltaten gewählt werden wollten - und gewählt worden sind. Wenn sie jetzt sparen sollen, sind alle schuld - nur nicht sie selbst“, springt ihm „Brian100“ bei.

Doch nicht die Politiker allein tragen daran die Verantwortung. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch die Bürger keine Grenzen und kein Gefühl für Schulden mehr kennen. Man muss sich nur einmal die Anzahl der Privatinsolvenzen ansehen“, findet „Seppi38“. Politiker täten zudem nur das, was die Wähler von ihnen verlangen: „Wir sind der Urheber, nicht der Bankmitarbeiter oder der Politiker, der es uns gut gehen lassen will. Wir wollen möglichst alles: hohe Renditen für unser Geld, Risikoabsicherung, breites Sozialangebot. Wir sind die eigentlichen Täter - nicht arme Opfer!“, mahnt deshalb „Waplerhj002“.

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117 Kommentare zu "Debatte: „Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“"

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  • Sie sagen, Senf habe nicht recht, führen aber kein Argument an, um ihn zu wiederlegen. Mathematisch ist der Zinseszinseffekt offensichtlich. So lange keine Banken Pleite gehen können verteilt sich das Kapital immer ungleicher. Der Staat muss sich als Schuldner zur Verfügung stellen, um das System am Laufen zu halten. Dies ganze geschieht implizit durch den ständigen Wechsel demokratisch gewählter Regierungen, die zwischen Steuersenkungen und Ausgabenexpansion hin- und her wechseln. Beide Lager sind nicht in der Lage die Verschuldung abzubauen. Aus Sicht der Regierung ist just, immer der Zeitpunkt der jeweiligen Herrschaft ein schlechter um zu sparen, weil mit dem Sparen sofort die Wirtschaft in einen Schrumpfungsprozess übergeht. Wachstum geht nur wenn auch das Sterben möglich ist. Deshalb funktioniert die biologische Welt. Das notwendige Sterben expansiv erworbenen Kapitals kann nur verzögert, nicht aber verhindert werden. Wenn sich niemand mehr als Schuldner zur Verfügung stellen kann, kollabiert das System.

  • Dem stimme ich voll und ganz zu !

  • "Viele Menschen besitzen nicht genügend Empathie oder sind per se egoistisch, machthungrig und denken oft nicht altruistisch genug, um eine Gesellschaft humaner zu gestalten."
    Die Menschen sind nun mal so wie sie sind. Das läßt sich nur per Zwang oder Gehirnwäsche ändern.
    Ich werde durch meine Steuerzahlungen doch schon gezwungen altruistisch zu sein.

  • "Dabei, und das habe ich in diesem Blatt schon mehrfach gesagt, ist es ganz einfach, der Sacher Herr zu werden.
    Spaltet die Banken.
    Geschaeftsbanken einerseits, Investmentbanken andererseits"

    Nicht nur spalten, sondern auch in viele kleine selbständige Banken aufteilen !
    Die sind dann zwar nicht mehr so effizient aber sie nähern sich wieder einer Marktwirtschsft an (Polypol)

  • Sagen Sie doch einfach: die Banken schöpfen Geld und machen es nicht so kompliziert.
    Das könnte von heute auf morgen von den Politikern gestoppt werden. Warum sie das nicht stoppen lesen Sie am besten bei Ludwig von Mises (aus dem Jahr 1928!!!) "Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik" downloadbar bei mises.org

  • die Verantwortung wird u n s keiner abnehmen, so sehr wir uns bemühen allen anderen Banken, Politikern usw. die Schuld zuzuweisen. Dann ist eben das "System" schuld. Wir haben diese Leute gewählt mit Aussicht auf immer weitere Geschenke, wir wussten das unsere Schulden steigen..
    Analyst

  • Ich wäre lieber tot als dass ich in einem kommunistisch-sozialistischen System leben müsste.
    Es ist gerechtfertigt, gegen den Abschaum der Kapitalismuskritiker mit Gewalt vorzugehen. Allerdings sind das sowieso nur Spinner und gescheiterte Existenzen, die man nicht für voll nehmen kann.

  • Ich höre jeden Tag das Gefasel vom robusten Arbeitsmarkt und den tollen Aussichten trotz schwacher Konjunktur und trüben Aussichten (ein ganz kleiner Artikel hat mal von einer bevorstehenden Pleitewelle gesprochen).

    Was für ein Hohn für die Betroffenen am Arbeitsmarkt-5 Bewerber auf eine lukrative Stelle und Lug und Trug darüber selbst von eigenen Arbeitgebern, Massenarbeitslosigkeit im Akademikerbereich wie lange nicht mehr.

    Wenn ich mir diese propagandistische Schönfärberei manchmal ansehe, sehe ich fast 25 Jahre zurückversetzt, das ehemalige SED-Organ 'Neues Deutschland' läßt grüßen...
    ...Wie ging das aus ??

  • Der Kapitalismus ist eine Ideologie, ähnlich wie der Katholizismus, der Islam oder andere Religionen, allerdings mit unterschiedlichen Hoffnungswerten. Der Katholizismus oder Islam verspricht den Menschen einen schönen Platz im Himmel, der Kapitalismus schon auf Erden je nach den Prophezeiungen seiner Prediger. Sollte der versprochene Hoffnungswert nicht eintreten, so sind nicht die Ideologien daran schuld, sondern die Menschen, denn sie haben sich nicht ideologiegerecht verhalten. Soweit die Prediger.

    Zu den besonderen Spielregeln des Kapitalismus gehört, dass wenige Spieler nur gewinnen, die meisten verlieren sollen. So ähnlich wie beim Lottospiel. Das heißt, der Kapitalismus produziert weltweit permanent mehr Verlierer als Gewinner. Das wird zum Beispiel an einer Stelle besonders deutlich: Da, wo die Gewinner ihren Gewinn weiter vererben, verdoppelt sich dass leistungslose Einkommen durch den Zinseszinseffekt in immer kürzeren Zeitabständen. Hier befinden sich die wenigen wirklichen Gewinner des Systemspiels Kapitalismus. Es ist wie beim Hase und Igelspiel. Der arme Hase kann so schnell laufen wie er will, der reiche Igel ist immer schon vor ihm am Ziel. Der arme Hase spielt (oder läuft zwar immer noch mit), doch ohne gewinnen zu können.

    Damit die vielen Verlierer nicht alle untergehen wird dieser Defekt des Kapitalismus gekittet. Der Kitt heißt Sozialsysteme. Sie sind eine Art Dammbau. Sie versuchen sozusagen die vielen Verlierer sozial aufzufangen. Das Geld dafür erhalten sie natürlich zinspflichtig von den Reichen, sie kreditieren nämlich diese Sozialsysteme. Aber nur in soweit dass die Armen nicht völlig untergehen. Mal sehen, wie lange sich der Strom der Armen weltweit noch über Wasser halten kann.

  • Ein "Carlos" hat nun zu recht ein zweites mal Lebenslang bekommen , er verfolgt die selbe Ideologie .
    Das sollten sich diese verwirrten jungen Leute sich mal durch den Kopf gehen lassen .

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