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Donald Trump

Wer hat die besten Chancen gegen den Amtsinhaber?

(Foto: SARAH SILBIGER/The New York Time)

Demokraten vor der US-Wahl Die Suche nach dem Anti-Trump

Die Demokraten rüsten sich für einen Sturz des US-Präsidenten. Gute Chancen werden Joe Biden eingeräumt, der aber mit der Ankündigung seiner Kandidatur noch zögert.
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Berlin, WashingtonZur Selbstironie ist Joe Biden durchaus fähig. „Ich bin in Schwierigkeiten“, sagt der Demokrat, früher Vizepräsident unter Barack Obama, auf dem Wintertreffen der Bürgermeister in Washington. Er habe in der „New York Times“ gelesen, sein größtes Problem als Präsidentschaftskandidat sei, „dass ich Republikaner mag“. Biden grinst am Rednerpult. „Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt“, sagt er und bekreuzigt sich, der Saal lacht.

Biden überspielt den Vorwurf mancher Kritiker, er sei zu nah an den Konservativen, typisch amerikanisch: nonchalant, locker. Das Talent, über sich selbst zu scherzen, kann er im Wahlkampf gut gebrauchen. Noch hat sich Biden nicht offiziell erklärt, doch seine Buchtour ist ein Publikumsmagnet, sein Team sammelt seit Monaten Spenden und rekrutiert Personal. Vieles spricht dafür, dass Biden es noch einmal wagt.

Zweimal ist er angetreten, zweimal ist er gescheitert. Doch hätte er es 2016 ein drittes Mal versucht, wäre die Welt heute möglicherweise eine andere. 1988 war Biden noch zu unerfahren, um sich gegen die parteiinterne Konkurrenz durchzusetzen. 2008 verblasste er neben der Lichtgestalt Obama. Erst 2016 war sein Moment gekommen, doch der Vizepräsident zögerte, ließ schließlich Hillary Clinton den Vortritt.

Die Chance verstrich – und für die demokratische Partei ging die Wahl verloren.

Was wäre wenn, diese Frage trägt Biden seither mit sich herum. Die quälenden Debatten, ob der US-Präsident dem Kreml hörig ist, die bestürzenden Bilder von Migrantenkindern in Gitterkäfigen, den moralischen Bankrott und den politischen Ansehensverlust Amerikas – hätte es all das nie gegeben?

Der ehemalige Vizepräsident fühlt sich verpflichtet, das Weiße Haus zurückzuerobern. Quelle: AP
Joe Biden

Der ehemalige Vizepräsident fühlt sich verpflichtet, das Weiße Haus zurückzuerobern.

(Foto: AP)

Es ist Trumps drittes Jahr im Amt; die Opposition hat die Kongresswahlen gewonnen, die amerikanische Politik folgt der Logik der Blockkonfrontation. Wie verfeindete Mächte stehen sich die Lager gegenüber, die Republikaner und die Demokraten. Nichts geht mehr, im wahrsten Sinne: Fünf Wochen lang hatte ein Verwaltungsstillstand Washington und das Land gelähmt. Einigen sich Trump und der Kongress nicht auf einen Budgetplan, droht im Februar ein neuer Shutdown.

Das Geschehene kann Biden nicht ändern, aber das, was kommt, vielleicht. In Washington wird erwartet, dass Biden schon bald seine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten verkünden will. Aktuell belastet ihn eine Kontroverse um eine Rede, für die er 200.000 US-Dollar Honorar bekam.

Kürzlich wurde publik, dass Biden drei Wochen vor den Midterms im Herbst vor Konservativen in Michigan auftrat. Den lokalen Republikaner-Kandidaten Fred Upton pries Biden auf offener Bühne als „einen der besten Männer, mit denen ich je gearbeitet habe“. Teile der Demokraten sind entsetzt, dass sich Biden mitten im Wahlkampf dazu hinreißen ließ. Im Rückblick lässt die Episode an Bidens Fingerspitzengefühl zweifeln.

Umfragen räumen Biden bislang gute Chancen ein, die Vorwahlen zu gewinnen und Trump zu schlagen. Aber ein Durchmarsch würde es nicht. Biden wäre zur Amtseinführung 78 Jahre alt, kein anderer Präsident ist so alt ins Amt gekommen. Mit dem Namen Biden verknüpft sich die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Rationalität und Anstand.

Doch gesucht wird eher ein Neuanfang. „Jeder Kandidat wird nach seiner Vergangenheit bewertet. Entscheidend aber ist, wofür man in der Zukunft stehen will“, sagt Mary Anne Marsh, Wahlkampfstrategin für die Demokraten und Chefin der Dewey Square Group in Boston.

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Immer mehr Demokraten bringen sich als Kandidaten in Stellung: Die Indo-Afroamerikanerin Kamala Harris, die linke Elizabeth Warren, die gemäßigte Kirsten Gillibrand, der jugendliche Latino Julian Castro, die Außenseiterin Tulsi Gabbard. Beim letzten Mal kreiste die Partei früh um Hillary Clinton, bislang fehlt dieser Fixpunkt.

Möglich, dass es bald zwei Dutzend Bewerber gibt. Noch komplizierter wird die Lage durch die externe Kandidatur von Howard Schultz: Der frühere Starbucks-CEO will als unabhängiger Kandidat antreten. Die Demokraten fürchten, der Milliardär könnte aus ihrem Lager Stimmen absaugen.

Die Lage ist also kompliziert aus Sicht der Demokraten – auch für Biden. Das Handelsblatt hat sich in seinem Umfeld umgehört, aus den Schilderungen ergibt sich das Profil eines Mannes, der nicht nur von ungestilltem Machthunger getrieben wird. Ohne übertriebenes Pathos kann man sagen, dass Biden sich verpflichtet fühlt. Vor bald vier Jahren starb sein ältester Sohn, Joseph Robinette Biden, genannt Beau, 46 Jahre war er alt.

In seinem Buch „Promise me, Dad“ schildert Biden Gespräche zwischen ihm und seinem todkranken Sohn. „Einmal sagte er, es sei meine Pflicht anzutreten, meine Pflicht“, heißt es darin. „Pflicht war ein Wort, das Beau Biden nicht leichtfertig benutzte.“

Am 30. Mai 2015 starb Beau an einem Hirntumor. Der Kummer nahm dem Vizepräsidenten die Kraft für eine Kandidatur. Das ist heute anders, Biden fühlt sich stark genug, zu tun, was Beau von ihm erwartet hatte. Joseph R. Biden, so schildern es Vertraute, sei zu dem Schluss gekommen, dass er vermag, was niemand sonst bei den Demokraten kann: die zerrissenen Vereinigten Staaten von Amerika miteinander zu versöhnen. Ist dieser Glaube an die eigene Berufung Hybris? Oder hat Biden tatsächlich eine Chance, Amerika zu einen?

Die progressive Demokratin konnte bereits viel Geld für den Wahlkampf einsammeln. Quelle: AFP
Senatorin Elizabeth Warren

Die progressive Demokratin konnte bereits viel Geld für den Wahlkampf einsammeln.

(Foto: AFP)

Schon Obama hatte davon geträumt, als Einheitsstifter in die Geschichte einzugehen, die Trennung des Landes in „das rote und blaue Amerika“ zu überwinden. Doch er wurde selbst zum Symbol der Spaltung. Spätestens als der Furor der Tea Party die Republikaner überkam, war er für die Rechten eine Hassfigur. Vielleicht wäre das bei Biden anders.

Obama fand die Freundschaftsrituale der Politik leer und abstoßend, Biden dagegen hat 44 Jahre lang in Washington Netzwerke geknüpft, auch die Republikaner hat er umgarnt. Das, was ihm Kritiker vorwerfen, könnte in Zeiten der Radikalisierung unter Trump zum Vorteil werden.

Und ebendiese Republikaner, seine alten Kumpel, die öffentlich nie den Mut fanden, sich gegen Trump zu stellen, sollen ihn in persönlichen Gesprächen beknien, Trump herauszufordern. So jedenfalls erzählt es Biden seinen Vertrauten.

Seine Unterstützer hoffen, dass Biden jene Wählerschicht, die die Demokraten an Trump verloren haben, zurückgewinnen kann: die weiße Arbeiterschaft. Biden ist ein Meister des Small Talks. Den Unterschied zu Obama hat er einmal so beschrieben: „Barack würde lieber vor einer Million Menschen sprechen als vor 30. Aber ich glaube, ich kann beides.“ Trotz seiner langen Karriere hat er sich den Ruf der Bodenständigkeit bewahrt.

„Amtrak Joe“ nennen ihn die Leute, weil er jahrzehntelang nach getaner Senatsarbeit in den Pendlerzug nach Delaware stieg. Dazu kommt großer Respekt vor Bidens Lebensgeschichte. Beaus Tod war nicht sein erster Schicksalsschlag. 1972, sechs Wochen nach seiner ersten Wahl zum Senator, starben seine Frau und seine erst ein Jahr alte Tochter bei einem Autounfall.

Joe Biden hat Unbeschreibliches durchlitten, und doch verbinden viele mit ihm ein Lachen: sein breites, blendend weißes Zähnefletschen, das Optimismus versprüht.

Natürlich bietet Biden seinen Gegnern Angriffsflächen. Er ist nicht nur alt, er erfüllt auch die anderen Kriterien der Gestrigkeit: weiß, männlich und Veteran der Washingtoner Machtelite. Biden muss sich darauf einstellen, als Vertreter einer abgewählten Vergangenheit attackiert zu werden. „Die Energie der Partei fließt in Frauen mit diversem Hintergrund, die schon bei den Midterms für eine blaue Welle sorgten. Dieses Potenzial will man auch für 2020 nutzen“, sagt Strategin Marsh.

Noch im vergangenen Jahr galt Biden als unangefochtener Trump-Herausforderer, doch die Konkurrenz prescht voran und tourt durch umkämpfte Vorwahl-Staaten. Die möglichen Kandidaten Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, und Sharrod Brown, Senator aus Ohio, könnten sowohl Ostküsten-Liberale als auch Arbeiter aus dem Mittleren Westen mitziehen.

Die Progressiven Elizabeth Warren und Bernie Sanders, der sich bislang nicht erklärt hat, setzen auf Graswurzel-Euphorie anstatt auf Großspender. „Warren liegt, was Reisen und Fundraising angeht, gerade vorn“, beobachtet Marsh. Cory Booker, Senator aus New Jersey, könnte die wichtige schwarze Wählerschaft mobilisieren.

Und die New Yorkerin Gillibrand ist politische Wortführerin der #MeToo-Bewegung, während Biden Altlasten mit sich herumträgt. 1991 saß er dem Justizausschuss vor, als Millionen Amerikaner die Anhörung des Obersten Richters Clarence Thomas verfolgten.

Die frühere Staatsanwältin will auch ins Rennen um das Weiße Haus einsteigen. Quelle: Reuters
Senatorin Kamala Harris

Die frühere Staatsanwältin will auch ins Rennen um das Weiße Haus einsteigen.

(Foto: Reuters)

Dessen Ex-Mitarbeiterin Anita Hill warf Thomas sexuelle Nötigung vor. Biden ließ Attacken gegen Hill damals unkommentiert und begrenzte die Zeugenzahl, was ihm heute vorgehalten wird.

Rasant an Popularität gewinnt die 54-jährige Senatorin und frühere Staatsanwältin Harris aus Kalifornien. Sie lockt auf ihrer Buchtour ein vielfältiges Publikum an. Bei einem Auftritt vor Studenten in Washington zeigte sie sich souverän. Was der Unterschied zwischen ihrem Bauchgefühl und dem von Trump sei, wurde sie gefragt.

„Nun, Trump hat definitiv einen Bauch“, scherzte Harris unter Jubel des Publikums, wurde dann ernst. „Als Präsident musst du deine Bedürfnisse hinter die der Bürger stellen. Du musst die Ehre des Amtes jeden Tag hochhalten.“ Trump stehe dagegen für „Angst und Spaltung“.

Fast schon Kultstatus hat der Demokrat Beto O’Rourke bei seinen Fans erreicht. Der 46-Jährige ist Hoffnungsträger der Progressiven und wird als Kandidat gehandelt. Mit einer furchtlosen, wenn auch letztlich erfolglosen Kampagne gegen den Republikaner Ted Cruz im konservativen Texas eroberte er das Herz der Basis. Kommende Woche ist er als Stargast für ein Bühnenspektakel mit Oprah Winfrey am New Yorker Times Square gebucht.

Ansonsten pflegt er eher den unkonventionellen Auftritt, tourt durchs platte Land, übernachtet in Motels und dokumentiert seine Gedanken im Netz. „Ich weiß, dass wir es schaffen können, die Gräben zu schließen. Ich höre es von den Menschen“, schrieb er gerade.

Als Trump im Streit um eine Flüchtlingsmauer mit der Verhängung des nationalen Notstands drohte, streamte O’Rourke auf Instagram ein Gespräch mit seiner Zahnpflegerin aus Mexiko. Aktionen wie diese kommen an. Im Kongresswahlkampf sammelte er 80 Millionen US-Dollar, überwiegend durch Kleinspenden.

Im November traf sich Obama mit O’Rourke, und zur Verzückung der Beto-Fans ermutigte der Ex-Präsident ihr Idol, anzutreten. Obama will den Fehler des vergangenen Vorwahlkampfs vermeiden, als sich das demokratische Establishment zu früh auf Hillary Clinton festgelegt hatte und ihre Schwächen übersah.

Gerade weil ihn eine enge Freundschaft mit Obama verbindet, fühlte sich Biden hintergangen. Er hat nicht vergessen, dass ihm Obama 2015 zu verstehen gab, es wäre besser, auf eine Kandidatur zu verzichten, um die Einheit der Partei nicht zu gefährden.

Noch zögern Biden und O’Rourke mit der Ankündigung der Kandidatur. Denkbar ist, dass es am Ende auf einen Deal hinausläuft. Biden würde ohnehin nur eine Amtszeit anstreben, seinen Freunden hat er das schon anvertraut. Damit wäre seine Pflicht getan. Beto O’Rourke bliebe die Wahl 2024, und davor vielleicht die Vizepräsidentschaft.

Vielleicht kommt in diesem unberechenbaren, ungewöhnlichen Vorwahlkampf aber auch alles ganz anders. „Alles ist möglich“, sagt Strategin Marsh. Sie hält es sogar für denkbar, dass Trump wegen des steigenden Drucks in der Russlandaffäre auf eine zweite Amtszeit verzichtet. „Dann haben wir nicht nur ein überfülltes Feld bei den Demokraten, sondern auch bei den Republikanern.“

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