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Dennis Snower zum Auto-Gipfel „Nichts als eine pompöse Show für Herrn Trump“

Der Präsident des Weltwirtschaftsinstituts hält nichts vom Treffen zwischen US-Regierung und deutschen Autobossen – es produziere nur Schlagzeilen.
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Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft glaubt, dass es gerade in Zeiten von wachsendem Nationalismus Gipfel wie das G20-Treffen brauche. Quelle: picture alliance / SZ Photo
Dennis Snower

Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft glaubt, dass es gerade in Zeiten von wachsendem Nationalismus Gipfel wie das G20-Treffen brauche.

(Foto: picture alliance / SZ Photo)

Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis Snower, kritisiert das für Dienstag anberaumte Treffen zwischen deutschen Automanagern und der US-Regierung in Washington. „Ich halte nichts davon. Die Konzernchefs haben keine Verhandlungshoheit. Es sollte mit Regierungsvertretern und nicht mit Interessengruppen verhandelt werden“, sagte Snower dem Handelsblatt. Es sei nichts anderes als eine „pompöse Show des Herrn Trump, um Schlagzeilen zu produzieren“.

Die Einigung auf ein Abschlusskommuniqué beim G20-Gipfel in Buenos Aires dagegen sieht der IfW-Chef positiv: Das sei eine „sehr gute Nachricht für die Weltwirtschaft“. „Ohne ein Kommuniqué, welches den Multilateralismus und eine regelbasierte Weltordnung unterstützt, wäre das zukünftige Überleben der G20 infrage gestellt“, so Snower: „Die Welt muss nicht dem Protektionismus verfallen, nur weil Trump diesen Weg geht.“

Der IfW-Präsident sieht das Ende des erstaunlichen Booms in den USA kommen: „Der US-Konjunktur droht ein Rückschlag, weil die Wirtschaftspolitik nicht nachhaltig ist. Es kann nicht gut gehen, wenn Fiskal- und Geldpolitik Krieg gegeneinander führen“, sagte Snower. Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Herr Snower, die G20 hat sich am Ende doch auf ein Abschlusskommuniqué geeinigt. Eine gute Nachricht für die Weltwirtschaft?
Eine sehr gute Nachricht. Ohne ein Kommuniqué, welches den Multilateralismus und eine regelbasierte Weltordnung unterstützt, wäre das zukünftige Überleben der G20 infrage gestellt.

Vielleicht ist aus deutscher Perspektive das Treffen mit den drei Konzernchefs von Daimler, VW und BMW relevanter als der G20-Gipfel. Was halten Sie von solchen Runden?
Ich halte nichts davon. Die Konzernchefs haben keine Verhandlungshoheit. Es sollte mit Regierungsvertretern und nicht mit Interessengruppen verhandelt werden. Zusammengefasst: Es ist nichts als eine pompöse Show des Herrn Trump, um Schlagzeilen zu produzieren.

Wie bewerten Sie den Gipfel denn inhaltlich? Die Teilnehmer konnten sich ja nicht einmal auf eine Formulierung einigen, die den Protektionismus verurteilt. Und in der Klimafrage sind die USA wieder einmal nicht dabei.
Damals beim G20-Gipfel in Hamburg hat Deutschland Geschichte geschrieben, weil dort zum ersten Mal nicht im Konsens entschieden wurde. Dieser Weg hat sich nun fortgesetzt. Und wir müssen diesen Weg weitergehen.

Die Frage ist doch, was solche Kommuniqués Wert sind, wenn die größte Macht nicht mitzieht ...
Immerhin hat Merkel es geschafft, in der so wichtigen Klimafrage 19 Länder auf ihre Seite zu bekommen. Es ist extrem wichtig, dass einzelne Länder kein Vetorecht besitzen.

Aber selbst in zentralen Fragen, wo früher mehr oder weniger Konsens herrschte, etwa dem Handel, ist die Gruppe doch komplett gespalten. 
Ja, die Gewichte innerhalb der G20 haben sich verschoben. Immer mehr Staaten verfolgen eine nationalistische und protektionistische Politik.

Uns kommt es sogar so vor, als verfügten die Antiglobalisierer längst über eine Mehrheit. Brauchen wir dieses Format G20 überhaupt noch?
Ja, wir brauchen dieses Format gerade in Zeiten des Protektionismus. Die G20 ist so wichtig wie nie zuvor. Denn die zunehmenden multilateralen Probleme lassen sich auch nur multilateral lösen. Die Welt ist verflochten wie nie.

Das ist das Argument, was man immer hört. Nur glauben wollen es die wenigsten ...
Ja, das sind die Zukunftsängste der Menschen, auch die Angst vor Überfremdung. Die Menschen wollen sich hinter den nationalen Grenzen zurückziehen. Gerade deshalb ist es zwingende Aufgabe der G20, nicht nur multilaterale Vorschläge zu machen, sondern auch eine Vision zu entwickeln.

Welche Vision soll das sein?
Im großen Ganzen geht es darum, ein Gesellschaftsbild zu entwerfen, in dem die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen.

Auch das hört sich schön an und wird gern in Sonntagsreden vorgetragen. Aber was konkret soll das heißen?
Sehen Sie, die G20 wird immer als Gruppe der Staats- und Regierungschefs wahrgenommen. Aber dahinter verbirgt sich viel mehr. Die internationale Zusammenarbeit findet auf vielen Ebenen darunter statt. Etwa verschiedene gesellschaftliche Gruppen oder auch unter Bürgermeistern. Das darf nicht unterschätzt werden. „Bottom-up“ muss viel geschehen, wenn „top-down“ weniger geschieht.

Jetzt geht es doch vor allem erst einmal um die Handelsfrage. Glauben Sie, dass ein Format wie G20 Trump vom größten Wahnsinn abhalten kann?
Nein, das kann sie nicht. Und die große Frage ist: Was unternimmt man dann? Deshalb ist der Präzedenzfall, den Deutschland geschaffen hat, so wichtig. Die restliche Welt muss nicht dem Protektionismus verfallen, nur weil Trump diesen Weg geht. Deshalb ist es richtig, dass die EU weiter für den Freihandel kämpft und wenigstens versucht, möglichst viele bilaterale Handelsabkommen zu schließen. 

Das ist ja genau das, was auch Trump macht ...
Ja, wobei er versucht, den Status als größte Weltmacht zu nutzen, um seinen Handelspartner hemmungslos zu überfordern. Kurzfristig mögen die USA gut dabei abschneiden. Langfristig wird Amerika einen riesigen Schaden davontragen. Etwa weil eine solche Politik das Vertrauen in den Dollar als Weltreservewährung untergräbt.

In den letzten Jahren zeigte sich die US-Wirtschaft ja sehr robust. Droht ein Rückschlag?
Ja, den USA wird die Luft ausgehen. Die jetzt angekündigten Werksschließungen von General Motors sind ein erstes Warnsignal. Trumps Wirtschaftspolitik ist nicht nachhaltig. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs darf man nicht massiv die Steuern senken und Defizite produzieren. Die Fiskalpolitik in den USA führt einen Krieg gegen die Geldpolitik. Das kann nicht gut gehen. 

Haben Sie den Eindruck, dass sich die amerikanische Wirtschaftswelt zu wenig politisch engagiert?
Was mir Sorgen macht, ist, dass die US-Unternehmenswelt wie euphorisiert durch die Steuersenkungen und deren kurzfristige Wirkung war, aber die langfristigen schädlichen Folgen, die durch Protektionismus entstehen, zunächst völlig verdrängte. Das ist sehr kurzfristig gedacht und wird sich rächen.

Viele Wirtschaftsleute in den USA glauben, Trump könnte wiedergewählt werden. Was ist Ihr Eindruck?
Das ist schwer zu sagen. Trump betreibt eine Politik von Tag zu Tag, deshalb hängt viel von Zufällen ab. Prognosen sind da schwierig. Chancen jedenfalls hat er.

Sie als Amerikaner, wie erklären Sie sich den Erfolg dieses so ungewöhnlichen Politikers, der mit der republikanischen Tradition so gar nichts zu tun hat?
Es ist ja nicht nur in den USA so, dass Nationalisten populär sind. Sie haben offenbar die starken Geschichten, die die Menschen erreichen: Mauern bauen, Kontrolle zurückholen. Das versteht jeder sofort. Die liberalen Politiker haben dem nichts entgegenzusetzen, ihnen fehlt das Narrativ, wie es so schön heißt.

Was aber könnte Narrativ der Weltoffenen sein?
Wir brauchen ein soziales Projekt. Schauen Sie auf die Europäische Union: Durch nichts wurde ein europäisches Bewusstsein besser geschaffen als durch die Förderung des Austauschs junger Menschen. Das muss noch viel mehr geschehen, um grenzüberschreitende Identitäten zu entwickeln. Wir brauchen einen neuen Geist, der den Liberalismus beflügelt.

Der Zeitgeist meint es offenbar gut mit den national Gesinnten. Ist es nicht eher so, dass auch andere Staatslenker wie enthemmt sind, wenn die liberale Führungsmacht dem Multilateralismus abschwört? Siehe Saudi-Arabien, das in Botschaften fremder Länder Menschen hinrichten lässt.
Ja, die Weltpolitik hat derzeit ohne Zweifel eine Dynamik, die in die falsche, in eine bedrohliche Richtung geht. Trotzdem können wir nicht dem Pessimismus verfallen. Auch das ist eine Aufgabe der G20. Sie steht in der Verantwortung, darauf zu achten, dass wir nicht wie Schlafwandler uns plötzlich in einer Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg befinden.

Sie leben bereits seit mehr als drei Jahrzehnten in Europa. Wie erleben Sie persönlich die Ereignisse in den USA aus der Ferne?
Es tut schrecklich weh, diese Entwicklungen zu beobachten. Ich war immer so stolz auf dieses offene und liberale Land, das ganzen Generationen von Einwanderern eine neue Heimat und Zukunftschancen gegeben hat.

Herr Snower, vielen Dank für das Interview.

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