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Deutsche Wirtschaft „Wir sind faktisch mitten im Brexit“ – Aber das dicke Ende kommt erst noch

Weder Politiker noch Bürger noch Unternehmen wissen, wie es mit dem Brexit weitergeht. Deutsche Firmen haben lange gehofft, er werde glimpflich ablaufen. Doch nun sorgen sie vor.
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Vorbereitung auf Tag X. Quelle: Reuters
Arbeiten am Eurotunnel in Calais

Vorbereitung auf Tag X.

(Foto: Reuters)

Calais, StuttgartAn der einzigen Stelle, an der Großbritannien an das europäische Festland grenzt, bereitet man sich erst seit ein paar Wochen auf den Brexit vor. Am Eurotunnel bei Calais, der unter dem Ärmelkanal hindurch nach Dover führt, planieren Bauarbeiter das Gelände neben einer langen Straße. Die führt von den nahe gelegenen Bahngleisen des Tunnels erst zur französischen Autobahn A16 und von dort ins europäische Kernland.

Bagger und Lastwagen fahren durch den Matsch. Kalter Wind bläst ihnen entgegen. Ein Sturm zieht auf. Ein Metallgerüst deutet bereits vage auf das Gebäude hin, in dem bald französische Zollbeamte sitzen und die Tausenden Lastwagen aus Großbritannien kontrollieren sollen. Das Zollhaus wird am Tag X wahrscheinlich noch nicht fertig sein, wann immer der dann tatsächlich ist.

Am 12. April könnte es soweit sein, am 22. Mai oder sogar noch später: Bei Getlink, dem Betreiber des Eurotunnels, weiß man im Moment ja noch nicht mal sicher, ob das Gebäude überhaupt gebraucht wird. Bauen muss es die französisch-britische Firma trotzdem.

Vor fast drei Jahren stimmte eine knappe Mehrheit der Briten für einen Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union. Drei Jahre, in denen Zeit gewesen wäre, Klarheit für Unternehmen, Behörden und Bürger zu schaffen. Um Handelsabkommen zu schließen, Produktstandards zu vereinbaren, Visumsformalitäten zu klären – oder wenigstens ein Zollhaus zu bauen.

Doch auch jetzt weiß niemand, welche Regeln gelten werden, wenn Großbritannien einmal aus der EU austritt. Politiker nicht, Bürger nicht, Unternehmen nicht. Von Letzteren haben deshalb viele die Moral aus dem englischen Märchen mit den drei kleinen Schweinchen und dem Wolf beherzigt: Wie bei dem bedrohlichen Wolf, der ihre Häuschen umpusten will, behauptet sich auch im Brexit-Sturm derjenige, der am robustesten gebaut hat – auch wenn das erst mal mehr Arbeit macht.

Lange hatte es in den Unternehmen noch die Hoffnung auf einen weichen Brexit gegeben. Inzwischen wächst die Erkenntnis, dass alles möglich ist – auch der zeitweise Zusammenbruch des Handels mit der Inselnation. „Wir sind faktisch mitten im Brexit“, beschreibt Daniel Müller, Logistikexperte bei KPMG, die Lage. Was das konkret bedeutet, kann Thomas Pütter erzählen.

Von einem runden Glasbau am Rande des Teutoburger Walds aus muss der 51-jährige Logistikexperte mit der schwarzen Nerdbrille dafür sorgen, dass auch nach dem Austritt noch Lebensmittel über den Ärmelkanal gelangen. Er leitet die Brexit-Vorbereitungen für die Versmolder Spedition Nagel, zu deren Kunden Lebensmittelhändler wie Aldi, Metro, Dr. Oetker oder der Fleischgigant Vion zählen.

„Der niedrige Wechselkurs und künftige Zölle könnten die Nachfrage Großbritanniens nach Importgütern deutlich dämpfen“, fürchtet Pütter. Geringere Transportmengen aber würden die Stückkosten zusätzlich nach oben treiben. Wer weiter mit Großbritannien handelt, zahlt dann doppelt – für die Zölle und den teureren Transport. Wer kann, vermeidet das Nadelöhr Eurotunnel gleich ganz.

So hat der Luxusauto-Hersteller Aston-Martin entschieden, wichtige Zulieferteile künftig per Luftfracht einzufliegen. Aber es gibt eben nur eine begrenzte Anzahl an Alternativen – und Kapazitäten. „Wenn das auch bei anderen Herstellern Schule macht, dürften die Preise für Luftfracht bald drastisch steigen“, warnt KPMG-Berater Müller.

Auch in den kontinentaleuropäischen Häfen könnte es eng werden. Weil die EU gerade ein Freihandelsabkommen mit Japan geschlossen hat, könnten von dort bald viele zusätzliche Containerschiffe nach Europa kommen. Weil sie britische Verteilerhäfen wie Southampton künftig kaum noch anlaufen dürften, wird das Gedränge womöglich in den Ports von Rotterdam, Antwerpen und Hamburg entsprechend größer – und die Kosten steigen auch hier.

„Der niedrige Wechselkurs und künftige Zölle könnten die Nachfrage Großbritanniens nach Importgütern deutlich dämpfen“, fürchtet Pütter, der die Brexit-Vorbereitungen für die Versmolder Spedition Nagel leitet. Quelle: Nagel
Thomas Pütte

„Der niedrige Wechselkurs und künftige Zölle könnten die Nachfrage Großbritanniens nach Importgütern deutlich dämpfen“, fürchtet Pütter, der die Brexit-Vorbereitungen für die Versmolder Spedition Nagel leitet.

(Foto: Nagel)

So haben die Unternehmen die zwei Jahre, seit Premierministerin Theresa May am 29. März 2017 den Antrag auf den EU-Austritt stellte, genutzt, um den Handel mit Großbritannien zurückzufahren: Zulieferer wie Schäffler oder Bosch froren geplante Investitionen in Großbritannien ein oder verkündeten den Teilrückzug aus dem Vereinigten Königreich.

Der Staubsaugerhersteller Dyson, dessen Gründer noch vehement für den EU-Austritt getrommelt hatte, verlegte zu Jahresbeginn seine Konzernzentrale von London nach Singapur. Die japanischen Elektronikriesen Sony und Panasonic gaben bekannt, ihr Europa-Hauptquartier aus Furcht vor dem Brexit von London nach Amsterdam zu verlegen.

Beispiele gibt es quer durch alle Branchen: Galt Großbritannien bis Mitte 2016 mit 12,2 Prozent aller deutschen Exporte noch als drittgrößter Absatzmarkt der Bundesrepublik, ist das Land inzwischen auf Platz fünf gerutscht.

Seine schädliche Wirkung auf die Wirtschaft hat der Brexit noch lange nicht voll entfaltet: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet, dass ein Austritt ohne Abkommen den britisch-europäischen Handel langfristig um fast die Hälfte einbrechen lassen könnte.

Leiden werden darunter beide Seiten: 30.000 heimische Unternehmen, schätzt die Deutsche Industrie- und Handelskammer, könnten am Austritt Großbritanniens aus der EU Schaden nehmen. Der Internationale Währungsfonds fürchtet, dass die verbleibende EU einen Wachstumsverlust von 1,5 Prozent erleidet.

Eine Tierklinik am Tunnel

In Calais geht es aktuell vor allem darum, Chaos am Tag X zu vermeiden. Beim Eurotunnel baut Getlink deshalb neben dem Zollhäuschen auch eine eigene Tierklinik. Schließlich überqueren neben Personen und Gütern jeden Tag auch Tausende lebende Tiere die französisch-britische Grenze. Wenn Großbritannien die Zollunion der EU verlässt, muss vor der Einfuhr hier die Gesundheit der Pferde, Ziegen oder Schafe gecheckt werden.

Das ist aber längst nicht die gesamte Bürokratie, die Exporteure erwartet: Im Fall eines harten Brexits müssen sie für jeden Artikel, den sie nach Großbritannien verkaufen wollen, eine Ausfuhranmeldung einreichen. Wer bislang nur innerhalb der EU lieferte, muss sich nun eine Zollnummer, die sogenannte EORI, besorgen. Die Zahl der Anträge für die Zollnummern soll in den vergangenen sechs Monaten explodiert sein.

Trotzdem wird wahrscheinlich nicht jeder rechtzeitig eine Nummer bekommen: Das Antragsverfahren dauert schon unter Normalbedingungen bis zu sechs Wochen. Wer aber keine EORI hat, kann direkt umkehren. Die Betreibergesellschaft des Eurotunnels hat angekündigt, Unternehmen vom Transport auszuschließen, die die Zollabwicklung nicht entsprechend vorbereitet haben. „Wir müssen gewährleisten, dass der Tunnelbetrieb dadurch nicht gestört wird“, heißt es auf Anfrage in Calais.

Mit Zollnummern kennt sich Josef Holz wenigstens schon aus. Der 63-Jährige mit dem festen Händedruck sitzt in einem Konferenzraum seines Arbeitgebers Lapp, einem Mittelständler, der mit Verbindungstechnik gut eine Milliarde Euro in aller Welt umsetzt. Anders, als der Zweckbau im Stuttgarter Industriegebiet von außen vermuten lässt, ist der Innenraum prunkvoll eingerichtet. Den Boden schmückt ein Perserteppich, der Tisch ist aus Edelholz gefertigt.

Als Vorstand für das operative Geschäft ist Holz einiges gewohnt. Die Auswirkungen der Russlandsanktionen bekam er mit seiner Firma zu spüren, die Handelskonflikte mit Indien ebenso. „Einmal standen unsere Lkws an der ukrainischen Grenze, weil die Regierung in Kiew über Nacht die Zollbestimmungen geändert hat“, erzählt er. „Doch so etwas wie den Brexit habe ich bisher noch nicht erlebt.“

Holz’ Arbeitgeber ist doppelt vom EU-Austritt der Briten betroffen: Lapp bezieht spezielle Chemikalien aus Großbritannien, mit denen sich feuerfeste Ummantelungen herstellen lassen. Andererseits hat die Firma Kunden in Großbritannien, oft Maschinenbauer, die selbst Produkte in die EU liefern. Nicht selten passieren Kunststoffe aus Lapps Lieferkette die britische Grenze drei Mal, bevor sie beim Endkunden ankommen.

„So sexy wie eine Steuererklärung“

„Bis vor zwei Monaten hatte ich noch Hoffnung, dass die Sache gut ausgeht“, sagt Holz. Trotzdem hat der Vorstand schon im Oktober damit begonnen, Maßnahmen für den Fall eines harten Brexits vorzubereiten. „Wir haben unser Lager in Großbritannien aufgestockt und können unsere britischen Kunden so bis zu sechs Monate beliefern.“

Dank eines Zufalls konnte Holz am Standort im Londoner Stadtteil Wembley eine benachbarte Lagerhalle für einen günstigen Preis anmieten. Lager sucht gerade jeder. Am Hauptsitz in Stuttgart lagern umgekehrt nun Vormaterialien für drei Monate, ein neuer Lieferant in den USA steht bereit, im Notfall einzuspringen. Nur eine Verlängerung der Brexit-Frist will Holz nicht. „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“, sagt er.

Das verbindet Josef Holz mit Florian Ledeboer. Der 41-Jährige zählt zu den wenigen Unternehmern, denen der Brexit statt mehr Sorgen mehr Aufträge verspricht. Der gebürtige Lübecker ist Geschäftsführer der IP Zollspedition, die sich auf die Abwicklung von Import- und Exportgeschäften für Unternehmen spezialisiert hat. Doch auch ihn stört die Ungewissheit, ausgelöst durch die ewigen Abstimmungen im britischen Unterhaus.

„Ich würde gerne mehr Personal einstellen und investieren“, sagt Ledeboer. „Aber ich weiß wegen der anhaltenden Verhandlungen im Moment noch gar nicht, ob der Bedarf anhalten wird.“ Um seine potenziellen Kunden wirbt Ledeboer deshalb quasi als Brexit-Influencer: In kurzen Youtube-Videos auf seinem Kanal zoll.tv erklärt er die Folgen des EU-Austritts für Handelsunternehmen oder warnt Firmen, die womöglich noch nichts von ihren Herausforderungen wissen.

„Die Vorbereitung auf den Brexit ist so sexy wie eine Steuererklärung“, sagt er in einem Video, das er vom Fahrersitz seines stehenden Autos aus aufgenommen hat. Der Unterschied: Bei der Steuererklärung wisse man mit Sicherheit, dass man sie abgeben muss.

Ob Brexit-Profiteur oder -Verlierer, inzwischen herrscht bei den meisten Unternehmen die gleiche Haltung: Eine weitere Verzögerung bringt nichts mehr. Sie haben sich den Sturm nicht gewünscht, aber sie haben sich darauf eingestellt. Geht es nach ihnen, kann er kommen.

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