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Die Langfristfolgen der Pandemie Die Coronakrise beschleunigt in Israel die Revolution in der Gesundheitsbranche

Big Data, Künstliche Intelligenz und Diagnosesets für den Hausgebrauch: Deutschland kann vom Vorreiterland Israel und dessen Start-ups lernen.
11.09.2020 - 03:53 Uhr Kommentieren
Das Land nimmt bei der Digitalisierung der Gesundheitsbranche eine Vorreiterrolle ein. Quelle: AFP/Getty Images
Krankenhaus in Isarel

Das Land nimmt bei der Digitalisierung der Gesundheitsbranche eine Vorreiterrolle ein.

(Foto: AFP/Getty Images)

Tel Aviv Als die Tochter von Ofer Talmor fünf Jahre alt war, brach bei ihr eine chronische Krankheit aus. Jahrelang war sie im Krankenhaus. Ihrem Vater Talmor, einem Computerexperten, der sich als Reserveoffizier in der Armee um die Evakuierung verletzter Soldaten in die Klinik kümmert, fiel dabei auf, dass die Aufbereitung der Daten durch das behandelnde medizinische Team ineffizient war. Die Ärzte erhielten keine Echtzeitinformationen.

Die Daten, die ihnen zur Verfügung standen, waren weder aktuell noch ganzheitlich analysiert. Und so gründete er sein Start-up Aleph Bot, mit dem er den Informationsfluss in den Kliniken effizienter gestalten will, um die Behandlung der Patienten zu verbessern.

Talmor war einem Schwachpunkt der heutigen Medizin auf der Spur: Das Datenvolumen ist exponentiell angestiegen und überfordert die Ärzte – von der Chirurgie bis zur Radiologie. Da im Laufe medizinischer Eingriffe die neuesten Informationen weder rechtzeitig noch systematisch aufbereitet zur Verfügung stehen, arbeitet das Gesundheitssystem weniger effizient, als es aufgrund der Informationstechnologien eigentlich möglich wäre. Obwohl in der Branche höchst qualifizierte Menschen arbeiten, hinkt der Sektor bei der Digitalisierung hinterher.

Im Gesundheitssektor bestehe bei der Digitalisierung ein erheblicher Nachholbedarf, sagt Yair Schindel, der aMoon (Der Glaube) gegründet hat, den größten Health-Tech-Wagniskapitalfonds Israels. Der studierte Arzt sieht in der Konvergenz von Big Data, Künstlicher Intelligenz, Medizin- und Gerätetechnik sowie Biologie eine längst fällige Revolution des Gesundheitssektors.

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    Es ist eine Revolution, die sich durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Und Israel, selbst stark getroffen derzeit von einer zweiten Corona-Welle, gehört zu den Vorreitern auf dem Gebiet der digitalen Medizin. Ein Blick in die Zukunft der Medizin.

    Bald schon 90 Prozent der Operationen durch Roboter

    In zehn Jahren würden 90 Prozent der chirurgischen Eingriffe von Robotern ausgeführt, sagt Eyal Zimlichman, der Chefinnovator von Israels größtem Krankenhaus. 70 Prozent der Patienten, die heute stationär behandelt werden, würden dann zudem mit Hilfe von Telemedizin zu Hause behandelt werden.

    Die Coronakrise wirke sich „wie Steroide“ auf die Transformation des Gesundheitssektors aus, sagt Tech-Investor Schindel. So würden viele Patienten, die früher geglaubt hatten, sie müssten den Arzt aufsuchen, heute darauf verzichten – aus Angst, sich im Wartezimmer anzustecken. Stattdessen setzen sich Patienten mit ihrem Arzt virtuell in Verbindung, zumal auch dieser aus Selbstschutz den direkten Kontakt mit Patienten meidet.

    Die große Hoffnung ist, dass die neue digitale Welt die stark steigenden Kosten im Gesundheitswesen wieder senkt: Investor Schindel schätzt das weltweite Sparpotenzial durch Dezentralisierung, frühe Diagnosen und individuelle Behandlungsmethoden auf mehrere Milliarden Dollar pro Jahr.

    Künftig würden Patienten weniger im Krankenhaus und in Arztpraxen behandelt, dafür mehr zu Hause telemedizinisch beraten und versorgt. Auch eine zunehmende Bedeutung der präventiven Behandlung gehöre zu der Entwicklung, sagt Schindel.

    Eine dezentralisierte Gesundheitsversorgung ermöglicht das Start-up Tyto Care. Kunden von Krankenkassen, mit denen Tyto Care zusammenarbeitet, erhalten ein Set mit Instrumenten, um zu Hause oder unterwegs Ohren, das Herz, den Rachen oder den Bauchbereich zu untersuchen.

    Dabei können sie sich über die App, die sie auf dem Handy installiert haben, mit dem Arzt verbinden, den der Patient über eine Videoverbindung „besucht.“ Aufgrund der Diagnose kann der Arzt gegebenenfalls Rezepte übers Handy übermitteln. Das Tyto-Set, das rund 300 Euro kostet, wird weltweit bereits von Zehntausenden Menschen in Israel und in Nordamerika benutzt. In der Schweiz ist es seit Ende 2019 in einer Testphase bei der Krankenkasse SWICA.

    Das Set hat sich in der Coronakrise als nützlich erwiesen. Bei Verdacht auf Covid-19 kann man sich ohne Hilfe von Medizinern die Lungen zu Hause abhören und vom Arzt eine Diagnose erhalten. Rund 93 Prozent der Patienten würden nach der telemedizinischen Konsultation mit Tyto Care keine weiteren Konsultationen mit dem Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, heißt es beim Start-up.

    Mithilfe moderner Methoden lassen sich Risiken von Patienten frühzeitig erkennen. Künftig werde die Medizin stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sein, weil Ärzte auf eine breite Datenbasis zurückgreifen können, so Tech-Investor Schindel.

    Das werde präzisere Diagnosen ermöglichen und Frühinformationen über präventive Behandlungen liefern. So paradox es für Laien klingen mag: Der Rückgriff auf Big Data helfe, die Behandlung persönlicher zu gestalten, ist Start-up-Gründer Talmor überzeugt.

    Die zentralen Patientendaten sind die Goldgrube der E-Health-Firmen

    Bei der Revolution des Gesundheitssystems spielt Israel eine führende Rolle. Neben den Fähigkeiten auf dem High-Tech-Gebiet hat das Land gegenüber den meisten anderen in den Augen von Tech-Investor Schindel einen weiteren Vorteil: „99 Prozent der Bevölkerung haben ein digitalisiertes persönliches Gesundheitsdossier, in dem alle relevanten Daten der letzten 25 Jahre gespeichert sind.“ Das erweise sich als „Goldgrube“, weil es die Grundlage für die Digitalisierung des Gesundheitssektors liefere.

    Anders als in vielen westlichen Ländern habe man in Israel weniger Bedenken mit der Speicherung persönlicher Daten, weil man begreife, dass die Gesundheit mit Künstlicher Intelligenz und Big Data verbessert werden könne. Zum Portfolio von aMoon gehören derzeit 33 Start-ups mit einem Kapital von insgesamt 1,1 Milliarden Dollar.

    Grafik

    Mehr Effizienz im Gesundheitssektor verspricht auch Doron Behar: „Wir beschleunigen die Identifikation von Risikopatienten,“ sagt der Gründer von Igentify. Seine Vision: Er will mit einer schnellen und genauen Interpretation der Gene Tausende von Leben retten. Voraussetzung dazu sei, dass das Genom jedes Individuums erfasst werde, „ein Buch mit sechs Milliarden Buchstaben,“ sagt er.

    Dieses Genom beinhalte Informationen, die helfen, die Behandlung präziser zu gestalten: „Wir streben an, aufgrund dieser Angaben jedem eine individuelle Diagnose zu erstellen.“

    Möglich macht dies ein drastischer Preisverfall der Genom-Analyse. Sie kostete vor zwanzig Jahren mehr als zwei Milliarden Dollar, heute bloß noch ein paar Hundert Dollar, Tendenz fallend. „Jetzt bringen wir die digitale und die genomische Revolution zusammen,“ sagt der 49-Jährige, der auch mit Krankenhäusern in Deutschland in Kontakt ist.

    Sein Ziel ist ehrgeizig: Nach der Analyse der Erbmasse soll ein Alarm ausgelöst werden, falls Risikofaktoren entdeckt werden. Durch frühzeitiges Erkennen von Risiken wie bösartigen Tumoren können mehr Menschen präventiv behandelt werden. Die Gesellschaft müsse allerdings lernen, wie sich das Speichern des Genoms mit dem Schutz der Privatsphäre vereinbaren lasse, gibt Behar bei allem Optimismus zu bedenken.

    Künstliche Intelligenz beim CT-Scan

    Ohad Arazi setzt auf die Auswertung Künstlicher Intelligenz, um damit Radiologen zu entlasten. Die Software seines Start-ups Zebra Medical Vision, das inzwischen neun Produkte mit der europäischen CE-Kennzeichnung anbietet, kann Computertomografie-Scans lesen und interpretieren. Die Analysen, die dabei entstehen, seien zu 90 Prozent richtig, sagt CEO Arazi, sie würden danach aber von Fachärzten zusätzlich kontrolliert. Radiologen werden deshalb nicht überflüssig, „wohl aber diejenigen, die nichts von Künstlicher Intelligenz wissen wollen,“ sagt Arazi.

    Mithilfe seiner Software werde nicht nur die Prävention verbessert, sondern gleichzeitig auch ein großes Sparpotenzial realisiert. So würden die Zebra-Analysen helfen, im Fall von Brüchen Osteoporose-Risikopatienten frühzeitig zu erkennen, wodurch sie mit rechtzeitiger Behandlung vor lebensbedrohenden Brüchen bewahrt werden können. Damit, so Arazi, würden sich Kosten in Milliardenhöhe sparen lassen. Allein in den USA belasten die Folgen des Abbaus von Knochensubstanz das Gesundheitssystem mit 18 Milliarden Dollar jährlich.

    Einen Nachteil sieht Tech-Investor Schindel bei den E-Health-Start-ups in Israel: die große Distanz zu den Regulierungsbehörden in den USA und in der EU. „Uns fehlt dort die Lobby“, sagt er. In diesem Sommer hat der Schweizer Pharma-Multi Roche ein Abkommen mit Schindels Health-Tech-Fonds aMoon unterschrieben, um mithilfe eines Innovationslaboratoriums disruptive Technologien zu finden.

    Als strategischer Partner ist auch die Bank Credit Suisse (CS) dabei, die in den Wachstumsfonds von aMoon 250 Millionen Dollar investiert hat. Filippo Rima, der bei CS im Bereich Asset-Management für Aktien zuständig ist, sagt: „Das unterstreicht unsere Zuversicht für das Wachstumspotenzial des Digital-Health-Anlagesegments.“

    Mehr: Digitalpakt für das deutsche Gesundheitswesen gefordert.

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