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Die Langfristfolgen der Pandemie Wie Südkoreas Bildungssender EBS zur Onlineschule der Nation wurde – und was er für die Zukunft plant

Südkorea hat seine Schulen gerade wieder geschlossen. EBS ist zentrales Lehrorgan im Heimunterricht und ein Technikpionier mit ehrgeizigen Zielen.
02.09.2020 - 03:51 Uhr Kommentieren
Angesichts steigender Infektionszahlen haben die Schulen des Landes wieder geschlossen und setzen auf Online-Unterricht. Quelle: ddp images/Newscom
Online-Unterricht in Südkorea

Angesichts steigender Infektionszahlen haben die Schulen des Landes wieder geschlossen und setzen auf Online-Unterricht.

(Foto: ddp images/Newscom)

Tokio Kim Myung Joong, der Chef des südkoreanischen Erziehungssenders Educational Broadcasting System (EBS), ist ein pandemisch-pädagogischer Pionier. Als die Regierung in der ersten Corona-Welle die Schulen schloss, hat sein Sender eigenhändig fast die gesamte Schulnation online gebracht.

Noch heute erinnert sich Kim, der in Heidelberg studiert hat, an die Premiere. 28.000 Lehrinhalte stellte der öffentlich-rechtliche Sender online. 150 Teams produzierten in zehn Studios täglich 472 Live-Vortragssendungen. Gleichzeitig baute er seine kleine Online-Software-Plattform ESOF mithilfe von Microsofts Cloudplattform Azure im Eiltempo zum vollwertigen nationalen Live-Unterricht aus, damit im April die Schüler wenigstens wieder digital lernen konnten.

Es war ein technologisches Husarenstück: Innerhalb von nur zwei Wochen wurde aus den mehreren Tausend gleichzeitigen Verbindungen, die möglich waren, mehr als drei Millionen, erinnert sich Kim. „Das ist einzigartig.“ Aber wenn es nach dem Senderchef geht, soll es nicht einzigartig bleiben.

Kim ist Teil der südkoreanischen Mission, die Coronakrise in eine ökonomische Gelegenheit zu verwandeln. Die Regierung von Präsident Moon Jae In will die bisher recht erfolgreiche Verfolgung von Covid-19-Infektionen im Land als Werbung für den Technologiestandort Korea nutzen. Mit dem Corona-Konjunkturprogramm will er die fünftgrößte Exportnation der Welt in ein „digitales Powerhouse“ verwandeln. Und digitale Bildung, die seit Beginn der Corona-Pandemie plötzlich global von zentraler Bedeutung ist, könnte dabei ein koreanischer Verkaufsschlager werden.

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    Globale Pläne: Von K-Pop zu K-Ed

    „Wir nennen es K-Ed“, sagt EBS-Chef Kim lachend, „koreanische Erziehung.“ Das Land ist stolz auf erfolgreiche Kulturexporte wie Cremes und Schönheitsoperationen, die unter „K-Beauty“ laufen, sowie auf im Ausland beliebte koreanische Popmusik – „K-Pop“ genannt.

    Online-Erziehung „made in Korea“ könnte nun besonders für arme Länder ein Vorbild werden, so Kim. „Wir haben unsere Arbeit bereits mit Unicef und der Weltbank geteilt.“ Zudem will der Sender EBS die Welt in einem Weißbuch über das Projekt und die bisherigen Erfahrungen unterrichten.

    Dabei hat der Sender mit Microsoft einen kräftigen Partner, der das koreanische Lehrstück auch geschäftlich nutzen will. „Wir erhalten viele Anfragen, unsere Erfahrungen über die global ersten Onlineklassen weltweit zu teilen“, berichtet Lee Ji Eun, die Chefin von Microsoft Korea. Denn in Korea zeigte Microsoft, wie rasant sich Digitaltechnik ausdehnen lässt, wenn neben Not politischer Wille und Geld vorhanden sind.

    Als Südkoreas Gesundheitsbehörden im Februar die Covid-19-Krisenstufe auf „schwer“ heraufstuften, richtete der Bildungssender in Zusammenarbeit mit dem Erziehungsministerium ein „EBS Covid-19 Emergency Response Team“ ein. Denn schon bald war klar, dass der Unterricht selbst nach einer einmonatigen Verlängerung der Frühjahrsferien nur online beginnen würde.

    Der zentralisierte Bildungsstaat mobilisiert moderne Technologie

    Zwei Startvorteile kamen Südkorea bei der pädagogischen Pioniertat zu Hilfe: Erstens ist Bildung im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland und Japan nicht Sache der Bundesländer oder Gemeinden, sondern im Erziehungsministerium zentralisiert. So wird im ganzen Land nach den gleichen Lehrplänen unterrichtet, was ein nationales Onlinesystem erleichtert.

    Zweitens zeigt die Geschichte vom EBS, dass Bildung in Korea schon früh technologisch unterstützt wurde. Gute Ausbildung war eine der nationalen Initiativen, um das Land seit den 1950er-Jahren von einem bitterarmen Bauernstaat in eine der reichsten Industrienationen zu verwandeln. Bis heute liegt das Land in internationalen Bildungsvergleichen wie der Pisa-Studie immer in der Spitzengruppe.

    Grafik

    Als Teil des Bildungssturms wurde 1974 der EBS als Radiosender gestartet, der 2000 zu einer vollwertigen öffentlichen Rundfunkanstalt wurde. Inzwischen bilden die Tele-Lehrer über sieben Radio- und Fernsehkanäle sowie das Internet die Nation. In der Pandemie kam EBS zugute, dass der Sender sein eigenes Material produziert. „Wir hatten daher urheberrechtlich keine Probleme, die Inhalte online zu stellen“, erklärt Kim. Und über die Fernsehstudios und Produktionsteams verfügte er auch.

    Bei ihrem technologischen Galopp setzten sie auf eine Konstante koreanischer Innovationskultur: Alles muss schnell gehen – „balli-balli“, nennen es die Koreaner. „Beim Start des Dienstes traten zunächst Stabilitätsprobleme auf, da das System in so kurzer Zeit für Millionen von Benutzern aufgebaut werden musste“, erinnert sich EBS-Chef Kim. Aber die Probleme wurden nach der Methode „Versuch und Irrtum“ gelöst, die selbst Südkoreas Großkonzerne manchmal noch anwenden. „Die Koreaner rennen zwar viel im Zickzack, sind am Ende aber dennoch weit schneller am Ziel als deutsche Unternehmen“, lobt ein deutscher Manager diese Grundhaltung, die auch schon mal zu vorübergehenden Produktrückrufen wie dem des faltbaren Smartphones von Samsung Electronics 2019 führen.

    Gemischte Erfahrungen der Beta-Tester

    Beim Sender EBS erhöhte die Not den Druck, Perfektion dem Tempo unterzuordnen. Das Resultat: „Jetzt haben wir genügend Server für den gleichzeitigen Zugriff gesichert“, meint Kim. Meistens wenigstens. Die Beta-Tester der digitalen Onlinebildung, die Schüler sowie deren Eltern, verzeihen bisher die Kinderkrankheiten, schlicht weil die Alternativen fehlen. „Momentan ist es die beste Lösung“, sagt Park Seo Young (Namen geändert), Mutter einer 14-jährigen Mittelschülerin. „Was sollen wir sonst tun?“

    Tatsächlich war das Schulleben selbst nach der Lockerung der Covid-19-Beschränkungen alles andere als normal. Seit Juni wurde der Schulunterricht im Schichtbetrieb wieder aufgenommen. Grundschüler verbrachten oft nur einen Tag in der Klasse und vier zu Hause, Mittelschüler wechselten wöchentlich vom Klassen- ins Wohnzimmer. Doch auch das ist nun Geschichte: Seit vergangener Woche hat das Land angesichts steigender Infektionszahlen wieder voll auf Heimunterricht geschaltet. Kims EBS-Programm ist also wieder elementar wichtig.

    Parks Fazit bisher: „Meine Tochter meint, die Qualität des Online-Unterrichts ihrer Schule sei gut.“ Doch der Stress ist für alle Beteiligten groß. Eine Lehrerin klagt, dass die Kontrolle aller Kinder schwer sei. Für die Eltern verstärkt sich der Druck, die öffentliche und nachschulische Bildung in privaten Paukschulen, den „Hagwon“ zu managen, die die Kinder auf die Eingangsprüfungen der nächsthöheren Schule oder Universität vorbereiten. Die Koreaner hätten einen großen Bildungshunger, sagt Park. Deswegen müsse auch in der Corona-Zeit privat zusätzlich gepaukt werden.

    Hong Young Gi, Vater zweier Kinder, glaubt nicht, dass die „echten Schulklassen“ ersetzt werden können. „Es wird nicht nur schwieriger, die Talente der Kinder in jedem Fach zu entdecken und zu zeigen“, sagt Hong. „Es fehlt auch die Möglichkeit, soziale und menschliche Beziehungen zwischen Lehrern und Freunden aufzubauen.“

    Auch sein älteres Kind zieht ein gemischtes Zwischenfazit: Es lobt zwar die Möglichkeit, ohne Schuluniform zu lernen und die Zeit selbst planen zu können. Aber gelegentlich gebe es technische Pannen, und die Kontakte zu anderen fehlten. Das größte Problem sei allerdings, dass das System bisher kein direktes Feedback mit den Klassenlehrern erlaubte. „Wenn ich eine Frage in einer Onlineklasse hatte, fühlte ich mich manchmal frustriert, weil ich meine Fragen nicht in Echtzeit stellen konnte. Daher bevorzuge ich echten Unterricht.“

    Ausbau zur zentralen Kommunikationsplattform der Schulen

    EBS-Chef Kim ist sich dieses Mankos bewusst. „Wir haben festgestellt, wie wichtig das Zusammenwachsen von Inhalten, Plattformen und verschiedenen Diensten für einen erfolgreichen Onlineunterricht ist.“ Sein Team arbeitet daher bereits daran, das bisher auf Livesendung konzentrierte System stärker für eine dezentrale Kommunikation zwischen den Klassenlehrern und Schülern zu öffnen. Die musste bisher oft über andere Kanäle laufen.

    Dabei treibt Kim nicht nur die Sorge um, dass die Pandemie noch lange dauern könnte. Er will die Plattform auch nach der Pandemie bewahren. „Die Schulen könnten wieder online gehen, wenn zum Beispiel die Feinstaubbelastung hoch ist.“ Daher denkt er auch über neue Technologien wie augmentierte und virtuelle Lernwelten nach. „Wir sind technologische Pioniere“, benennt er das Selbstverständnis des Bildungssenders EBS. „Wir haben noch viel vor.“

    Mehr: Südkorea will mit der Krise zum „digitalen Powerhouse“ werden

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