„Digital warfare“ Intelligente Roboter gefährden den Weltfrieden

Künstliche Intelligenz macht eine quasi autonome Kriegsführung möglich. Experten sind alarmiert – und fordern umgehend Strategien und Lösungen.
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Nächste Evolutionsstufe – Hier hilft ein Roboter seinem Kollegen durch die Tür

MünchenSie hält keine Tiraden gegen die Nato und den Westen wie der russische Außenminister Sergei Lawrow es manchmal macht. Sie spricht auch nicht von Arenen, in denen Nationen um die Weltherrschaft miteinander ringen, wie der US-Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster es kürzlich getan hat. Sophia erscheint mit ihrer stets freundlichen Stimme wie die gute Fee in einer von militärischen Konflikten und außenpolitischen Spannungen geprägten Welt. Und doch verbirgt sich hinter Sophias Lächeln eine neue Gefahr, die nach Meinung von Sicherheitsexperten sogar größer ist als die Drohungen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un mit einem Atomkrieg.

Sophia ist nämlich ein Roboter, der von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuert wird.

Dass ausgerechnet ein intelligenter Roboter zum Auftakt der Münchener Sicherheitskonferenz (MSC) das Publikum mit einer fast menschlich anmutenden Rede begrüßt, ist kein Zufall. „Wer die Führung bei der künstlichen Intelligenz übernimmt, wird die Welt regieren“, hat Russlands Präsident Wladimir Putin im vergangenen Jahr prophezeit. Die Erfinder-Ikone Elon Musk (Tesla und Space X) warnt sogar vor einem digitalen Wettrüsten mit unbemannten Kampfdrohnen und Killerrobotern, das in einem „dritten Weltkrieg“ münden könne.

„Wir sprechen nicht über eine Zukunftsvision, sondern die militärische Nutzung künstlicher Intelligenz steht unmittelbar bevor“, warnte der ehemalige Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in München, „und die Nato ist auf diese Art der Kriegsführung überhaupt nicht vorbereitet.“ Der Nato-Veteran spielte damit vor allem auf die langwierigen Entscheidungswege im Bündnis an. Im digitalen Krieg der Zukunft müssten militärische Entscheidungen in Minuten und nicht in Monaten getroffen werden.

Das weiß offenbar auch die Bundeswehr. „Wir brauchen eine digitale Strategie“, verlangte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in ihrer Eröffnungsrede. Vor etwa einem Jahr hat sie dafür das Kommando Cyber- und Informationsraum in den Dienst gestellt. Geführt wird die Cyber-Armee von etwa 13.500 Soldaten durch Generalleutnant Ludwig Leinhos, der in München auf die „ethischen Probleme“ einer autonomen Kriegsführung durch Roboter hinwies.

Revolution in der Waffentechnik

Wie groß die Gefahr ist, zeigt ein öffentlicher Brief: Dort warnten bereits vor zwei Jahren 3000 IT-Spezialisten, dass intelligente autonome Waffen nach der Erfindung des Schießpulvers und der Atombombe die dritte große Revolution in der Waffentechnik sei. „Wir müssen sicherstellen, dass Menschen im Krieg die Entscheidungen über Leben und Tod treffen“, forderte Rasmussen und mahnte internationale Verträge für den militärischen Einsatz künstlicher Intelligenz an.

Musk und Mustafa Suleyman, Mitbegründer der von Google übernommenen KI-Firma Deep Minds, haben zusammen mit mehr als 100 Kollegen aus der High-Tech-Branche die Vereinten Nationen aufgefordert, den Einsatz von intelligenten Killerrobotern international zu ächten. 123 UN-Mitglieder haben sich dafür ausgesprochen, Gespräche über ein solches Waffenverbot zu beginnen.

„Die Roboter werden nicht die Welt übernehmen“, versuchte der indische UN-Vertreter Amandeep Gill nach dem letzten Treffen im November in Genf die Gemüter zu beruhigen. Mary Wareham ist anderer Meinung. „Wir brauchen jetzt eine internationale Übereinkunft, wie wir sie zum Beispiel auch mit dem Bann von Landminen haben“, forderte die Vertreterin der Initiative „Stop Killer Robots“ auf der Sicherheitskonferenz.

Die Geschichte des von mehr als 190 Ländern unterzeichneten Atomwaffensperrvertrags zeigt, dass ein solches Unterfangen grundsätzlich möglich ist. Zumal in diesem Vertrag eben auch die zivile Nutzung der Nukleartechnik geregelt wird. Analog müsste es auch eine Verabredung für den friedlichen Einsatz künstlicher Intelligenz geben, da diese Technologie eben nicht nur ein Fluch, sondern auch ein Segen sein kann.

Tech-Riesen haben das Potential längst erkannt

Vom Letzteren sind insbesondere die Tech-Ikonen aus dem Silicon Valley überzeugt. Eric Schmidt, bis vor kurzem Chairman der Google-Mutter Alphabet, verweist auf der Sicherheitskonferenz auf die „explosionsartigen Fortschritte“, die durch den Einsatz künstlicher Intelligenz zum Beispiel im Gesundheitswesen möglich seien.

Google investiert zusammen mit Amazon, Microsoft und Intel jedes Jahr aber eben auch rund 50 Milliarden Dollar in digitale Innovationen, die zum Teil schon heute für militärische Zwecke genutzt werden können. „Wir müssen im Kopf jedoch behalten, dass diese Technologien noch ernsthafte Fehler haben“, warnte der Schmidt die Militärs vor einem digitalen Überschwang. Man dürfe intelligenten Robotern deshalb nicht die Entscheidung von Leben und Tod überlassen. Zuvor hatte er an der Münchener TU über dieses Thema gesprochen.

Microsoft-Präsident Brad Smith fordert auch deshalb „ein Gesetz für den Einsatz von künstlicher Intelligenz“. Und auch der zweithöchste US-Militär, General Paul Selva, forderte im vergangenen Jahr „ethische Regeln“ für die digitale Kriegsführung beizubehalten, weil man eben nicht wisse, wie man die Killer-Roboter kontrollieren könne.

Dass es in absehbarer Zeit zu internationalen Regeln oder gar einem Verbot für den militärischen Einsatz von künstlicher Intelligenz kommt, glaubt auf der Münchener Sicherheitskonferenz kaum jemand. Zu groß seien die Möglichkeiten der neuen Technologien. Wer es nicht glaubt, musste nur der säuselnden Stimme Sophias lauschen: Der smarte Roboter versprach natürlich auch, sich für den Weltfrieden einzusetzen.

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