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Digitale Souveränität Schöne neue Netzwelt: Warum der Mobilfunkstandard Open Ran zur Falle werden könnte

Mehr Wettbewerb, niedrigere Preise: Berlin setzt auf die neue Netztechnologie Open Ran. Doch in Brüssel wächst die Sorge, dass von den Staatshilfen vor allem die USA und China profitieren.
07.07.2021 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Open Ran könnte die Mobilfunkinfrastruktur deutlich verändern. Quelle: dpa
Bieter bei einer 5G-Mobilfunkauktion

Open Ran könnte die Mobilfunkinfrastruktur deutlich verändern.

(Foto: dpa)

Berlin, Brüssel Die USA sind zurück im 5G-Spiel, war kürzlich im „Wall Street Journal“ zu lesen, gleich neben dem Bild einer funkenden Freiheitsstatue. In nahezu triumphalem Stil berichten US-Medien dieser Tage über den globalen Mobilfunkmarkt. Den Anbruch einer neuen Ära sehen sie gekommen.

Tatsächlich: Der Feldzug der US-Regierung gegen den chinesischen Huawei-Konzern hat die wirtschaftliche Machtbalance auf dem strategisch wichtigen Markt für Netzausrüstung erschüttert. Vieles spricht dafür, dass die Tage gezählt sind, an denen Huawei und die skandinavischen Unternehmen Nokia und Ericsson das Geschäft unter sich ausmachten. Das Oligopol der Netzausrüster zeigt Risse; neue Unternehmen, drängen auf den Markt, darunter die Tech-Giganten der USA.

Ein neuer Technologiestandard soll den Umbruch der Industrie, die jährlich 35 Milliarden Dollar umsetzt, noch beschleunigen: Open Ran (Radio Access Network) verspricht die technologischen Barrieren einzureißen, die bisher den Markt abgeschottet haben. Durch den neuen offenen Standard sollen die technischen Komponenten der Mobilfunknetze herstellerübergreifend kompatibel werden. Bislang gibt es in der Infrastruktur nur geschlossene Systeme.

Bund stellt zwei Milliarden Euro bereit

Telekom-Chef Timotheus Höttges, United-Internet-CEO Ralph Dommermuth, sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Open Ran hat gerade in Deutschland mächtige Fürsprecher. Mehr Auswahl, niedrigere Preise und bessere Qualität erwarten sie. Die Bundesregierung hat im Corona-Konjunkturpaket zwei Milliarden Euro bereitgestellt, um die Technologie zu fördern.

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    Doch ist das Geld gut investiert? Daran gibt es erhebliche Zweifel – unter anderem in der EU-Kommission. Die Brüsseler Behörde betrachtet Open Ran nicht als Heilsbringer, sondern bestenfalls als Innovation mit unbekanntem Sicherheitsprofil.

    Sie hat daher einen Fragebogen an die Mitgliedstaaten verschickt, um „Sicherheitsrisiken und Vorteile zu analysieren“, wie ein Kommissionssprecher erläutert. Diese Untersuchung soll einige Monate in Anspruch nehmen. Es ist ein ähnliches Vorgehen wie vor zwei Jahren, als Brüssel, getrieben von Vorbehalten gegen Huawei, Sicherheitskriterien für 5G-Anbieter erarbeiten ließ.


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    Berliner Beamte reagieren genervt. „Die Technologie Open Ran kommt, ob man will oder nicht“, heißt es aus der Bundesregierung. Das Vorhaben sei „ein fahrender Zug, bei dem es darum geht, in den Führerstand der Lok zu kommen, um den Zug steuern zu können“. Die EU-Kommission wolle sich neben den Zug stellen und sagen, dass der Zug bitte nicht fahren solle. „Das funktioniert nicht.“

    Open Ran ist nicht alternativlos

    So alternativlos, wie es in Berlin gern dargestellt wird, ist Open Ran allerdings nicht. Die Technologie mag revolutionär erscheinen, doch ob sie unter sicherheits- und industriepolitischen Aspekten ein lohnendes Investment für europäische Staatshilfen darstellt, ist unklar. So jedenfalls argumentieren Netzwerkausrüster wie Ericsson, die ihr Oligopol gern behalten würden.

    Auch auf Bundestagsabgeordnete gehen die Firmen zu, um auf die Risiken der Technologie hinzuweisen. In einem Blogeintrag schreibt Ericsson: „Die Einführung neuer und zusätzlicher Berührungspunkte in der O-Ran-Architektur, zusammen mit der Entkopplung von Hardware und Software, hat das Potenzial, die Bedrohungs- und Angriffsfläche des Netzwerks auf zahlreiche Arten zu erweitern.“

    Dabei klingt das Grundprinzip von Open Ran einleuchtend. Baut ein Mobilfunkanbieter ein Netz auf, kann er nicht einfach am Markt nach den günstigsten Antennen und Basisstationen schauen und nach Belieben vom einen oder anderen Anbieter etwas kaufen. 

    Ob nun die europäischen Netzwerkausrüster Nokia und Ericsson oder die Chinesen Huawei und ZTE: Wer sich für einen Anbieter entscheidet, legt sich dauerhaft fest. Es fehlen standardisierte Schnittstellen, die mehr Wettbewerb erlauben würden. Ein offenes, softwarebasiertes Zugangsnetz, das Radio Access Network, kurz Ran, würde dieses Manko beheben – und Telekom, Vodafone, Telefonica und Co unabhängiger von ihren Ausrüstern machen.

    Verkehrs- und Wirtschaftsministerium tüfteln an Förderprogrammen

    Kanzlerin Merkel sieht die Technologie sogar als Beitrag zur „digitalen Souveränität“, wie sie kürzlich in einem offenen Brief an die EU-Kommission deutlich machte, den sie gemeinsam mit ihren Amtskolleginnen aus Dänemark, Estland und Finnland – dem Heimatland von Nokia – im Handelsblatt veröffentlicht hatte.


    Fördermittel

    1,5

    Milliarden Dollar

    wollen die USA für Open Ran abzweigen.

    Längst tüfteln die Beamten, gerade im Verkehrs- und im Wirtschaftsministerium, an Förderprogrammen, um die Anschubhilfen von zwei Milliarden Euro unterzubringen. Erste Förderaufrufe sollen in den nächsten Wochen durch die Expertenwelt schallen. Die USA wollen 1,5 Milliarden Dollar für Open Ran abzweigen. 

    Doch wird Europa mit Open Ran wirklich digital souverän? Innerhalb der Bundesregierung konstatieren die Experten: Open Ran führe dazu, dass sich Teile der Netzinfrastruktur weg von der Hardware hin zur Software bewegen: „Daraus leitet sich die Sorge ab, dass in vielleicht zehn Jahren unsere Telekommunikationsinfrastruktur vorwiegend über Clouds von Amazon, Google oder Microsoft gesteuert wird.“

    Wie berechtigt diese Sorge ist, zeigen aktuelle Meldungen: Microsoft hat gerade vom US-Provider AT&T den Zuschlag dafür erhalten, das rechenintensive Kern-Netz über den Cloud-Dienst Azure zu betreiben. Europa müsste mit seiner Cloud-Architektur Gaia-X dafür sicherstellen, dass Daten sicher für die Verbraucher transportiert und allenfalls anonymisiert genutzt werden. 

    Europa verfügt über zwei Netzausrüster von Weltrang

    Gelingt dies nicht, würde Europa mit seinem Steuergeld den Eroberungsfeldzug der US-Tech-Branche mitfinanzieren. Anders als die USA hat Europa auf dem Markt für Netzausrüstung keinen Rückstand aufzuholen, sondern verfügt mit Nokia und Ericsson über gleich zwei Anbieter von Weltrang. 

    Die EU-Kommission will neben diesen industriepolitischen Aspekten insbesondere die Netzsicherheit analysieren, denn gerade hier gibt es erhebliche Bedenken. „Die offene Struktur von Open Ran erhöht die Anzahl der Schwachstellen, die Cyberangreifer ausnutzen können“, erläutert Beryl Thomas von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations. 


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    Da die Mobilfunknetze spätestens mit der Einführung des neuen 5G-Standards zur kritischen Infrastruktur werden, über die künftig selbstfahrende Autos, autonome Fabriken und sogar telemedizinische Eingriffe gesteuert werden sollen, bedeutet die erhöhte Verletzlichkeit der Netzwerke eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

    Wer auf der Website der O-Ran-Allianz herumstöbert, erfährt von diesen Risiken wenig. Dieser Zusammenschluss von Mobilfunkanbietern und Technologieunternehmen rührt nicht nur die Werbetrommel für die neue Technologie, sondern vereinbart auch die Spielregeln, nach denen sich die unterschiedlichen Hersteller richten sollen, damit das Zusammenspiel im Open-Ran-Netz reibungslos funktioniert. 

    US-Firmen in O-Ran-Allianz am stärksten vertreten

    Interessant wird es dann, wenn man sich anschaut, wer hinter der O-Ran-Allianz steht. Neben US-Unternehmen wie AT&T findet sich dort etwa der Staatskonzern China Mobile, der größte Mobilfunkanbieter der Welt. Selbst chinesische Unternehmen, die auf den Sanktionslisten der Amerikaner stehen, gehören dem Konsortium an: die Inspur Group und Phytium etwa, gelistet wegen ihrer Kontakte zur nationalen Volksarmee.

    Die Beratungsfirma Strand Consult hat die Mitgliedslisten der O-Ran-Allianz ausgewertet. Das Ergebnis: Mit 82 Firmen sind die USA am stärksten vertreten – gefolgt von China mit 44 Unternehmen. 

    „Wer Huawei nicht vertraut, kann auch den chinesischen Staatskonzernen in der O-Ran-Allianz nicht vertrauen“, sagt Hosuk Lee-Makiyama, Direktor des European Centre for International Political Economy in Brüssel. „Alle chinesischen Unternehmen, ob staatlich oder privat, sind gesetzlich gezwungen, Daten für die Sicherheitsbehörden der Volksrepublik zu sammeln, und können sich dagegen rechtlich nicht wehren.“

    Zwar gehören auch Nokia und Ericsson der O-Ran-Allianz an. Allerdings heißt es in der Branche, beide Unternehmen würden dort eher versuchen, das Vorhaben zu bremsen, wenn nicht gar zu verhindern. 


    Der entscheidende Punkt ist, dass europäische Unternehmen, egal ob klein oder groß, Software- oder Hardware-basiert, von Open Ran nicht profitieren, im Gegenteil. Franziska Brantner, europapolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag

    Die Bundesnetzagentur scheint all das nicht zu beunruhigen. Nach Ansicht der Behörde gibt es seit Anfang des Jahres innerhalb der O-Ran-Allianz „deutliche Fortschritte“. Diverse Spezifikationen seien „neu erstellt oder überarbeitet“ worden. O-Ran soll auch mit dem „European Telecommunications Standards Institute“ zusammenarbeiten, beide haben einen Kooperationsvertrag geschlossen. 

    Deutsche Behörden sehen über politische Implikationen hinweg

    Wie schon im langen Streit um Huawei zeigt sich, dass deutsche Behörden Schwierigkeiten haben zu erkennen, dass Technologie kein wertneutraler Raum, sondern ein Spielfeld der Geostrategen und Industrieplaner ist. So wie Teile der Bundesregierung eine Prüfung der politischen Vertrauenswürdigkeit von 5G-Ausrüstern verhindern wollten, sehen sie nun über die politischen Implikationen von Open Ran hinweg. 

    „Der entscheidende Punkt ist, dass europäische Unternehmen, egal ob klein oder groß, Software- oder Hardware-basiert, von Open Ran nicht profitieren, im Gegenteil“, kritisiert Franziska Brantner, europapolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. „Es muss darum gehen, unsere eigenen Anbieter in ihrer Vielfalt zu stärken.“ Auch Nils Schmid, außenpolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, ist skeptisch: „Wir müssen genau prüfen, welche neuen Risiken sich aus Open Ran ergeben.“

    Die Lobby der Netzbetreiber dagegen kann zufrieden sein. Die Telekom, Vodafone und Telefonica versprechen sich viel von Open Ran. Auch der Neueinsteiger United Internet setzt auf die Technologie. Aus Sicht der Unternehmen könnten die staatlichen Fördersummen gar nicht hoch genug sein, nachdem ihnen wegen der hohen Sicherheitsauflage für Huawei, die der Bundestag im Frühjahr beschlossen hat, erhebliche Mehrkosten drohen. 

    Doch eines steht fest: Die Technologie wird noch Zeit brauchen – deutlich mehr Zeit, als den Unternehmen bleibt, um die Frist einzuhalten, die ihnen bei der Ersteigerung der Funkfrequenzen für den Aufbau der 5G-Netze gesetzt wurde. 

    „Die Grundidee von Open Ran ist prinzipiell gut, da sie aktuelle und zukünftige Anforderungen an die Offenheit sowie Spezialisierung von Kommunikationsnetzen aufgreift“, sagt Professor Thomas Magedanz vom Fraunhofer-Institut Fokus in Berlin. „Es wird allerdings noch einige Jahre dauern, bis hier ein stabiles – insbesondere auch europäisches – Ökosystem etabliert ist.“

    Mehr: Die Mobilfunk-Falle: Europas Firmen drohen die großen Verlierer zu werden

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    1 Kommentar zu "Digitale Souveränität: Schöne neue Netzwelt: Warum der Mobilfunkstandard Open Ran zur Falle werden könnte"

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    • „Der entscheidende Punkt ist, dass europäische Unternehmen, egal ob klein oder groß, Software- oder Hardware-basiert, von Open Ran nicht profitieren, im Gegenteil“

      ein Hoch auf das europ. Ausschreibungswesen: um ja niemanden zu diskriminieren, werden alle Unternehmen(-zusammenschlüsse) gebeten Angebote abzugeben. Am Ende zählt (fast) immer die Wirtschaftlichkeit. Ist doch klar, dass chinesische und US-Unternehmen aus strategischen Gründen Fuß fassen wollen.
      Man muss sich nur mal den umgekehrten Fall vorstellen - Nokia baut das Mobilfunknetz in den USA oder in China...ein Ding der Unmöglichkeit.

      Wie sehr das nach hinten losgehen kann, weiß noch keiner abzuschätzen. Sollte es aber soweit kommen - die Weichen sind ja bereits gestellt - dann gute Nacht!

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