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Digitale Transformation Frankreich läuft Deutschland bei digitaler Wettbewerbsfähigkeit den Rang ab

Nach einer neuen Studie verliert Deutschland enorm an digitaler Wettbewerbsfähigkeit. Frankreich holt dagegen mächtig auf.
07.09.2020 - 06:27 Uhr 4 Kommentare
Digitale Wettbewerbsfähigkeit: Deutschland wird von Frankreich überholt Quelle: dpa
Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz

Ein Mann gibt einem Roboter die Hand. Die Unternehmen in Deutschland schätzen mit großer Mehrheit die Künstliche Intelligenz als wichtigste Zukunftstechnologie ein.

(Foto: dpa)

Berlin/Paris Frankreich top, Deutschland Flop: Das ist das überraschende Ergebnis einer neuen Studie des European Center for Digital Competitiveness (ESCP) zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Demnach konnte sich Frankreich in den drei Jahren von 2017 bis 2019 um 95 Ränge verbessern und ist der führende digitale Aufsteiger innerhalb der sieben wichtigsten Industrienationen (G7).

Deutschland fiel im „Digital Riser Report“ dagegen um 52 Ränge zurück. Innerhalb der G7 hat nur Italien noch mehr an Boden verloren. „Vor allem die politischen Einstellungen zu Unternehmensgründungen und Innovation haben sich in Deutschland deutlich verschlechtert“, sagte der Ökonom Philipp Meissner, der die Untersuchung für die ESCP Business School geleitet hat.

Gemessen wurden die Veränderungen der digitalen Wettbewerbsfähigkeit in den beiden Kernbereichen „Ecosystem“ und „Mindset“, die jeweils fünf Merkmale umfassen wie zum Beispiel die Möglichkeit, ausländische Talente zu gewinnen, oder die Einstellung zu unternehmerischen Risiken. Dabei haben die Forscher auch auf Daten des jährlich erscheinenden Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums zurückgegriffen.

Anders als bei vergleichbaren Rankings wie zum Beispiel vom Institute for International Management Development konzentriert sich die Studie der ESCP auf die dynamischen Verschiebungen von technologisch konkurrierenden Ländern. Supermächte wie die USA landen nicht unbedingt auf den Spitzenplätzen. Tatsächlich hat Amerika 33 Ränge eingebüßt, während China um 52 zulegen konnte.

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    Industrie 4.0 reicht nicht

    Besonders enttäuschend ist das Ergebnis aber für Deutschland, wo seit Jahren intensiv in Politik und Wirtschaft über die digitale Transformation diskutiert wird. „Anders als in Frankreich gibt es in Deutschland keinen strategischen Plan für die Digitalisierung“, kritisiert Meissner. Statt wirkungsvoller Leuchtturm-Projekte gebe es hierzulande einen Dschungel von Fördermaßnahmen, in dem sich niemand zurechtfinde. Selbst der Ende 2019 groß angekündigte Zukunftsfonds von zehn Milliarden Euro sei offenbar in der Schublade verschwunden.

    Die größte Schwäche sieht der Wissenschaftler jedoch im fehlenden „digitalen Mindset“: „In Berlin liegt der Fokus auf Industriepolitik und deren Großprojekte wie Industrie 4.0.“ Ein digitaler Wandel finde nur innerhalb schon bestehender Industrien statt, es entstünde zu wenig Neues. „Kanzlerin Angela Merkel hat sich 2019 nicht einmal mit Start-ups beschäftigt“, moniert Meissner.

    In den USA seien Tesla und Google ja auch nicht dadurch entstanden, dass sich alte Unternehmen wie Ford und General Electric digital gewandelt hätten. „Das waren völlig neue Unternehmen, die es so in Deutschland nicht gibt.“ Zudem sei es immer noch viel zu teuer, hierzulande ein neues Unternehmen zu gründen.

    Für vorbildlich hält Meissner dagegen die Entwicklung in Frankreich, wo Innovationen und Hilfen für Start-ups durch die staatliche Agentur La French Tech gebündelt würden. Dort ist die Digitalisierung ein Lieblingsthema des Staatspräsidenten. Emmanuel Macron lädt jedes Jahr die Vertreter von „France Digitale“, dem Interessenverband digitaler Start-ups, und Wachstumsunternehmen in den Elysée-Palast ein.

    Vertreter deutscher Start-ups und Scaleups, die an den – auf Englisch ablaufenden – Diskussionen teilnehmen, sind verblüfft über Zuwendung und Interesse seitens der Exekutive. „Für uns ist das wie eine Reise in die Zukunft, durch Macrons ganze Rede zieht sich die Aussage: ,Wir vertrauen euch Unternehmern',“ sagt Tao Tao, Mitgründer des deutschen Einhorns GetYourGuide.

    Macron ist die treibende Kraft

    Macron hat sich 2019 für die Gründung eines Fonds durch große institutionelle Investoren eingesetzt, der insgesamt fünf Milliarden Euro Risikokapital für schnell wachsende Firmen bereitstellen soll. Macron geht auch unkonventionelle Wege. Eine der größten Hindernisse für Start-ups in Frankreich ist die Sozialverwaltung URSSAF, die für Selbstständige zuständig ist.

    Sie gilt als zäh, abgeschottet, übermäßig kompliziert und reaktionsfaul. Statt eine Fundamentalreform der Behörde abzuwarten, hat Macron einen speziellen Ansprechpartner für die französischen Tech-Unternehmen bei URSSAF einrichten lassen. Dort werden sie außerhalb der Routine bevorzugt bedient.

    Marianne Tordieu von France Digitale nennt zwei Faktoren, die besonders zum Erfolg des französischen „digitalen Ökosystems“ beigetragen hätten: vorteilhafte Regeln für die Vergabe von Aktienoptionen, mit denen Start-ups klassischerweise ihre Mitarbeiter an sich binden, und das French Tech Visa, mit dem sich Gründer, Unternehmer und ihre Mitarbeiter aus dem Ausland ohne großen Aufwand in Frankreich niederlassen können. „Dadurch zählt Frankreich weltweit zu den Ländern, die die günstigsten Bedingungen bieten, das trägt dazu bei, dass wir die besten Talente anziehen können.“

    Die Einstellung von Cédric O, dem Staatsekretär für Digitalisierung, hat nichts mit dem Klischee vom französischen Etatismus zu tun hat: „Wir glauben nicht, dass der Staat ex nihilo erfolgreiche Unternehmen schaffen oder durch Fusionen erzeugen kann, das ist die Aufgabe der Unternehmerinnen und Unternehmer, die entweder auf geeignete steuerliche, regulatorische und kulturelle Rahmenbedingungen treffen oder nicht.“ Macrons Regierung bemühe sich, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen.

    Doch noch gibt es große Schwachstellen. Einer Untersuchung des Europäischen Rechnungshofs zufolge landet Frankreich auf dem vorletzten Platz aller EU-Länder, wenn es um die Abdeckung des Territoriums mit schnellem Internet geht. Die „Start-up-Nation“, von der Macron schwärmt, ist noch längst nicht Realität.

    Mehr: Eliten schöpfen ihr Potenzial nicht aus: „Deutschland AG“ braucht im globalen Wettbewerb ein Update.

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    4 Kommentare zu "Digitale Transformation : Frankreich läuft Deutschland bei digitaler Wettbewerbsfähigkeit den Rang ab"

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    • Das Rennen zwischen Frankreich und Deutschland gleicht einem Wettlauf zwischen einer Schnecke und einer Schildkröte. Es spielt keine Rolle, wer gewinnt, beide sind aus dem Rennen!

    • Das Rennen zwischen Frankreich und Deutschland gleicht einem Wettlauf zwischen einer Schnecke und einer Schildkröte. Es spielt keine Rolle, wer gewinnt, beide sind aus dem Rennen!

    • Was Wunder, für manchen unserer Spitzenpolitiker war das Internet in 2012 ja noch "Neuland" (lach!).

    • Nur zur Klarstellung: das European Center for Digital Competitiveness ist nicht gleichzusetzen oder abzukürzen mit ESCP (École supérieure de commerce de Paris), sondern eine Gründung des deutschen Ablegers der ESCP in Berlin.

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