Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Drastische Kürzungen Saudi-Arabiens tiefer Absturz in die Krise

Der weltgrößte Ölexporteur plant wegen des Ölpreiseinbruchs drastische Sparmaßnahmen. Dadurch gerät der umstrittene Kronprinz Mohammed bin Salman in Gefahr.
07.05.2020 - 03:56 Uhr Kommentieren
Der saudische Kronprinz gerät durch die schwierige Wirtschaftslage in Probleme. Quelle: AP
Plakat von Mohammed bin Salman in Jiddah

Der saudische Kronprinz gerät durch die schwierige Wirtschaftslage in Probleme.

(Foto: AP)

Berlin Wie ernst es wirklich um Saudi-Arabien steht, machte die saudische Notenbank Sama zu nächtlicher Stunde deutlich: Da hielt die Behörde eine eilige Pressemitteilung für nötig. Die Botschaft: Die Landeswährung, der saudische Rial, bleibt weiter zum Kurs von 3,75 an den Dollar gekoppelt. Was bislang als selbstverständlich galt, wurde nun zur Nachricht – denn der weltgrößte Erdölexporteur befindet sich wegen der Coronakrise in drastischen Schwierigkeiten.

Angesichts des abgestürzten Ölpreises und des globalen Corona-Konjunkturschocks ist die größte Volkswirtschaft am Golf in eine tiefe Krise gerutscht. In dem Land, das derzeit die G20-Staatengruppe führt, war sogar über eine Abkoppelung vom US-Dollar diskutiert worden – das wäre fast so, als wenn ein Land der Euro-Zone die Währungsgemeinschaft verließe. Überlegt wurde in Saudi-Arabien auch, über eine deutliche Währungsabwertung die Konjunktur zu stützen.

Warum nun deutlich höhere als die schon vor Beginn der Krise erwarteten Haushaltskürzungen von etwa einem Fünftel der Staatsausgaben erwartet werden, machte der saudische Finanzminister deutlich: „Das Königreich hat in den letzten Jahrzehnten keine Krise dieses Ausmaßes erlebt“, sagte Mohammed Al-Jadaan in einem Interview mit dem staatlichen TV-Sender Al-Arabiya. Deshalb sei es „sehr wichtig, dass wir sehr harte Maßnahmen ergreifen, und sie mögen schmerzhaft sein, aber sie sind notwendig“.

Die geplanten Kürzungen würden zudem „lang anhaltend“ sein, denn er plane aktuell mit dem Worst-Case-Szenario, sagte Al-Jadaan. Und das scheint angesichts der Halbierung der Ölpreise binnen weniger Monate auch angebracht.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Denn schon im ersten Quartal, und damit großteils noch vor Ausbruch der Coronakrise am Golf, sanken Riads Staatseinnahmen um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresvergleichsquartal auf 51,2 Milliarden Dollar, die Öleinnahmen sogar um 24 Prozent auf 34,4 Milliarden Dollar, während die Staatsausgaben um vier Prozent auf 60,3 Milliarden Dollar anstiegen.

    Heikle Sparmaßnahmen

    Durch das im April angeschobene milliardenschwere Stimuluspaket zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise werde das Haushaltsdefizit im Gesamtjahr mit 112,5 Milliarden Dollar auf 15,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ansteigen. Das erwarten die Experten der saudischen Bank Jadwa Investments. Die bisher äußerst geringe Staatsverschuldung werde bis Jahresende auf 227,7 Milliarden Dollar steigen, was knapp einem Drittel des BIPs entspricht.

    Die US-Großbank Goldman Sachs hält den nun diskutierten Ausstieg aus der Dollar-Kopplung für viel zu teuer und die Folgen für zu gefährlich. Stattdessen raten die Analysten der Bank zu einem drastischen Sparkurs. Denn ansonsten wären die 500 Milliarden Dollar betragenden Gold- und Währungsreserven bis Anfang 2023 aufgezehrt, wenn der Ölpreis weiter unter 30 Dollar pro Barrel bleibt.

    Das Problem: Um glaubwürdig an der Dollar-Kopplung festzuhalten und Spekulanten abzuwehren, braucht es die hohen Reserven. Um einen wirklichen Wirtschaftseffekt zu erzielen, müsste die Rial-Abwertung 50 Prozent betragen, meint Goldman-Experte Farouk Soussa.

    Die Ratingagentur Moody‘s hat die Bonität Saudi-Arabiens bereits herabgestuft auf A 1, Ausblick negativ statt stabil. Die Agenturen Standard & Poor‘s und Fitch bewerten die Kreditwürdigkeit sogar schlechter.

    Besser seien fiskalische Anpassungen, Einsparungen und neue Steuern, sagt Soussa. Die hätten zwar auch hohe ökonomische und sozialpolitische Folgen. So könnte die Inflation rasant steigen, der Import dringend benötigter Maschinen würde teurer. Doch die Effekte seien insgesamt deutlich geringer als im Falle einer massiven Abwertung, so die Analysten.

    Der drastisch gefallene Ölpreis bereitet den Produzenten große Schwierigkeiten – auch in Saudi-Arabien. Quelle: AP
    Ölförderung im Abendlicht

    Der drastisch gefallene Ölpreis bereitet den Produzenten große Schwierigkeiten – auch in Saudi-Arabien.

    (Foto: AP)

    Allerdings ist die Sparpolitik politisch heikel. Denn Finanzminister Al-Jadaan kündigte auch Streichungen bei den Megaprojekten der „Vision 2030“ an. Diese Vision ist das radikale, aber Hunderte Milliarden Dollar teure Umbauprogramm des ebenso mächtigen wie umstrittenen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der nur „MbS“ genannte De-facto-Herrscher will mit dem Aufbau einer groß angelegten Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sowie gigantischer futuristischer Megastädte sein Land unabhängiger von der Ölpreiskonjunktur machen.

    Doch nun reißt der drastisch weggebrochene Ölpreis ein so gewaltiges Loch in die Königskasse, dass der saudische Gesellschaftsvertrag ins Wanken gerät: Bisher sind die Königskinder von der absolutistischen Monarchie praktisch entmündigt, im Gegenzug werden sie mit üppigen Subventionen aus der Staatsschatulle versorgt.

    Doch schon die Erhöhung der Benzin-, Strom- und Wasserpreise sowie die Einführung einer fünfprozentigen Mehrwertsteuer Anfang 2018 sorgten erst für Unmut und dann zu Verhaftungen von Kritikern.

    Die Forscher des International Institute for Middle East and Balkan Studies fragen sich bereits, ob aus dem Kronprinzen MbS ein Reformer wie Kemal Atatürk oder Deng Xiaoping werden könnte. Atatürk hatte die Türkei säkularisiert, Deng machte aus der chinesischen Kommandowirtschaft eine teilweise Marktwirtschaft mit kommunistischer Einparteienherrschaft. Der Kronprinz könne aber auch zu einem neuen Stalin werden, also zu einem Diktator, so die Experten. Die Politik aller drei genannten Herrscher wurde von der schwierigen Wirtschaftslage stark bestimmt.

    In Saudi-Arabien werden jetzt nicht nur weitere Sparmaßnahmen, neue Steuern und erhebliche Subventionsstreichungen vorbereitet. Es sollen auch Lohnkürzungen von 40 Prozent möglich sein und dann vereinfachte Entlassungen – wenn bei betroffenen Firmen nach sechs Monaten keine wirtschaftliche Verbesserung eintritt.

    Die Maßnahmen werden sich nach Ansicht von Ökonomen in Riad ebenso massiv auf die Steuereinnahmen auswirken wie die wegen der Coronakrise nun erfolgte drastische Einschränkung der Wirtschaftsaktivitäten in der ostsaudischen Ölmetropole Dammam. Auch die mächtigen Konzerne des Landes haben ihre Investitionen zusammengestrichen: Der weltgrößte Ölkonzern Saudi Aramco und auch der Petrochemiekonzern Sabic haben massive Investitionskürzungen verkündet.

    Die Hoffnung bleibt

    Die prekäre Haushaltslage und die Sparpläne wecken indes bei westlichen Diplomaten die Hoffnung, dass Riad nun kostspielige Konflikte beendet – etwa den Krieg im Nachbarland Jemen, wo das sunnitische Saudi-Arabien ohne wirkliche militärische Erfolge seit Jahren und für sehr viel Geld gegen die schiitischen Huthi-Rebellen kämpft. Aber auch die Wirtschaftsblockade gegen den kleinen Nachbarstaat Katar und der Kampf um die Vorherrschaft über die ganze Region mit dem schiitischen Erzrivalen Iran könnten beeinflusst werden.

    Und auch viele junge Saudis haben trotz der weiter steigenden Zahlen von Corona-Toten im Königreich und anhaltender Ausgangssperren ihre Hoffnungen nicht aufgegeben: Fast 600 Paare haben über ein spezielles Online-Portal Verträge über Eheschließungen eingereicht. (Präsenz-)Hochzeiten sind mit Treffen der Eheleute und ihrer Gäste seit Mitte März unmöglich. Reale Liebe muss nun vorerst virtuell besiegelt werden.

    Mehr: Auch für die großen Ölkonzerne ist die Zeit der Milliardengewinne vorbei.

    Startseite
    Mehr zu: Drastische Kürzungen - Saudi-Arabiens tiefer Absturz in die Krise
    0 Kommentare zu "Drastische Kürzungen: Saudi-Arabiens tiefer Absturz in die Krise"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%