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Drohender Default Kurz vor Fristende verteidigt Argentiniens Wirtschaftsminister sein Umschuldungsangebot

Argentinien steht vor dem neunten Zahlungsausfall in der Geschichte des Landes. Eine Umschuldung soll das verhindern. Doch viele private Gläubiger lehnen das Angebot ab.
10.05.2020 - 18:06 Uhr Kommentieren
Argentiniens Wirtschaftsminister kommt eigentlich aus der ökonomischen Forschung. Quelle: Bloomberg
Martín Guzmán

Argentiniens Wirtschaftsminister kommt eigentlich aus der ökonomischen Forschung.

(Foto: Bloomberg)

Salvador Die argentinische Regierung hat die Frist zur Annahme ihres Umschuldungsangebots an die privaten Gläubiger um drei Tage verlängert. Bis zum Montag könnten die Eigner von ausländischen Dollar-Bonds die Offerte noch annehmen oder Gegenangebote unterbreiten, teilte Präsident Alberto Fernández am Samstag mit. „Die Verhandlungen gehen weiter“, erklärte er über Twitter. „Noch ist alles offen.“

Für Argentiniens Wirtschaftsminister Martín Guzmán ist jetzt schon abzusehen, dass der Verhandlungspoker mit den Anleihebesitzern bis zum 22. Mai weitergehen wird. Dann muss Argentinien entscheiden, ob es die fälligen Zinsen auf Anleihen zahlt oder ob es den Default erklärt. Es wäre der neunte Zahlungsausfall in der Geschichte des Landes.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt am Freitag versuchte der 37-jährige Ökonomieprofessor mit dem Spezialgebiet Staatsverschuldung Zuversicht zu verbreiten – obwohl er da schon einige Wochen Verhandlungen hinter sich hatte und schon ahnen musste, dass es schwierig werden würde, die Gläubiger ins Boot zu bekommen. Einige Bondhalter hätten den Vorschlag Argentiniens bereits akzeptiert, sagte Guzmán – wie viele, das wolle er nicht sagen. Argentinien sei aber auch nach dem Ablauf der Frist offen für weitere Vorschläge von der Gläubigerseite.

Auf den Finanzmärkten werden die Chancen gering eingeschätzt, dass es bis morgen zu einer Einigung mit der Mehrheit der Gläubiger kommen wird. Argentinische Anleihen werden zu rund 35 Prozent ihres Nominalwerts gehandelt, also ähnlich hoch wie der Abschlag, den Argentinien von den Gläubigern verlangt. Investmentfonds wie Blackrock, Fidelity oder T. Rowe, die seit 2016 massiv Argentinienbonds gekauft haben, sollen das Angebot abgelehnt haben.

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    Es geht um Anleiheschulden im Nominalwert von 65 Milliarden Dollar. Für diese Bonds will Argentinien eine Reduzierung der Zinsen um 62 Prozent sowie der Schulden von 5,4 Prozent. Zusätzlich verlangt Argentinien eine Karenzzeit von drei Jahren, bevor der Staat mit den Rückzahlungen beginnen will.

    Argentinien ist nicht zahlungsfähig

    Guzmán sieht keinen Verbesserungsbedarf des Angebots, welches Argentinien „nach bestem Wissen und Gewissen“ gemacht habe. „Argentinien kann nicht zahlen inmitten der schweren Krise.“ Das Land müsse erst wieder seine wirtschaftliche, finanzielle und soziale Stabilität erlangen, sagte Guzmán. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) habe festgestellt, dass Argentinien überschuldet sei und Gläubiger erhebliche Zugeständnisse bei der Umschuldung akzeptieren müssten. Mehrfach im Gespräch verwies Guzmán auf die Einschätzung des IWF zu Argentinien, dass das Land nicht in der Lage sei, seine Schulden zu bezahlen.

    Das erstaunt auf den ersten Blick: Der IWF ist in Argentinien bis heute zutiefst verhasst. Dass ausgerechnet eine peronistische Regierung wie die von Präsident Alberto Fernández auf den Fonds aus Washington verweist, um ein Entgegenkommen der privaten Gläubiger zu rechtfertigen – das lässt sich vor allem als Verhandlungsstrategie erklären: Der IWF ist mit rund 44 Milliarden Dollar Kredit der größte Gläubiger Argentiniens. Nur wenn Guzmán mit den privaten Anleihebesitzern einen deutlichen Abschlag aushandeln kann, kann Argentinien auch auf ein größeres Entgegenkommen der multilateralen Bank hoffen. Washington möchte auf keinen Fall in den Ruf geraten, mit seinen Krediten privaten Gläubigern aus der Patsche zu helfen.

    Argentinien pokert hoch: Wenn das Land nach dem 22. Mai erneut von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten wäre, dann wäre das eine Katastrophe. Nach dem Zahlungsstopp von 2001 blieb Argentinien für 15 Jahre von den internationalen Finanzmärkten isoliert. Für eine wirtschaftliche Erholung nach der bald vierjährigen Rezession würden ausländische Investitionen fehlen. Auch die Exportfinanzierungen könnten ausfallen.

    Guzmán kennt die Folgen gescheiterter Verhandlungen bestens: Unter seinem Mentor Joseph Stiglitz arbeitete er bis zu seiner Ernennung als Minister an der Columbia University an vergleichenden Strategien bei Schuldenverhandlungen. Er gilt jedoch als Akademiker, der keine praktischen Erfahrungen bei Verhandlungen mit Bankern oder Regierungsvertretern hat. Auch bei seinen Ausführungen darüber, wie Argentinien wieder wachsen soll, verfällt Guzmán schnell in einen akademischen Vortragsstil, der besser in ein Uni-Seminar passt als zum Amt des Ministers.

    Fragile Wirtschaftslage schon vor Corona

    Guzmán ist überzeugt, dass Argentinien 2023 wieder zahlungsfähig sein wird. Doch es stellt sich die Frage, wie er zu dieser Einschätzung kommt: Schon vor der Pandemie steckte die Wirtschaft in einer schweren Rezession, mit einem hohen Haushaltsdefizit sowie Inflation und einem Dollar, der auf dem Schwarzmarkt täglich an Wert zulegte. Nach 2023 will Argentinien bereits bald wieder einen Primärüberschuss im Haushalt erzielen, also ein Plus ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen. Guzmán erklärt dazu, dass das Angebot an die Gläubiger noch gar nicht die Auswirkungen der Coronakrise berücksichtige. Argentiniens Zahlungsfähigkeit könnte also noch geringer ausfallen.

    Doch warum präsentiert Argentinien überhaupt einen kompletten Umschuldungsplan, wenn der wegen der unabsehbaren Folgen der Krise jetzt schon fraglich sei? Man wolle den Zustand der Ungewissheit beenden, welcher der Wirtschaft massiv schade und das Land unnötig unter Spannung setze. „Wir wollen die Lösung nicht weiter hinauszögern.“

    In Argentinien diskutieren einflussreiche Ökonomen wie Miguel Kiguel die Alternative eines mit den Gläubigern vereinbarten Stillstands, etwa gegen teilweise Zinszahlungen, bis wieder verlässlichere Prognosen möglich sind. Doch das lehnt Guzmán ab und begründet dies mit der fehlenden Zahlungsfähigkeit des Staates. Ein Stillstandsabkommen würde das Problem nur verlängern.

    Der Regierung gehe es darum, die Kreditwürdigkeit Argentiniens langfristig wiederherzustellen, erklärte Guzmán. Das sei nicht nur die Absicht seiner jetzigen peronistischen Regierung, sondern Staatsziel Argentiniens. Die ganze Gesellschaft, selbst die Opposition, stehe dahinter, behauptete Guzmán. Argentinien wolle nachhaltige, langfristige Beziehungen mit den Gläubigern. „Wir wollen Zusagen machen, die wir auch erfüllen können.“

    Ob denn dann auch die geschätzt 300 Milliarden Dollar, welche die Argentinier im Ausland gebunkert haben sollen, wieder ins Land zurückfließen würden – darauf entgegnete er, dass das eine Sache des Vertrauens sei und nur mit einer kontinuierlichen Wirtschaftspolitik erreicht werden könne. Angesichts des für Argentiniens Politik typischen Zickzackkurses in der Wirtschaft fügte er realistisch hinzu: „Und diese Konsistenz muss dann auch durchgehalten werden.“

    Mehr: IWF und Weltbank wollen Hilfen für Schwellenländer aufstocken

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