Eine konfliktreiche Stadt Jerusalem: emotional, religiös, historisch

Nach der Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch die USA fluchen die Palästinenser – die Israelis zeigen Genugtuung. Die Heilige Stadt war immer schon der sensibelste Punkt im Streit zwischen beiden Völkern.
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Jerusalem: Eine Stadt, heilig für drei unterschiedliche Religionen. Nach der Entscheidung Trumps, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, ist die Lage angespannt. Quelle: dpa
Jerusalem-Konflikt

Jerusalem: Eine Stadt, heilig für drei unterschiedliche Religionen. Nach der Entscheidung Trumps, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, ist die Lage angespannt.

(Foto: dpa)

JerusalemDer Muezzin der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg ruft gegen Mittag zum Gebet. Sein Gesang erschallt über den Platz vor der Klagemauer am Fuße des Hügels in der Jerusalemer Altstadt. Gläubige Juden beten vor den massiven Steinen, singen und stecken Zettel mit Wünschen in die Ritzen des Mauerwerks. Der Tempelberg, für die Muslime Al-Haram Al-Scharif (das edle Heiligtum), ist beiden Religionen heilig - und damit der perfekte Zankapfel zwischen Israelis und Palästinensern. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA befeuert den Streit auf ein Neues – mit nicht absehbaren Folgen.

„Ich denke, das ist keine gute Sache, das zu tun“, schimpft Osama Scheich, Palästinenser aus Jerusalem, über die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump. Der 19 Jahre alte Scheich ist einer der wenigen, die an diesem Tag arbeiten - in der Wechselstube seiner Familie am Jaffa-Tor zur Altstadt. „In Jerusalem befindet sich die Al-Aksa-Moschee und die gehört zu uns und nicht zu ihm“, sagt der junge Mann mit den kurzen braunen Haaren. Trump habe kein Recht, hier etwas zu verteilen, was nicht ihm gehöre. „Al-Aksa ist für alle Muslime wichtig, nicht nur für die Palästinenser.“

In der Jerusalemer Altstadt herrscht am Donnerstagmittag weitgehend gespenstisches Stille. Ein Hund kläfft, ein Radio plärrt irgendwo, doch die Läden der Palästinenser bleiben fast alle geschlossen. Die Palästinenser streiken aus Protest gegen die Entscheidung Trumps. Der Chef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija, ruft währenddessen zu einem neuen Palästinenseraufstand auf. Es gibt die Sorge, dass es nach den Freitagsgebeten zu einer neuen Explosion der Gewalt kommen könnte.

Jerusalem ist Juden, Christen und Muslimen heilig. In der Altstadt liegt der Tempelberg. Nach islamischem Glauben ritt der Prophet Mohammed von dort aus in den Himmel. An dieser Stelle steht heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Daneben befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Die Stätten bilden das drittwichtigste islamische Heiligtum.

Für die Juden ist der Ort ebenfalls von höchster Bedeutung, weil dort zwei jüdische Tempel standen. Die Klagemauer am Fuß des Tempelbergs ist der Überrest der ehemaligen westlichen Stützmauer des zweiten Tempels, der von den Römern im Jahr 70 zerstört wurde.

An der Klagemauer sind an diesem Tag viele Menschen und feiern fröhlich. Männer singen bei der Bar Mizwa ihrer Söhne, Frauen werfen dazu Süßigkeiten. Gläubige beten an der Mauer. Touristen fotografieren sich zur Erinnerung gegenseitig.

„Es ist die richtige Zeit dafür“, sagt Jonathan Charasch, groß, breit, schwarze Kippa auf dem Kopf, über die Entscheidung Trumps. „Für alle Leute anderswo ist das jetzt irgendwie „Wow“, aber es ist nicht neu, für die Juden war Jerusalem seit Tausenden von Jahren die Hauptstadt von Israel.“ Der Familienvater arbeitet nahe der Altstadt in einem Falafelladen.

Auch Lior Baraschi findet Trumps Entscheidung gut. Aber: „Das gibt wieder Krieg, ganz sicher“, sagt die 20-jährige Israelin mit den langen blonden Haaren. Aus Angst vor palästinensischen Attacken gehe sie schon seit längerem nicht mehr in die Altstadt - „aber jetzt wirklich nicht mehr“. Nach der Anerkennung durch die USA sei die sensible Situation noch angespannter.

Galid Dschabari hat ähnliche Sorgen - auch wenn er als muslimischer Palästinenser Trumps Entscheidung nicht lobt. „Die Anerkennung macht die Situation noch komplizierter und noch gefährlicher“, sagt der 57 Jahre alte Sicherheitsmann aus Ost-Jerusalem. Wenn die US-Botschaft umziehen werde, werde es zudem weiteren Ärger geben.

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