Eklat durch US-Präsidenten „Trudeau ist der US-Regierung in den Rücken gefallen“ – die Reaktionen auf Trumps G7-Rückzieher

Der US-Republikaner McCain wendet sich beschwichtigend an die Bündnispartner, Trumps Handelsberater Navarro schickt Trudeau zur Hölle.
Update: 11.06.2018 - 05:31 Uhr 1 Kommentar

„Sehr unehrlich und schwach“ – Trump bezichtigt Trudeau des Verrats

„Sehr unehrlich und schwach“ – Trump bezichtigt Trudeau des Verrats

Québec/Berlin/Washington/QingdaoDonald Trump hat wieder einmal alle überrascht. Gerade erst hatten sich die Vertreter der G7-Staaten zum Abschlusskommuniqué geäußert, zog der US-Präsident seine Zustimmung zu der überraschend erzielten Erklärung zurück. Die Fortschritte von zwei Gipfeltagen – getilgt mit zwei Tweets.

„Es gibt in der Hölle einen besonderen Platz für jeden ausländischen Regierungschef, der in böser Absicht Diplomatie mit Präsident Donald J. Trump betreibt und dann versucht, ihm ein Messer in den Rücken zu rammen, wenn er zur Tür hinausgeht“, sagte Peter Navarro, Handelsberater von Trump, in einem Interview des Senders Fox News über den kanadischen Premierminister Justin Trudeau.

Wirtschaftsberater Larry Kudlow stärkte Trump den Rücken und gab ebenfalls dem kanadischen Premier die Schuld. Trudeau sei der US-Regierung in den Rücken gefallen, sagte Kudlow am Sonntag in einem Interview des Senders CNN. Er habe Trump und die anderen G7-Mitglieder verraten.

Nach Trumps Abreise habe Trudeau die USA in einer Pressekonferenz heftig kritisiert und sei aus der Reihe getanzt. Der US-Präsident lasse sich aber nicht von einem kanadischen Premier „herumschubsen“, so Kudlow. Trump erlaube vor dem Gipfel mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un kein Anzeichen von Schwäche.

Trumps Vorgehen hatte weitreichende Reaktionen hervorgerufen, vor allem ablehnende. Unverständnis äußerte vor allem Trudeau. Sein Büro wies die Anschuldigungen des US-Präsidenten zurück, in der Abschlusspressekonferenz „falsche Stellungnahmen“ abgegeben zu haben. „Der Premierminister hat nichts gesagt, was er nicht bereits zuvor gesagt hat – sowohl öffentlich als auch in privaten Konversationen mit dem Präsidenten. Wir konzentrieren uns darauf, was wir hier bei dem G7-Gipfel erreicht haben.“

Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland wies am Sonntag die Kritik an ihrem Ministerpräsidenten Trudeau zurück. Ihr Land mache keine Diplomatie über Angriffe ad hominem, sagte sie. Bei entsprechenden Argumenten wird der Gegner in einem Streit persönlich attackiert, statt auf der Sachebene zu bleiben. Mit Blick auf Trumps Tweets sagte sie, „wir denken nicht, dass das eine nützliche oder produktive Art ist, Geschäfte zu machen“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte unterdessen zurückhaltend. „Deutschland steht zu dem gemeinsam vereinbarten Kommuniqué“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert nach Ankunft Merkels am Sonntagmorgen in Berlin. Außenminister Maas fand deutlichere Worte und warf Trump vor, mit seiner Reaktion Vertrauen verspielt zu haben.

Zurückhaltende Reaktion. Quelle: dpa
Merkel (l.) mit IWF-Chefin Lagarde und Trump

Zurückhaltende Reaktion.

(Foto: dpa)

Als Konsequenz müssten die Europäer ihre Interessen künftig noch geschlossener nach außen vertreten und sich dabei auch mit den übrigen G7-Partnern Kanada und Japan eng abstimmen. Er selbst werde bald nach Japan reisen und auch das Gespräch mit seiner kanadischen Kollegin suchen. „Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren und die richtigen Konsequenzen ziehen“, erklärte Maas.

Frankreich äußerte sich ähnlich: „Frankreich und Europa bleiben bei ihrer Unterstützung für das Abschlusskommuniqué der G7“, erklärte ein Mitarbeiter des Büros von Präsident Emmanuel Macron am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Wer sich davon distanziere, beweise seine „Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz“. Die internationale Zusammenarbeit könne nicht von Wutanfällen und kurzen Worten abhängen, teilte der Élyséepalast am Sonntagmittag in Paris laut Nachrichtenagentur AFP mit.

Ebenso deutlich wurde der republikanische US-Senator John McCain. Er rügte Donald Trump und wandte sich direkt an die Bündnispartner: „An unsere Verbündeten: Die parteiübergreifende Mehrheit der Amerikaner bleibt für freien Handel, für Globalisierung & unterstützt Bündnisse, die auf 70 Jahre lang gemeinsam geteilten Werten basieren“, schrieb der 81-Jährige, der an einem Hirntumor erkrankt ist, am späten Samstagabend auf Twitter. „Die Amerikaner stehen zu euch, auch wenn es unser Präsident nicht macht.“ Trump ist wie McCain ebenfalls Republikaner.

Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, hat sich zuversichtlich gezeigt, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und Europa beigelegt werden kann. „Alle wissen, wie viel auf dem Spiel steht“, sagte Grenell den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (Montag). Beide Seiten seien daran interessiert, weitere Konflikte zu vermeiden, aber es dauere seine Zeit. Grenell sagte weiter: „Ich glaube, wir werden noch weitere Manöver beider Seiten sehen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Streit beilegen.“

Für die G7-Forschungsgruppe an der Universität Toronto ist Trumps Rückzug von der Gipfelerklärung typisch für das Verhalten des US-Präsidenten. In einer Reaktion verwies der Leiter der Forschungsgruppe, John Kirton, in Québec auf Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen, aus dem Iran-Deal und dem transpazifischen Freihandelsabkommen. Vielleicht habe Trump auch nur „einen schlechten Abend“ gehabt.

Es sei aber „nicht nur ein Schlag“ für den Gastgeber, Kanadas Premier Trudeau, sondern auch für Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron oder die Europäische Union. Immerhin hätten die Europäer hart verhandelt und seien „schmerzhafte Kompromisse“ eingegangen, um auf dem Gipfel in La Malbaie eine Einigung auf die abschließende Erklärung zu erreichen.

Selbst China – nicht Mitglied in den G7 – reagierte auf Trumps Rückzieher. Präsident Xi Jinping rief auf einem eigenen Gipfel zu mehr globaler Zusammenarbeit auf. Eine nur auf sich selbst gerichtete und „kurzsichtige Politik der geschlossenen Türen“ müsse beendet werden, sagte Xi am Sonntag beim Treffen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in der ostchinesischen Stadt Qingdao.

Gleichzeitig forderte der chinesische Präsident den Abbau von Spannungen im globalen Handel. „Wir müssen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) aufrechterhalten, das multilaterale Handelssystem unterstützen und eine offene globale Wirtschaft aufbauen“, sagte Xi.

Der chinesische Präsident nannte in seiner Rede die USA oder Trump nicht beim Namen. Die beiden Länder drohen einander mit Zöllen auf Waren im Gesamtwert von jeweils bis zu 150 Milliarden Dollar.

Die Gesprächsrunde vorwiegend asiatischer Staaten in Qingdao fand in diesem Jahr zeitgleich mit dem Gipfel der G7-Industriestaaten in Kanada statt. Der chinesische Präsident warb für einen weiteren Ausbau der 2001 gegründeten SOZ-Gemeinschaft, die schon jetzt 20 Prozent des Welthandels und 40 Prozent der globalen Bevölkerung ausmache. Eine „größere Stärke“ der Organisation bedeute auch eine größere Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft.

Auf Einladung Chinas nahmen unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin, Indiens Premierminister Narendra Modi, Irans Präsident Hassan Ruhani sowie die Führer Weißrusslands, Pakistans, Afghanistans, Kirgisistans, Usbekistans und Tadschikistans an dem diesjährigen Treffen teil.

Der russische und der chinesische Präsident trafen auf einem Gipfel in Qingdao zusammen. Quelle: Reuters
Putin (l.) und Xi

Der russische und der chinesische Präsident trafen auf einem Gipfel in Qingdao zusammen.

(Foto: Reuters)

China hatte als Gastgeber einen gewaltigen Aufwand betrieben. In der Hafenstadt Qingdao wurde eigens für den Anlass ein neues Kongresszentrum gebaut. Am Samstag waren die Gäste mit einer großen Lichtershow und einem Feuerwerk begrüßt worden.

Chinas Staatsmedien versuchten, Befürchtungen herunterzuspielen, dass es sich um einen Versuch handele, Chinas geopolitischen Einfluss zu stärken. Während die G7 oder die Nato eine Ordnung schaffen würden, in der „die westliche Welt bevorzugt wird“, gehe es der SOZ nicht um „geopolitische Spiele“ oder „internationale Konfrontation“, schrieb die parteinahe Zeitung „Global Times“ in einem Kommentar.

Schon am Freitag, kurz vor Beginn des G7-Gipfels in Kanada und des SOZ-Treffens in Qingdao, hatten China und Russland einen symbolischen Schulterschluss geübt. Bei einem Besuch in Peking überreichte Xi seinem Amtskollegen Putin eine goldene Ehrenmedaille und nannte den Russen seinen „besten Freund“.

Mit Agenturmaterial.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Eklat durch US-Präsidenten - „Trudeau ist der US-Regierung in den Rücken gefallen“ – die Reaktionen auf Trumps G7-Rückzieher

1 Kommentar zu "Eklat durch US-Präsidenten: „Trudeau ist der US-Regierung in den Rücken gefallen“ – die Reaktionen auf Trumps G7-Rückzieher"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "„Es gibt in der Hölle einen besonderen Platz für jeden ausländischen Regierungschef, der in böser Absicht Diplomatie mit Präsident Donald J. Trump betreibt und dann versucht, ihm ein Messer in den Rücken zu rammen, wenn er zur Tür hinausgeht“, ..."

    Von sich selbst auf andere schließen, so definiere ich Paranoia.

    Die "offizielle" Definition lautet laut https://www.netdoktor.de/krankheiten/paranoide-persoenlichkeitsstoerung/ wie folgt:

    Paranoide Persönlichkeitsstörung, Beschreibung: "Menschen mit Persönlichkeitsstörungen nehmen die Welt verzerrt wahr. Dementsprechend verhalten sie sich auch anders als gesunde Menschen. So haben Personen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung beispielsweise kein Vertrauen in andere Menschen. Sie gehen ständig davon aus, dass andere ihnen schaden wollen, ohne dass sie dafür Belege haben." Immerhin wird hier auch darauf hingewiesen, dass jeder Mensch lernfähig ist. Man sollte die Hoffnung also nie aufgeben.

    Typisches Symptom: "Die Betroffenen sind sehr misstrauisch anderen Menschen gegenüber. Sie sind überzeugt, dass man ihnen übel will, und verhalten sich daher oft gereizt und aggressiv."

    Diese Störung tritt laut o.g. Quelle unter der Allgemeinbevölkerung eher selten auf; unter Politikern im Allgemeinen - und unter den narzisstisch-misanthropisch veranlagten unter diesen im Besonderen (nicht nur bei Trump) - scheint sie allerdings ein äußerst verbreitetes Phänomen zu sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%