Elektrifizierung in Indien Vom Mittelalter ins 21. Jahrhundert

Premierminister Modi stellt in Davos ein schnell wachsendes Indien vor – das aber auch noch einiges aufzuholen hat. Während das Land die Energiewende vorantreibt, lebt fast ein Viertel der Bevölkerung ohne Strom.
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Das nordindische Dorf Anandpur wurde im vergangenen Jahr ans Stromnetz angeschlossen. Quelle: dpa
Elektrifizierung indischer Dörfer

Das nordindische Dorf Anandpur wurde im vergangenen Jahr ans Stromnetz angeschlossen.

(Foto: dpa)

Anandpur/DavosSaudan Singh hat als Kind die Geburt des unabhängigen Indien im Jahr 1947 erlebt. Es sollte danach 70 Jahre dauern, bis er zu Hause elektrisches Licht hatte. Erst 2017 kamen staatliche Ingenieure in sein nordindisches Dorf Anandpur, um Strommasten und -leitungen sowie einen Trafo zu bauen. Bis dahin gehörten die rund 200 Bewohner zu den laut Schätzungen 300 Millionen Indern, die ohne Elektrizität leben.

Die Regierung unter Führung von Narendra Modi ist dabei, diese Lücke zu schließen – ein Thema, das der Premier auch bei der Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos angesprochen hat.

Bis zum 1. Mai sollen dem indischen Kabinett zufolge alle Dörfer in dem riesigen Land Strom haben. Bis zum Jahresende soll dieser auch alle Haushalte erreichen und 24 Stunden am Tag verfügbar sein. Das wäre ein großer Erfolg - zeigt aber auch, dass das schnell wachsende 1,3-Milliarden-Einwohner-Land in einigen Bereichen noch enormen Aufholbedarf hat.

Um diesen zu stillen und zugleich seine ambitionierten Ziele zu erreichen, braucht Indien ausländische Investitionen. Die bürokratischen Hürden wurden zuletzt weiter abgebaut. Damit hat Modi auch in Davos geworben.

„Ich habe mein ganzes Leben in der Dunkelheit verbracht“, erzählt Singh, mit 76 Jahren Dorfältester in Anandpur. „Der Strom hat uns aus dem finsteren Mittelalter geholt.“ Auf dem früher brachen Feld seiner Familie strahlen jetzt die gelben Blüten der Senfpflanzen.

Die von der Landwirtschaft lebenden Dorfbewohner können ihre Felder mit Hilfe elektrischer Pumpen bewässern. „Früher machten wir uns Sorgen, woher wir die nächste Mahlzeit bekommen sollen“, sagt Singh. „Jetzt können wir für uns selbst sorgen.“ Zudem könnten Kinder abends für die Schule lernen.

Statt der bisher benutzten Kerosinlampen mit ihren giftigen Dämpfen beleuchten die Menschen in Anandpur ihre kargen, kleinen Häuser nun mit an der Wand befestigten Glühbirnen. Inzwischen gibt es im Dorf vier Fernseher. Wer ein Handy hat und es aufladen will, muss nicht mehr über den staubigen Feldweg, der Anandpur mit der Außenwelt verbindet, in den nächsten Ort laufen. Die Stromzufuhr ist allerdings unbeständig, und einen Internetzugang haben die Menschen hier immer noch nicht.

Der Strom in Anandpur stammt aus einem Kohlekraftwerk – Quelle von rund 78 Prozent der Energie in Indien. Mit der Wirtschaft wächst auch der Bedarf rasant, und die Mengen der geförderten Kohle steigen. Zugleich treibt der Subkontinent eine grüne Revolution voran: Nach dem „Nationalen Elektrizitätsplan“ der Regierung sollen bis 2027 insgesamt 57 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen.

Indiens Energiewende laufe sehr erfolgreich, meint Thomas Hundt von der bundeseigenen Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) in Neu Delhi. Und sie biete Firmen aus Deutschland, besonders Zulieferern von Stromtechnik, gute Chancen: „Der Erneuerbare-Energien-Sektor ist hochinteressant für deutsche Unternehmen.“ Die Bundesrepublik liege im Länderranking ausländischer Investitionen in Indien auf Platz sieben. „Im indischen Finanzjahr April 2017 bis März 2018 dürften die deutschen Direktinvestitionen in Indien hochgerechnet einen neuen Rekord erreichen“, sagt Hundt.

Auch an der Elektrifizierung der noch dunklen Ecken des Landes sind deutsche Unternehmen beteiligt. Mehrere von ihnen arbeiten mit der Firma Gram Oorja aus dem westindischen Pune zusammen. Damit ein Dorf in Indien als elektrifiziert gilt, müssen nur zehn Prozent der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen sein, wie Sameer Nair, einer der Gründer von Gram Oorja, erklärt. Familien, die abseits des Dorfkerns lebten, würden vernachlässigt. Das Unternehmen geht also in abgelegene Orte und baut Solaranlagen auf. So schaffen die Dörfer in einem Satz den Sprung vom „Mittelalter“ in das 21. Jahrhundert.

  • dpa
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