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ElektromobilitätWarum E-Autos in Norwegen so populär sind

Das Land hat sich dank massiver staatlicher Hilfe zum Vorreiter der Elektromobilität entwickelt. Auf Oslos Straßen kann man den Fortschritt nicht nur sehen, sondern auch hören.Helmut Steuer 21.01.2021 - 12:13 Uhr Artikel anhören

Das Land hat gemessen an der Einwohnerzahl die höchste Anzahl von E-Autos.

Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson

Stockholm. Herbert Diess dürfte sich gefreut haben, Elon Musk weniger: Norwegen meldete vor Kurzem einen neuen Absatzrekord für Elektroautos. Und erstmals finden sich zwei Wagen aus dem Volkswagenkonzern unter den Top drei. Der Audi e-tron belegt mit 9227 verkauften Wagen im Jahr 2020 den ersten Platz und verdrängte damit Teslas Model 3 (7770) auf den zweiten Platz. Der erst im Herbst auf den Markt gekommene VW ID.3 liegt mit 7754 Wagen auf Anhieb auf dem dritten Platz.

Und das nicht auf irgendeinem Markt, sondern auf einem der Vorreitermärkte in Sachen Elektromobilität. Norwegen, einer der größten Öl- und Gasexporteure weltweit, hat sich zu einem Mekka für E-Autos entwickelt. Das Land knackte im vergangenen Jahr eine wichtige Marke: Erstmals lag der Anteil der neu angemeldeten Wagen mit einem rein elektrischen Antrieb bei über 54 Prozent.

Dabei handelt es sich laut der norwegischen Straßenverkehrsbehörde um reine Stromer. Zählt man die Plug-in-Hydrid-Fahrzeuge hinzu, beträgt der Anteil der aufladbaren Wagen knapp 75 Prozent.

Politiker und Umweltschützer: Jeder will derzeit sehen, wie sich das kleine Land mit seinen knapp 5,4 Millionen Einwohnern auf den Übergang zu einer fossilfreien Gesellschaft vorbereitet, welche Schritte die effektivsten sind.

In der Hauptstadt Oslo kann man den Fortschritt nicht nur sehen, sondern auch hören. Es ist leiser geworden. Wenn die elektrisch angetriebenen Teslas, Kias, Nissans oder Renaults durch die City gleiten, hört man fast nichts.

Weitreichende finanzielle Subventionen

Dort, wo bis vor einigen Jahren die vielen Autos die Luft verpesteten und die Gehörgänge strapazierten, dominiert heute das typische Pfeifen der Elektromotoren. Der Grund für den Erfolg der Stromer liegt an den enormen Anreizen, mit denen Norwegen den Kauf von emissionsfreien Elektroautos attraktiv macht.

Immerhin will das Land bis 2025 den Verkauf von Verbrennern auf null herunterfahren. Deshalb entfällt heute beim Kauf eines E-Autos die 25-prozentige Mehrwertsteuer. Auch die Zulassungsgebühr, die für einen größeren Wagen rund 10.000 Euro betragen kann, wird beim Kauf eines E-Wagens nicht fällig.

Experten haben errechnet, dass der Käufer eines Teslas jährlich rund 7000 Euro gegenüber einem konventionellen Wagen durch Steuervergünstigungen und den Wegfall von Benzinkosten einspart. Die Kraftfahrzeugsteuer, von der E-Autofahrer bislang befreit waren, wird allerdings am 1. März dieses Jahres teilweise wieder eingeführt. Besitzer von Elektroautos müssen dann bis zu 70 Prozent der Steuer eines vergleichbaren Verbrenners zahlen.

Dieses Subventionspaket der norwegischen Regierung führt dazu, dass manch ein E-Auto genauso viel kostet wie ein Verbrenner.

Privilegien im Straßenverkehr

Neben den direkten finanziellen Subventionen haben norwegische Besitzer von Stromern weitere Vorteile: Sie dürfen in einigen Städten die Busspuren benutzen und können in einigen Gemeinden weiterhin kostenlos parken. Außerdem müssen E-Autofahrer maximal die Hälfte der vor allem in den größeren Städten fälligen Mautgebühren zahlen.

In der Hauptstadt Oslo, wo die meisten E-Autos fahren, hat die Stadtverwaltung allerdings jetzt eingegriffen: Seit vergangener Woche ist Fahren auf den Busspuren nicht mehr gestattet, und kostenloses Parken gibt es auch nicht mehr. Mit dem Übergang der E-Autos zum Massengefährt fallen deren Privilegien Stück für Stück.

Die Privilegien für Käufer von Elektroautos sind für den Staat nicht billig: Allein die Steuervorteile rissen in den vergangenen Jahren jeweils ein Loch von umgerechnet rund einer halben Milliarde Euro in den Haushalt. Deshalb steht immer wieder ein weiteres Herunterfahren der Subventionen auf der politischen Agenda. Selbst die Befreiung von der 25-prozentigen Mehrwertsteuer ist kein Tabuthema mehr.

Allerdings wird in diesem Jahr in Norwegen ein neues Parlament gewählt, insofern glaubt man auch bei Norsk Elbilforening, der Vereinigung der norwegischen E-Autofahrer, dass es die Mehrwertsteuerbefreiung noch mindestens dieses Jahr geben wird.

Beliebt dank staatlicher Finanzspritze: Elektrofahrzeuge boomen im hohen Norden.

Foto: dpa

Besteht nicht die Gefahr, dass das Interesse an E-Autos schlagartig wieder abnimmt, wenn die Subventionen zurückgefahren werden? „Nein“, ist sich Fredrik Hauge, der Gründer der Umweltschutzorganisation Bellona und E-Auto-Pionier, sicher. „Die meisten Menschen haben mittlerweile die Vorteile von Elektroautos entdeckt“.

Hauge importierte bereits 1988 zusammen mit Morten Harket von der norwegischen Band A-ha das erste E-Auto und lag den Politikern in den Ohren, doch den Erwerb der emissionsfreien Stromer zu subventionieren. Mit Erfolg.

Weltweit erste Elektrofähre

„Ja, wir können stolz auf die E-Mobilität sein“, freut sich der Bellona-Chef. Zufrieden ist er dennoch nicht. Denn der 55-Jährige sieht die Regierung in der Pflicht. „Wenn man es wirklich Ernst meint mit dem Umweltschutz, muss der Staat die Ölindustrie in ihre Schranken weisen. Die plant nämlich für weitere Jahrzehnte.“

Tatsächlich erzeugt Norwegen zwar zum größten Teil „grünen Strom“ durch seine vielen Wasserkraftwerke, doch gleichzeitig ist das Land weiterhin einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt. Und die Politik erlaubt den großen Ölkonzernen, selbst in ökologisch sensiblen Gebieten in der Barentssee nach Öl zu suchen.

Dennoch tut sich etwas. In ihrem „nationalen Transportplan 2018 bis 2030“ fordert die bürgerliche Regierung beispielsweise, dass sich auch der rege Schiffsverkehr an der langen Küste mit den sich weit ins Land erstreckenden Fjorden auf die E-Mobilität umstellen muss.

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Und tatsächlich: Im Sognefjord nördlich von Bergen verkehrt seit 2015 die damals weltweit erste Elektrofähre. Zwischen Lavik und Oppedal transportiert die „Ampere“ 34-mal am Tag bis zu 360 Passagiere und 120 Autos über den Fjord. Emissionsfrei und nahezu geräuschlos. Das Netz der Elektrofähren wird derzeit zügig ausgebaut.

Das gilt auch für öffentliche Ladestationen der E-Autos. Mittlerweile gibt es über 16.000 Ladestationen, die den zumeist in Wasserkraftwerken produzierten Strom liefern. Im viel bevölkerungsreicheren Deutschland sind es laut Statista nur knapp 22.000.

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