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„Eliten Qualitätsindex“ Eliten schöpfen ihr Potenzial nicht aus: „Deutschland AG“ braucht im globalen Wettbewerb ein Update

Die Hochschule St. Gallen hat weltweit die Qualität der Führungseliten untersucht. Deutschland spielt vorne mit, lässt Nachwuchs aber zu wenig Raum.
01.09.2020 - 20:00 Uhr Kommentieren
Jedes Jahr im Januar treffen sich in Davos die Führungsspitzen aus Wirtschaft und Politik. Eine Studie zeigt jetzt, welchen Beitrag die Eliten zur Wirtschaft leisten. Quelle: AFP
World Economic Forum in Davos: Treffpunkt der Eliten

Jedes Jahr im Januar treffen sich in Davos die Führungsspitzen aus Wirtschaft und Politik. Eine Studie zeigt jetzt, welchen Beitrag die Eliten zur Wirtschaft leisten.

(Foto: AFP)

Berlin Als das New Yorker Kommunikationsunternehmen Edelman Anfang des Jahres 34.000 repräsentativ ausgewählte Bürger in weltweit 28 Ländern nach ihrem Vertrauen in den Kapitalismus befragte, klagten drei Viertel von ihnen über systemimmanente Ungerechtigkeiten. „Das Gefühl der Ungerechtigkeit ergibt sich aus der Wahrnehmung, dass die Eliten das System zu ihrem eigenen Vorteil auf Kosten der normalen Bevölkerung ausnutzen“, erklärten die Edelman-Forscher die wachsende Unzufriedenheit vieler Bürger mit den wirtschaftlichen und politischen Führungsschichten in ihren Ländern.

Die Hochschule St. Gallen hat die Eliten jetzt erstmals einer Qualitätskontrolle unterzogen und einen „Eliten Qualitätsindex“ erstellt, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Die beste Führungselite hat demnach Singapur gefolgt von der Schweiz und Deutschland. Die deutschen Eliten sind zwar weltweit mit vorn, schöpfen ihr Potenzial aber nicht aus.

„Es gibt drei Führungsmodelle, die gut funktionieren und in Konkurrenz zueinander stehen“, sagt Wirtschaftsprofessor Tomas Casas, einer der Autoren der Studie, „den Staatskapitalismus à la Singapur, das deutsch-schweizerische Modell einer sozialen Marktwirtschaft und das angelsächsische Modell mit einer hohen Innovationskraft.“

Gemessen haben die Forscher in St. Gallen anhand von 72 Indikatoren, ob die Führungseliten mehr Wohlstand geschaffen oder ihren Ländern mehr Wohlstand entzogen haben. „Es geht uns also nicht um bestimmte Personen aus den Führungskreisen, sondern um den aggregierten wirtschaftlichen Beitrag der gesamten Führungselite zum Wohlstand eines Landes.“

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    Casas illustriert die Idee an einem Beispiel der US-Stahlindustrie: „Durch die Strafzölle auf Stahlimporte hat Präsident Trump es den amerikanischen Stahlherstellern ermöglicht, höhere Preise zu verlangen. Die Zeche dafür zahlen stahlverarbeitende Betriebe wie die Automobilhersteller“, sagt der Ökonom. Auf diese Weise werde der amerikanischen Gesellschaft insgesamt Wohlstand entzogen. Das gelte auch für Unternehmen wie Amazon, die Monopolrenditen durchsetzen könnten.

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    Das Beispiel zeigt auch, dass politische und wirtschaftliche Macht die Qualität der Eliten negativ beeinflussen kann. Länder wie Singapur und China mit autoritären Herrschaftssystemen bekommen dafür Punktabzug, weil die dortigen Eliten potenziell die Möglichkeit haben, sich selbst zu bereichern. „Diese Länder können das aber dadurch ausgleichen, dass die Führungsschichten durch ihre wirtschaftliche und politische Leitungsfunktion zu einer hohen Wertschöpfung beitragen“, sagt Casas.

    Eine Sonderstellung nehmen die angelsächsischen Eliten ein. Obwohl die USA und Großbritannien bei der Bewertung der politischen Macht ganz vorn lagen – was sie der Qualität ihrer politischen Institutionen verdanken – gelingt es den Führungsschichten dort dennoch, immer wieder ihre Position zum eigenen Vorteil auszunutzen.

    „Die Eliten in den USA und Großbritannien haben vergleichsweise wenig Macht und sind insofern das Gegenbild zu Singapur“, heißt es in der Studie. Die Stärke der beiden Länder liege jedoch in ihrer Innovationsfreude und im ausgeprägten Unternehmertum.

    Die Ergebnisse der neuen Studie aus St. Gallen ähneln zum Teil dem „World Competitiveness Index„, der jedes Jahr vom World Economic Forum (WEF) erstellt wird und die Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Volkswirtschaften vergleicht. Auch dort stand Singapur zuletzt ganz oben. Die Forscher aus der Schweiz versuchen nun, den Beitrag guter Führung (good governance) durch die Eliten für die wirtschaftliche Wettbewerbsstärke ihrer Länder zu messen.

    Deutschland schöpft sein Potenzial nicht aus

    Soll nun die ganze Welt wie Singapur und China regiert werden? „Das nicht“, versichert der Ökonom aus St. Gallen und prophezeit, „Deutschland zum Beispiel könnte mit seinem starken Mittelstand und seinem guten Ausbildungssystem in zehn Jahren ganz vorn sein, wenn die deutschen Eliten einiges ändern.“ Die größte Schwäche des deutschen Modells sieht Casas in der mangelnden Innovationsfähigkeit. „Wenn man heute schaut, wer die Deutschland AG führt, sind es dieselben Eliten wie vor 50 Jahren“, kritisiert er.

    Das einzige Unternehmen, das in Deutschland neu gegründet und einen Marktwert von mehr als zehn Milliarden Euro erreicht habe, sei der Softwareanbieter SAP. „Deutschland hat alles, was es braucht: das Kapital, die Talente, den Markt – nur die Führungsschicht in Deutschland ist nicht bereit, neue Eliten groß werden zu lassen.“

    Wie groß der Veränderungsdruck gerade für die westlichen Industrienationen ist, zeigt die Edelman-Umfrage: Mehr als die Hälfte der Befragten glauben inzwischen, dass der Kapitalismus mehr Schaden anrichtet als Wohlstand schafft. Und fast drei Viertel drängen auf Veränderungen des Wirtschaftssystems. „Dennoch sollte man die Eliten nicht dämonisieren“, betont Casas, „aber die Führungsschicht muss transparenter aufzeigen, welchen Nutzen sie für die Gesellschaft stiftet.“

    Das Demokratieprinzip in Gesellschaft und Wirtschaft sorge zwar dafür, dass Eliten immer wieder abgewählt werden könnten. Das reiche für einen Kulturwandel aber nicht aus. So seien Frankreich (Rang 15) und Spanien (Rang 18) zwar Demokratien, dennoch würden die dortigen Eliten ihren Gesellschaften mehr Werte entziehen als sie kreierten. „Die Veränderung im Bewusstsein der Eliten muss von innen kommen, durch einen neuen Narrativ, der die Pflicht zur Wertschöpfung beinhaltet“, unterstreicht der Ökonom aus St. Gallen.

    Mehr: Technologischer Wandel beunruhigt die Deutschen, zeigt diese Umfrage

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