Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Mythen der Griechenland-Rettung

Mit Ende des dritten Rettungspakets hat die Euro-Rettung in Griechenland nach acht Jahren ein Ende gefunden. 290 Milliarden Euro sind in das Land geflossen.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

Ende des Rettungspakets Die 5 größten Mythen und Fehler der Griechenland-Rettung

An diesem Montag geht die Griechenland-Rettung nach über acht Jahren zu Ende. Doch ob das Land dauerhaft ohne fremde Hilfe auskommt, bleibt höchst fraglich.
1 Kommentar

Berlin, AthenAls sich Premier Giorgos Papandreou und der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, am 2. Mai 2010 auf ein Rettungsprogramm für das pleitebedrohte Griechenland einigen, ahnt noch niemand, auf welch beschwerlichen Weg Hellas, Europa und der IWF sich begeben. Denn das erste Hilfspaket sollte nur der Anfang einer über Jahre andauernden Rettungsaktion sein.

Am Ende werden in drei Hilfspaketen rund 290 Milliarden Euro nach Griechenland fließen. Die Reformauflagen, die das Land im Gegenzug erfüllen muss, werden für Millionen Griechen bittere Einschnitte bedeuten, griechische Regierungen zu Fall bringen und das Land an den Rand des Euro-Austritts drängen: 2015 wird Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble den Austritt Athens aus der Währungsunion vorschlagen.

Der Euro wird so zwischenzeitlich vom europäischen Friedensprojekt zum Spaltpilz. Ressentiments leben wieder auf: Deutsche Politiker werden in Griechenland als Architekten des „Spardiktats“ gebrandmarkt und mit Nazivergleichen diffamiert.

In Deutschland wiederum wird es erbitterte Diskussionen über die Euro-Rettung geben, die in der Gründung der Alternative für Deutschland (AfD) münden. Die Griechenlandkrise wird auch die europäische Finanzarchitektur von Grund auf verändern. Der alte Grundsatz, dass Euro-Staaten nicht füreinander haften, wird nicht mehr gelten. Stattdessen wird ein Euro-Rettungsfonds aus der Taufe gehoben.

Heute, am 20. August 2018, ist nun der Tag, auf den Griechenland seit mehr als acht Jahren hingefiebert hat: Das mittlerweile dritte Rettungspaket läuft aus, und es wird kein neues geben. Endlich ist das Land nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen, endlich kann es wieder selbstständig Entscheidungen treffen. Die gesamte Euro-Rettung hat damit ein vorläufiges Ende gefunden. Denn neben Griechenland mussten zwischenzeitlich auch Irland, Portugal, Spanien und Zypern mit Hilfskrediten gestützt werden.

Die Bilanz der Rettungsaktion fällt gemischt aus. Die Politik ist zufrieden: „Der Abschluss des Griechenlandprogramms ist ein Erfolg“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) dem Handelsblatt. „Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten sind nicht eingetreten.

Das ist gut.“ Die Bürgerinnen und Bürger Griechenlands hätten große Anstrengungen auf sich genommen, wofür ihnen Respekt gebühre. „Die Rettung Griechenlands ist aber auch ein Zeichen europäischer Solidarität“, sagte Scholz.

Denn sie habe den Euro-Staaten gezeigt: „Gemeinsam sind wir stärker als jeder für sich.“ Der Finanzminister appelliert deshalb, das Ende des Rettungsprogramms als Aufbruchssignal für Europa zu nutzen. „Ich finde, die Rettung Griechenlands sollte uns Mut machen, die Aufgaben, die jetzt vor der Europäischen Union liegen, zügig anzupacken.“

Viele Ökonomen sehen das Land dagegen nicht über den Berg. „Griechenland ist noch nicht gerettet. Ob das Land jemals wieder zu einem nachhaltigen Wachstum zurückfindet, ist noch nicht sicher“, sagte Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies (CEPS).

Die Bürokratie und das verfilzte politische System hätten die Umsetzung vieler Reformen verhindert. „Griechenland kann sich nur selbst retten, indem die Wähler die Reformen selbst wollen. Das war bisher nicht der Fall“, sagte Gros.

Griechenland aus dem Programm zu lassen sei politisch richtig, „ökonomisch aber nicht ohne Risiken“, sagte Lucas Guttenberg vom Berliner Jacques Delors Institut. „Die Märkte werden sehr genau darauf achten, auf welchen Kurs die griechische Regierung sich nun begibt.“

Und hier gibt es einige Zweifel: Regierungschef Alexis Tsipras könnte vor der Wahl 2019 einige Reformen zurückdrehen: Der IWF bewertet die Wahrscheinlichkeit, dass in Griechenland Reformmüdigkeit einsetzt, jedenfalls als „hoch“.

Korruption und Faulheit – Die fünf größten Mythen

1. Die Hilfsgelder sind im korrupten Staatswesen versickert
„Es ist ein Mythos, dass alle Hilfsgelder in Griechenland versickert sind“, sagt Jörg Rocholl, Präsident der Berliner Hochschule ESMT. Wahr sei vielmehr, dass der größte Teil der Gelder an Banken und Investoren geflossen ist, vor allem für die Rückzahlung von Schulden, die Bedienung von Zinsen oder als Kapitalhilfen für griechische Banken.

Von den rund 290 Milliarden Euro, die seit Mai 2010 ausgezahlt wurden, dienten mehr als 80 Prozent dazu, fällige Schulden zu refinanzieren. „Dabei kam es zunächst zu einer Umschuldung von privaten zu öffentlichen Gläubigern und später zu einer Umschuldung innerhalb der Gruppe der öffentlichen Gläubiger, weg von Europäischer Zentralbank und IWF, hin zu den europäischen Steuerzahlern“, sagt Rocholl.

2. Der IWF war der harte Hund bei der Rettung
Richtig ist: Der IWF war zu Beginn des Programms besonders streng bei den Etatvorgaben und am Ende mit Blick auf die Wirtschafts- und Schuldenentwicklung Griechenlands pessimistischer als die Europäer. Allerdings ist der IWF mit der Zeit deutlich pragmatischer geworden, als er erkannte, dass das Sparprogramm für Athen zu hart war.

Auch war es der IWF, der früh auf einen Schuldenschnitt drängte. Der scheiterte aber am Widerstand der Europäer. Am Ende weigerte sich der Fonds aus diesem Grund sogar, sich am dritten Rettungspaket zu beteiligen. Auch hat der IWF seine eigenen Regeln für die Hilfen weit gedehnt, manche meinen überdehnt. Das Kreditpaket für Griechenland war gemessen an seinem Anteil am IWF-Kapital eigentlich viel zu groß. Deshalb waren die Hilfen innerhalb des Fonds auch stark umstritten.

3. Die Griechen sind faul und haben nicht gespart
Das Stereotyp von den „faulen Griechen“ hat nie gestimmt. 2014, mitten in der Krise, zeigte eine Statistik der Industrieländerorganisation OECD: Während Griechen im Durchschnitt 2.035 Stunden im Jahr arbeiten, leisten die Deutschen nur 1.363 Stunden.

Auch war es eine Mär, dass das griechische Rentensystem viel luxuriöser sei als das deutsche: Zu Beginn der Krise 2010, also vor den ganzen Rentenreformen, gingen Arbeitnehmer in Griechenland und Deutschland im nahezu identischen Alter in den Ruhestand.

Und ob Rente oder Gesundheit: Gegen die Kürzungen, die die Griechen auszuhalten hatten, waren Gerhard Schröders Agendareformen ein laues Sommerlüftchen. Allerdings war auch die Ausgangslage in Griechenland besonders dramatisch: 2009 lag das Haushaltsdefizit bei 15,4 Prozent.

4. Deutschland verdient an der Rettung Geld
Richtig ist: Deutschland hat seit dem Jahr 2010 rund 2,9 Milliarden Euro an Zinsgewinnen mit den Griechenland-Krediten verdient. Trotzdem hat Deutschland aus der Krise keinen Profit geschlagen. So haben die internationalen Gläubiger, zu denen auch Deutschland zählt, Griechenland Schuldenerleichterungen gewährt, zuletzt in Höhe von etwa 34 Milliarden Euro.

Deutschland hat Griechenland Geld zu viel niedrigeren Zinsen als üblich verliehen und bekommt es erst in vielen Jahren zurück. Dieses Geld hätte Deutschland in der Zwischenzeit anderweitig einsetzen können. Auch hat Deutschland den in der Krise aufgebauten Rettungsschirm ESM mit Milliarden ausgestattet.

5. Griechenlands Schuldenkrise ist jetzt vorbei
Davon kann keine Rede sein. Von den nackten Zahl her steckt das Land sogar tiefer im Schuldensumpf als zu Beginn der Krise. Deshalb muss Griechenland Investoren für zehnjährige Schuldscheine derzeit auch hohe 4,3 Prozent Rendite bieten.

In akute Finanznot wird Athen trotzdem so schnell nicht geraten: Mit einer aus Hilfskrediten und eigenen Mitteln gebildeten Rücklage von 24 Milliarden Euro kann das Land die nächsten rund zwei Jahre seine Ausgaben bestreiten. Danach könnte es aber schwierig werden. So glaubt der IWF, dass ab 2027 der Schuldenstand schon wieder ansteigen wird.

Außerdem kritisiert er, dass die Regierung einige Reformen zurückdrehen will. Zudem seien viele beschlossene Reformen nicht ausreichend umgesetzt, moniert Daniel Gros von der europäischen Denkfabrik CEPS. Deshalb sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Griechenland für Unternehmen noch immer schwierig.

Irrglaube und Pannen – Die fünf größten Fehler

1. Die Politik hat das Ausmaß unterschätzt
Fast alle Politiker räumen heute ein, im Frühjahr 2010 das Ausmaß der Griechenlandkrise unterschätzt zu haben. Man konnte sich nicht vorstellen – und wollte es wohl auch nicht wahrhaben –, dass ein Euro-Land seine Haushaltszahlen so frisiert haben und in eine so tiefe Krise geraten könnte.

In Deutschland meinte man sogar, die Wahl in Nordrhein-Westfalen 2010 abwarten zu können, bevor man sich um Athen kümmert. Diese Unsicherheit „war Gift für das Vertrauen der Märkte in den politischen Zusammenhalt der Euro-Zone. Sie hat dazu beigetragen, aus der Griechenland- eine Euro-Krise zu machen“, sagt Ökonom Lucas Guttenberg. Allerdings verfügte die Währungsunion 2010 weder über Erfahrungen im Umgang mit so einer Krise noch über eine Krisenarchitektur.

2. Zu viel gespart, zu wenig reformiert
Anfangs kannten Griechenlands Gläubiger vor allem ein Mittel, um das Land wieder auf Kurs zu bringen: kürzen. Doch die strengen Haushaltsvorgaben trieben Athen immer tiefer in die Rezession. Dass man zu Beginn stärker auf Reformen und etwas weniger auf Sparen hätten setzen sollen, räumte der IWF früh ein. In einem Bericht 2013 schrieb er „von bedeutenden Misserfolgen“ bei der Griechenlandrettung.

Man habe wohl zu viel Optimismus bei den Wirtschaftsprognosen walten lassen. „Griechenland ist zusammen mit Argentinien eines der ganz wenigen Länder, bei denen der normale Ansatz des IWF nicht funktioniert hat“, sagt Ökonom Gros. Anders als bei anderen Programmen habe sich die Wirtschaft nach anfänglicher Rezession nicht durch höhere Exporte erholt.

3. Der Schuldenschnitt kam zu spät
Rückblickend räumen viele Fachleute ein: Der Schuldenschnitt vom Februar 2012, bei dem private Anleger auf gut 100 Milliarden Euro verzichten mussten, hätte früher kommen müssen – und zwar zu Beginn des Hilfsprogramms im Frühjahr 2010.

Dann hätte sich Griechenlands Finanzlage früher stabilisiert, glaubt Ökonom Guttenberg. „Und der zu späte Schuldenschnitt führte auch dazu, dass dem schlechten Geld gutes hinterhergeworfen wurde“, sagt ESMT-Präsident Rocholl.

4. Falsche Versprechen
Immer wieder zogen auch falsche Versprechen die Griechenlandrettung in die Länge. So stellten die Gläubiger der konservativen Regierung um Premier Antonis Samaras Schuldenerleichterungen in Aussicht, wenn sie die Reformauflagen des zweiten Rettungspakets erfüllt. Samaras war auch auf einem guten Weg, doch die Schuldenerleichterungen gab es 2014 trotzdem nicht.

Dies war mit ein Grund dafür, dass 2015 die linke Syriza-Regierung an die Macht kam. Sie hielt als Erstes ein Referendum über das Reformprogramm ab, woraufhin die griechische Wirtschaft, die sich gerade erholt hatte, in den Keller rauschte.

Doch nicht nur gegenüber Athen wurden falsche Versprechen gemacht. 2015 überzeugte der damalige Bundesfinanzminister Schäuble die widerwillige Unionsfraktion, dem dritten Rettungspaket zuzustimmen, mit der Zusage, der IWF werde sich daran beteiligen und auf harte Reformen Athens pochen.

Doch schon damals war klar: Der Fonds würde kein Geld beisteuern, solange es keinen Schuldenschnitt gibt, gegen den sich wiederum Deutschland stemmte. Drei Jahre stritten Europäer und IWF, am Ende war der Fonds nicht an Bord.

Die Beschäftigung mit Griechenland weit über den Höhepunkt der eigentlichen Euro-Krise habe viel Aufmerksamkeit und politisches Kapital verbraucht, das man sinnvoller für die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Euro-Zone hätte nutzen können, sagt Guttenberg.

5. Die Kommunikation lief schlecht
„Der größte Fehler ist am Anfang passiert: Man hätte den Märkten niemals den Eindruck geben dürfen, man erwäge, ein Mitglied der Euro-Zone im Zweifel fallen zu lassen“, sagt Guttenberg. „Schon damals hätte man klar sagen sollen: Es wird schmerzhafte Einschnitte geben müssen. Aber eine Währungsunion ist unumkehrbar, und wir werden dafür sorgen, dass das so bleibt. Und das wird Geld kosten.

“ Genau das ist aber nicht geschehen. Insbesondere deutsche Politiker weigerten sich einzugestehen, dass man an Schuldenerleichterungen für Athen nicht vorbeikommen wird. Auch hat die Politik den Griechen nicht genug die Chancen der Rettungsprogramme erläutert – nämlich die Modernisierung ihrer überregulierten Wirtschaft.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Ende des Rettungspakets - Die 5 größten Mythen und Fehler der Griechenland-Rettung

1 Kommentar zu "Ende des Rettungspakets: Die 5 größten Mythen und Fehler der Griechenland-Rettung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Es gab keine 5 Fehler bei der Griechenlandrettung, sondern nur einen. Man hätte Griechenland aus dem Euro heraus werfen müssen anstatt die Vereinbarungen des Euro wie die Bail out Regel rechtswidrig zu beseitigen.
    Während Griechen im Durchschnitt 2.035 Stunden im Jahr arbeiten (am Arbeitsplatz anwesend sind ), leisten die Deutschen nur 1.363 Stunden.
    Wieder so eine Typische Fake News, diese 1363 Std. der Deutschen, tatsächlich arbeiten die Deutschen in Vollzeit 1680 Std. im Jahr. die Verfasser des Artikels wissen genau das diese Statistik verlogen ist aber hier kommt wieder das typische Deutschen-Bashing zum tragen.
    Länder mit viel und wenig Teilzeit können somit nicht statistisch verglichen werden. Das wäre so, als wenn ich die Durchschnittsgröße ermittle und in einem Land fließen nur Menschen ein ab 1,75mtr. und in den anderen Land aber Menschen ab 1,60mtr. ein, da brauche ich keine Statistik dazu um zu wissen wo der Duchschnitt geringer ist. Also eine gefakte Statistik.
    Dann der zweite Fehler, die Arbeitszeit (Anwesenheitszeit am Arbeitsplatz) sagt nichts über die Leistung (Produktivität) aus. hier liegen deutsche Arbeitnehmer mit 24% über dem EU-Durchschnitt. Die Lohnstückkosten sind entscheident und sonst nichts.
    Gehen sie doch nach Griechenland in Urlaub in ein Hotel dann sehen sie was ich meine. Da ist die Türkei weit vor den Griechen denn in der Türkei ist die Leistung = Service weitaus besser oder auch Spanien das einen Tourismusboom erlebt und Griechenland immer noch zu teuer und sehr schlechter Service.

Serviceangebote