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EnergiekriseInflation in Großbritannien: Vielen Haushalten droht der Sturz in die „Energiearmut“

Die Preise für Verbraucher und Unternehmen schnellen nach oben. Ein 100 Milliarden Pfund schweres Kreditprogramm könnte das Schlimmste verhindern.Torsten Riecke 25.08.2022 - 18:45 Uhr Artikel anhören

Eating or Heating: Viele Briten können die hohen Energiepreise nicht mehr zahlen.

Foto: dpa

London. In Großbritannien steigen die Sorgen vor den sozialen Folgen der stark steigenden Energiepreise. Wenn die Regulierungsbehörde Ofgem am Freitag den staatlichen Preisdeckel für Strom und Gas den stark gestiegenen Marktpreisen anpasst, werden viele Haushalte und Unternehmen diesen Preisschock ohne staatliche Soforthilfen nach Ansicht von Ökonomen nicht mehr verkraften können. „In diesem Winter droht eine Katastrophe, da die steigenden Energierechnungen Familien in ganz Großbritannien ernsthafte physische und finanzielle Schäden zufügen können“, warnt Jonny Marshall von der Denkfabrik Resolution.

Philippe Commaret, Chef des in Großbritannien stark engagierten französischen Energiekonzerns EDF, befürchtet, dass die Hälfte aller 28 Millionen Haushalte in die „Energiearmut“ stürzen könnte. Gemeint ist damit, dass diese Familien mehr als zehn Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Strom und Gas ausgeben müssen.

Die Energiekosten sind der größte Inflationstreiber und haben die Preissteigerung im Juli auf mehr als zehn Prozent getrieben. Nach Voraussage der Citibank soll die Inflation Anfang kommenden Jahres 18 Prozent erreichen.

Die Hoffnung, Großbritannien könne sich angesichts eines europäischen Gasmarkts von dem drohenden Unheil der Energiekrise abkoppeln, hat sich als Illusion erwiesen. Im März lagen die Energiekosten für Gas und Strom für einen Durchschnittshaushalt bei knapp 1280 Pfund (1510 Euro) pro Jahr.

Inzwischen hat sich die Rechnung um mehr als 50 Prozent auf 1971 Pfund erhöht. Am Freitag werden die Wächter von Ofgem den staatlichen Preisdeckel erneut den stark gestiegenen Marktpreisen anpassen und voraussichtlich noch einmal 80 Prozent aufschlagen.

Bis zum April kommenden Jahres könnten die Energiekosten nach einer neuen Prognose der Energieagentur Auxilione auf mehr als 6000 Pfund steigen. Damit hätten sich die Preise innerhalb eines Jahrs fast verfünffacht. Ofgem-Direktorin Christine Farnish war kürzlich zurückgetreten, weil die Regulierungsbehörde ihrer Meinung nach die Verbraucher zu stark und die Unternehmen zu wenig belastet.

Die Verbrauchen boykottieren die Zahlungen

Inzwischen haben 70 Wohltätigkeitsorganisationen in Großbritannien den „nationalen Energienotstand“ ausgerufen. Verbraucher reagieren auf den Preisschock unter anderem mit einem Aufruf zum Zahlungsboykott für Energierechnungen, der inzwischen von knapp 114.000 Briten unterstützt wird. Die Supermarktkette Iceland bietet Kunden zinsfreie Lebensmittelkredite an, um über die Runden zu kommen.

In Not sind aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen, deren Energiekosten sich ebenfalls vervielfacht haben. Nach Berechnungen der Marktforscher von Cornwall Insight könnten die Energierechnungen vieler Unternehmen im Winter viermal höher ausfallen als vor einem Jahr.

„Wir brauchen Hilfen, die mit denen während der Pandemie vergleichbar sind“, fordert Shevaun Havilan, Direktorin der British Chambers of Commerce. Sie verlangt eine temporäre Kürzung der Mehrwertsteuer auf Energie sowie nicht rückzahlbare Nothilfen.

Im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen aber die Verbraucher. „Viele Haushalte können sich das nicht mehr leisten“, sagt Keith Anderson, Chef des Energiekonzerns Scottish Power, mit Blick auf die Kosten für Strom und Gas. Er hat vorgeschlagen, die Energiepreise auf dem aktuellen Niveau für zwei Jahre einzufrieren und die Lücke zu den deutlich höheren Marktpreisen durch ein staatlich garantiertes Kreditprogramm zu schließen, mit dem dann die Energieunternehmen ihre Kosten decken können.

Der zweijährige Preisdeckel soll rund 100 Milliarden Pfund kosten und wäre damit teurer als die staatlichen Kurzarbeiterhilfen von knapp 70 Milliarden während der Coronapandemie. Anderson soll seinen Plan angeblich bereits mit Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng besprochen haben und dabei auf positive Resonanz gestoßen sein.

Auch die Labour-Partei will einen Preisdeckel

Zurückgezahlt werden sollen die Kredite entweder aus Steuermitteln oder direkt von den Verbrauchern über einen Zeitraum von 20 Jahren durch einen Zuschlag auf ihre Rechnungen nach Ende der Energiekrise. Ökonomen kritisieren, dass der Plan zu Mitnahmeeffekten bei wohlhabenden Haushalten führt und keinen Anreiz zum Energiesparen setzt.

Bis zum 5. September wird sich in Großbritannien politisch nichts bewegen. Erst dann soll der neue Chef der regierenden Konservativen Partei und damit der Nachfolger von Boris Johnson als Premierminister bekannt gegeben werden.

Keine Almosen: Die Favoritin auf den Posten des Premierministers setzt lieber au Steuersenkungen.

Foto: Reuters

Liz Truss, derzeit britische Außenministerin und Favoritin auf den Spitzenjob, weigert sich bislang, konkrete Hilfszusagen zu machen. Sie setzt auf Steuersenkungen.

Diese würden jedoch einkommensschwachen Familien kaum helfen, da diese nur wenig oder gar keine Steuer zahlen. „Auch der Vorschlag von Truss, zeitweise den grünen Klimazuschlag in den Energierechnungen zu streichen, würde nur wenig helfen“, sagt Peter Levell, Ökonom beim Institute for Fiscal Studies (IFS).

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Bislang sind von der Sondersteuer von 25 Prozent nur die britischen großen Öl- und Gasförderer wie Shell und BP betroffen, deren Gewinne nun mit 65 Prozent besteuert werden. In der Schublade des Finanzministeriums liegen aber Pläne, auch die Stromerzeuger zur Kasse zu bitten.

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