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Energiepolitik Experten warnen EU vor Sanktionen auf russische Erdgaslieferungen

Die Nawalny-Affäre verleitet Politiker dazu, Energielieferungen aus Russland in Frage zu stellen. Doch Fachleute verweisen auf die Abhängigkeiten.
08.09.2020 - 10:07 Uhr 6 Kommentare
Deutschlands Abhängigkeit von Russlands Erdgas Quelle: dpa
Ein Pipeline-Stück

Die Leitung soll nach ihrer Fertigstellung russisches Erdgas aus der Ostseepipeline Nord Stream 2 ins europäische Gasnetz speisen.

(Foto: dpa)

Berlin Für Manfred Weber ist die Sache klar. „Natürlich gehört zu möglichen Sanktionen die härteste: ein partieller Einkaufsstopp bei Rohstoffen“, sagte der Chef der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament dem „Spiegel“. Damit spielte er auf mögliche Konsequenzen aus der Nawalny-Affäre und auf ein etwaiges Eingreifen Russlands in Weißrussland an. Doch aus einem Boykott russischer Rohstofflieferungen, der dem Vizechef der CSU vorschwebt, ginge möglicherweise nicht Russland als Verlierer hervor, sondern die EU.

„Man sollte sich den Markt genau anschauen, ehe man russische Erdgaslieferungen in die EU mit Sanktionen belegt. Der Anteil von russischem Erdgas am Erdgasverbrauch in der EU beträgt etwa 40 Prozent. Diese Mengen lassen sich nicht auf die Schnelle ersetzen“, sagte Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Erdgas, dem Handelsblatt. Zukunft Erdgas versteht sich als Netzwerk der Erdgasbranche. Dem Verein gehören 140 Branchenunternehmen an.

„Die Implikationen für die Wirtschaft wären erheblich“, warnt Kehler. „Wer solche Forderungen erhebt, muss der Wirtschaft auch sagen, dass höhere Preise und eine eingeschränkte Versorgungssicherheit die Folge wären“, sagt Kehler.

Unter den EU-Staaten gehört Deutschland zu den Ländern mit besonders hoher Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Lieferungen aus Russland steuerten im vergangenen Jahr 51,6 Prozent zu den Erdgasimporten Deutschlands bei. 2016 hatte der Anteil Russlands an den Erdgasimporten noch 44,4 Prozent betragen. Russland ist seit Jahren vor Norwegen und den Niederlanden wichtigster Erdgaslieferant Deutschlands.

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    Erdgas wird wichtiger, auch wegen des Kernenergie- und Kohleausstiegs

    Auch in Zukunft wird Deutschland auf Erdgasimporte angewiesen sein. Denn ein Rückgang des Verbrauchs ist nicht absehbar. „Aufgrund des Kernenergie- und Kohleausstiegs wird der Erdgasbedarf für die Stromerzeugung trotz des massiven Ausbaus der erneuerbaren Energien zunehmen, zumal Erdgas auch als Reserveenergie für die Erneuerbaren benötigt wird“, heißt es im Länderbericht „Germany 2020“ der Internationalen Energie-Agentur (IEA). Die wachsende Nachfrage nach Erdgas werde den ohnehin schon hohen Bedarf an Erdgasimporten weiter steigern, heißt es in dem Bericht weiter.

    Russlands dominierende Stellung beschränkt sich nicht auf Erdgas. Betrachtet man die Energie-Rohstofflieferanten Deutschlands insgesamt, so bleibt Russland unangefochten auf Platz eins: Das Land ist Deutschlands wichtigster Lieferant für Erdöl, Erdgas und Steinkohle, es belegt in allen drei Segmenten den Spitzenplatz.

    Russland und EU sind eng aneinander gekettet

    „Die Vorstellung, die russischen Gas- und Ölmengen innerhalb absehbarer Zeit zu ersetzen, ist völlig unrealistisch“, sagte Hubertus Bardt, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), dem Handelsblatt. „Russland als Energielieferanten ausschalten zu wollen, wäre ausgesprochen riskant. Man kann vor solchen Gedankenspielen nur warnen“, sagte Bardt.

    Russland und die EU seien hinsichtlich der Energielieferungen eng aneinander gekettet. „Es gibt eine wechselseitige Abhängigkeit. Daraus erwachsen Stabilisierungseffekte in den Beziehungen“, sagte Bardt.

    „Ein Schwenk zu anderen Lieferanten hätte massive Konsequenzen. Beim Gas wäre eine rasche Umstellung sogar unmöglich“, ist Bardt überzeugt. Mittels verflüssigtem Erdgas (liquefied natural gas, kurz LNG) ließe sich nach Bardts Einschätzung allenfalls ein kleiner Teil der wegfallenden Mengen ersetzen.

    Deutsche Abhängigkeit von Energieimporten ist deutlich gestiegen

    „Auch beim Erdöl wäre der Wechsel nicht leicht zu bewältigen. Das liegt einerseits an den schieren Mengen an pipelinegeführtem Öl, die zu ersetzen wären. Andererseits ist auch die Ölbeschaffenheit ein wichtiger Aspekt. Raffinerien können nicht jede beliebige Erdölqualität verarbeiten“, sagte Bardt.

    Insgesamt ist die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2019 mussten 72 Prozent des Energiebedarfs durch Einfuhren gedeckt werden. 1990 hatte dieser Anteil noch 58 Prozent betragen.

    Dafür gibt es verschiedene Gründe. So wurde die Steinkohleförderung in Deutschland 2018 komplett eingestellt. Der Abbau von Braunkohle ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Zugleich ging die einheimische Förderung von Erdöl und Erdgas zurück, weil sich die Lagerstätten erschöpfen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien konnte den Rückgang bei anderen Energieträgern nicht ausgleichen.

    Mehr: Verteidigungsministerin stellt Nord Stream 2 in Frage

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    Mehr zu: Energiepolitik - Experten warnen EU vor Sanktionen auf russische Erdgaslieferungen
    6 Kommentare zu "Energiepolitik: Experten warnen EU vor Sanktionen auf russische Erdgaslieferungen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Diese politische Krise ist gefährlich und sollte nicht unterschätzt werden. Russland ist ein mächtiger und zugleich unberechenbarer Gegner. Anderseits gibt es insbesondere in Russland sehr einflussreiche und fortschrittliche Kräfte, die Deutschland gar nicht erkennt. Russische Investoren und Wissenschaftler sind derzeit öffentlich in der Presse mit der neuen Neutrino-Technologie auf dem Vormarsch. Der einstige BundesVerkehrsminister a.D., Prof. KRAUSE veröffentlicht dazu aktuell: "Das ewige Licht - Der Beginn eines neuen Zeitalters" Weltbuch Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-906212-56-2. Die günstigste und sauberste Variante der Energienutzung basiert auf Neutrino Technologie. Eine mobile und dezentrale Energienutzung über die Neutrinovoltaic kann jetzt möglich werden, denn sie wird die Photovoltaik ergänzen und ablösen, denn sie kann auch in vollkommener Dunkelheit Energie wandeln. Die Patente der Berliner Neutrino Energy Group sind bereit. Die Einführung der Neutrinovoltaik zur Gewinnung von elektrischem Strom unter dem Einfluss verschiedener elektromagnetischer Strahlung, einschließlich hochenergetischer kosmischer Neutrinos ist jetzt machbar. Die auf Neutrinovoltaik-Technologie basierenden DC-Neutrinoquellen sind sehr kompakt und wetterunabhängig, erzeugen in einem Grundmodus 24h x 365 Tage Strom und können in Gerätegehäuse oder sogar in Elektroautos eingebaut werden. Sie sind in der Lage, sowohl Geräte als auch einzelne Haushalte und Elektroautos ohne Anschluss an eine zentrale Stromversorgung vollständig mit Strom zu versorgen. Mobile und dezentrale Haushaltsenergie sowie unendliche Reichweiten für die Elektromobilität werden unser Leben weltweit positiv wandeln. Deutsche Ingenieure, Russische Investoren, bald an der amerikanischen Börse zum Ende des Jahres, wird NeutrinoInside mit dieser sensationelle emissionsfreien Energienutzung weltweit begeistern. Das wird enorm wichtig für unseren Wandel weltweit und Russland ist schon dabei.

    • Die USA würden uns gerne den Umstieg mit ihrem teuren Fracking-Gas "erleichtern". Sie würden fast alles dafür tun um Nord Stream 2 zu verhindern.

    • Regimekritiker hatten wir schon immer, allen voran solche, die keine Ahnung haben, außer vom protestieren.
      Sie sind die ewigen "studentischen" Berufsdemonstranten.
      Aber es dauert immer sehr, sehr lange, bis die Wähler dies kapiert haben.
      the stupid germans.



    • Verträge sind einzuhalten. Außerdem fehlt nur noch ein kleiner Bruchteil der Strecke. Eine Einstellung der Fertigstellung wird schmerzlich Wähler-Stimmen kosten, all den Parteien, die eine Einstellung fordern. Sofort die Partei-Kassen pfänden, um Geld für den Schadensersatz zu haben, den diese Jubel-Politiker anrichten.

    • Sehr geehrter Herr Stratmann,

      was im Artikel unberücksichtigt bleibt ist die gewaltige Effizienzsteigerung beim Umstieg auf eine Strom- und in Teilen auch Wasserstoffwelt. In der Mobilität heißt das weg von 23% Wirkungsgrad auf 80%, in der Gebäudewärme haben wir durch Wärmepumpen und low-energy-Nahwärmenetze mit Wärmepumpen Wirkungsgrade statt 75% = 0,75 auf 3,5 bai Außenluftwärmepumpen, 5,3 bei Erdwärmesonden und in Kombination mit einem Eisspeicher schaffen wir bei der Flowerpower-energy 7,6 durch zusätzlichen Kälteverkauf des Eisklotzes im Sommer. In Summe können wir damit den Gesamtenergieverbrauch realistisch von 2500TWh/a heute auf 1650 TWh/a senken. Damit erübrigt sich eine zweite Erdgasleitung.
      Eberhard Holstein

    • Ihr Artikel ist realitisch und gut geschrieben. Deutschland und die EU benötigen dingend Gas für eine optimierte Energiepolitik und zukünftig auch für die Herstellung und Nutzung von Wasserstoff für Brennstoffzellen.
      Warum stellen wir wegen eines einzelnen Regimekritikers unsere gesamte Energiepoltik in Frage? Gibt es nicht eine Vielzahl von Personen, die in verschiedenen, demokratischen Ländern unerwünscht sind und die schon negative Folgen erleben mussten? Russland gegenüber aber spielt die EU den moralischen Saubermann. Das erscheint mehr als heuchlerisch!

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