Energiepolitik in Brasilien Ein Atomkraftwerk aus der Kiste 

Deutschland fährt den Nuklearsektor zurück, doch Brasilien baut ein deutsches Atomkraftwerk: Ein vor 30 Jahren von Siemens gelieferter Reaktor wird aus den Regalen geholt und an der Küste aufgebaut. Kann das gut gehen?
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Eine Kiste mit Teilen für den Reaktor in Angra dos Reis. Sie soll bald ausgepackt werden.

Eine Kiste mit Teilen für den Reaktor in Angra dos Reis. Sie soll bald ausgepackt werden.

Angra dos ReisHinter Luiz Roberto Cordilha Porto liegt der Tropenwald, vor ihm der Atlantik. „Was für ein wunderschöner Ort“, sagt der 62-jährige. Dann lässt er seinen Blick über die riesige Baustelle in der Bucht unter ihm wandern:  Neun Kräne stehen um ein Betonfundament herum, etwa 100 Meter entfernt  liegt eine große Halle. Arbeiter laufen wie Ameisen hin- und her. Eigentlich ein idyllischer Ort. Doch hinter der Halle stehen zwei Atomreaktoren. Und in der Halle lagert seit fast 30 Jahren der vollständige Bausatz für einen dritten Reaktor. Die Brasilianer haben sich entschlossen, diesen Reaktor aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken.  Er wird jetzt hier direkt an der Küste hinter der Provinzstadt Angra dos Reis,  150 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, zusammengesetzt. Schon in drei Jahren soll er Atomstrom produzieren.

Cordilha Porto arbeitet als technischer Ingenieur beim brasilianischen Staatskonzern Eletronuclear und  ist überzeugter Anhänger der Atomkraft. „Ich sehe nicht ein, warum Brasilien auf diese Ressource verzichten soll“, sagt er.

Der Ingenieur Luiz Roberto Cordilha Porto vor der Baustelle für den Atomreaktor Angra III. Quelle: Jan Mallien

Der Ingenieur Luiz Roberto Cordilha Porto vor der Baustelle für den Atomreaktor Angra III.

(Foto: Jan Mallien)

Brasilien erzeugt gerade mal drei Prozent seines Energiebedarfs durch Atomkraft.  Etwa drei Viertel kommen aus Wasserkraft. Doch auch die Wasserkraft hat ihre Tücken. Sie allein kann den Energiehunger der wachsenden Volkswirtschaft nicht decken. Die brasilianische Regierung will deshalb den dritten Reaktor in Angra ans Netz bringen und am liebsten noch mehr Atomkraftwerke bauen.

Umweltschützer sehen das mit Sorge. Der Atomkomplex in Angra liegt wie der in Fukushima direkt am Meer. In der Region gibt es häufiger Erdrutsche. Außerdem ist nicht klar, was mit dem anfallenden Atommüll geschehen soll. Dabei hat Brasilien durchaus Alternativen zur Atomkraft.

Zwei Reaktoren stehen bereits in dem Atomkomplex in der Bucht vor Angra dos Reis. Rund 2600 Menschen arbeiten dort. Viele von ihnen wohnen mit ihren Familien in der Arbeitersiedlung direkt hinter dem Kraftwerk. Schilder am Strand erklären, was bei einem Notfall zu tun ist.

Früher wohnten in der Siedlung auch deutsche Ingenieure. Sie kamen von Siemens und sollten bei der Installation der Reaktoren helfen. Die US-Firma Westinghouse lieferte 1971 den ersten Reaktor, der 1985 ans Netz ging. Die Amerikaner wollten die Brasilianer aber nicht an der Technologie teilhaben lassen. Deshalb schloss Brasilien den Anschlussvertrag über die Lieferung von zwei weiteren Reaktoren mit dem deutschen Siemens-Konzern.

Die Teile trafen 1984 ein. Dann explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl und Brasilien kämpfte mit dem Staatsbankrott. Nach langer Pause ging schließlich der zweite Reaktor im Jahr 2001 ans Netz. Die restlichen Teile für den dritten Reaktor liegen dagegen seit fast 30 Jahren ungenutzt in der Halle herum.

Der Atomkomplex im brasilianischen Angra dos Reis
Brasilien Rio de Janeiro eingelagertes Atomkraftwerk Jan mallien 1 / 2013
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Der morgendliche Ausblick von der Zufahrtsstraße zum Atomkraftwerk in der Nähe von Angra dos Reis. In der Stadt 150 Kilometer westlich von Rio de Janeiro machen viele Brasilianer Urlaub.

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In der Arbeitersiedlung vor dem Atomkraftwerk wohnen etwa 2000 Menschen.

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Am Ufer der Siedlung gibt es einen Sandstrand.

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Warnschilder beschreiben was zu tun ist, wenn im Kraftwerk der Alarm ausgelöst wird.

Brasilien Rio de Janeiro eingelagertes Atomkraftwerk Jan mallien 1 / 2013
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Der Ingenieur Luiz Roberto Cordilha Porto vor der Baustelle für den Atomreaktor Angra III.

Brasilien Rio de Janeiro eingelagertes Atomkraftwerk Jan mallien 1 / 2013
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Seit Juni 2010 laufen die Bauarbeiten am Reaktor Angrar 3. Er soll 2016 ans Netz gehen.

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Die Teile für den Reaktor sind seit fast 30 Jahren in dieser Halle gelagert.

Wer die Halle betritt, atmet den Geist der 80-er Jahre. Rechts und links stehen Metallregale. In den Fächern liegen Holzkisten, Rohre und in Folie verpackte Geräte. Auf manchen von ihnen sind Messgeräte für die Luftfeuchtigkeit angebracht.  „Wenn rosa, Trockenmittel auswechseln“, steht dort in deutscher Sprache drauf. Auf Holzpaletten prangt das Logo der Deutschen Bahn. 

Die Kisten sind mit den Namen deutscher Firmen wie Siemens und Deutz beschriftet. Pro Jahr kostet die Lagerung 20 Millionen Euro.

Allianz versichert den Bau
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25 Kommentare zu "Energiepolitik in Brasilien: Ein Atomkraftwerk aus der Kiste "

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  • Indien hat 2012 einen neue russische Atomengerie-Anlage in Betrieb gesetz: Trozt dem wie auch in Brasilien von USA-BRIT-BRD "Gruene" und katholische NROs - welche alle im Auftrag der CIA wirken (auch wenn das "Fussvolk" das nicht wissen will!). Prime Minister Singh sagte dann welteir auffaellig: 'THE UNITED STATES DOES NOT APPRECIATE INDIA'S NEED FOR ENERGEY'. Eine Woche danach wurden 4,141 NROs der USA, Brit. BRD verboten weiter Geld von "ausserhalb Indiens" fuer zu ueberweisen "for activities against the national interests of India". (Sieh : NewsBharati: "Kundankulam Effect", Aug.30. 2012. Und was in Indien's presse ueber den deportierten BRD Agenten SONNTEG REINER HERMANN - berichtet wurde.

  • @ Vandale
    bewundernswert sind Ihre Bemühungen der Aufklärung und Erläuterung, wie Kernkraft funktioniert, strahlt und eben nicht schlechthin und per Behauptung schädigt.
    Glauben Sie, dass bei den grünen Glaubenskriegern, die sich hier unermüdlich abrackern, davon irgendetwas hängen bleibt?
    Ich denke, wir sind inzwischen wieder soweit, dass nur Schmerzen eine Umdenken verbunden mit einer Umsteuerung helfen werden.
    Ich gehöre zu Denjenigen, die desen Zustand so schnell als möglich herbeisehnen.
    Als positiv dabei konstatiere ich: "es wird spannend und es ist schön, wieder in der ersten Reihe zu sitzen".
    1989 war es schon einmal so.
    Und eine gewisse Häme spreche ich mir damit nicht ab.

  • Die Evakuierungen in Fukushima und Tschernobyl haben gem. Studien der WHO in Zusammenarbeit mit der University of Tokyo mehr Opfer durch Verkehrsunälle und Stress verursacht als eine Nicht-Evakuierung gekostet hätte.

    Was ist jetzt das für ein Argument? Natürlich gibt es mehr Unfälle, wenn ich mich von Punkt A nach Punkt B begebe und dies andere Leute auch zum selben Zeitpunkt tun, als wenn ich am Punkt A bleibe.
    Nur über die Folgen von am Punkt A zu bleiben lassen Sie sich nicht aus und wenn jemand später mal zB. Krebs entwickelt, dann wird man es eben nicht eindeutig zuordnen können. Somit gibt es kein Risiko laut ihrer Logik, was nicht bedeutet, dass es sehr wohl ein Risiko gibt, weil wie anders kann man sich die deutlich gestiegenen Siechtums- und Sterbeziffern angefangen in Hiroshima durch Strahlenverseuchung erklären? Alles Zufall, oder? Ist ja egal, wenn ein paar Leute jahrelang dahinsiechen, haben halt Pech gehabt.

  • @ Vandale

    Ihr Kommentar:

    "Beispielsweise verursacht ein grosses Kohlekraftwerk mit der Leistung eines KKW jährlich etwa 400.000to toxischer Asche und Filterstäube, die wiederum beispielsweise auch 20to radioaktiver Stoffe enthalten*,..."
    -------------------------
    Der Urangehalt mancher Kohlenaschen ist so hoch, daß dieser in den USA eine zeitlang kommerziell zur Brennelementfertigung ausgenutzt wurde.


    "Denken Sie mal an die grossen Mengen CdTe Solarzellenproduktionsabfälle** die in Untertagedeponien deponiert werden. "
    ------------------------
    Nicht doch, das ist aber jetzt politisch sehr unkorrekt, so etwas zu erwähnen. Daß bei der Herstellung von Solarmodulen hochtoxische Verbindungen benutzt werden, paßt nämlich nicht in die schöne, neue und heile Welt der Ökofanatiker, für die Strom aus der Steckdose kommt.

    Der Punkt ist einfach, daß bei den Tiefgrünen chemische, ingenieurs- und verfahrenstechnische Kenntnisse gewöhnlich asymptotisch gegen Null streben. Wozu sich um Wissen bemühen, wenn man im Vollrausch seines Sendungsbewußtseins schlicht und einfach über Fakten erhaben ist. Ich habe in meiner Studentenzeit (Naturwissenschaftler) mit dieser Sorte "diskutiert", genauer gesagt, mir deren "hochgeistige" Ergüsse angehört. Wenn man selber vom Fach ist, stellen sich einem angesichts dieser Märchenstunden die Nackenhaare hoch und das meine ich jetzt keineswegs humorvoll, weil einem bei so viel Ignoranz, ja Dummheit und Bildungsferne der Humor leider sehr gründlich vergeht. Da wird einem im Gegenteil eher angst und bange, wenn man sich solche Ignoranten (einschließlich abgebrochener Theaterstudenten, Sonderschullehrern und Sozialwirten) in verantwortlichen Positionen für Forschung, Technik und Energieversorgung vorstellt!

  • Die deutsche Politk steckt in einem innen-/ausenpolitischem Dilemma: In D. und im deutsprachigen Raum herrscht, nach jahrzehntelanger ununterbrochener Öko-Propaganda und Technikfeindlichkeit, eine panische Angst vor Atomkraft. Außerhalb des Raums aber eher nicht. Gleichzeitig wehrt sich das Ausland dagegen, sich von deutscher Politik vorschreiben zu lassen, was sie zu tun und zu lassen haben, was angesichts der Geschichte mehr als verständlich ist. Also macht man einen "Spagat", man erzählt den Deutschen man hätte auch Angst usw. (Zitat Merkel nach Fukushima "eine unvorstellbare Katastrophe" (Realität: 0 Todesopfer, 0 Erkrankungen)), aber außenpolitisch ist man dann Realist und sieht kein Problem mit AKW.

  • Hi Stargazer...die einstige Evakuierungszone ist auf Weissrussland und die Ukraine verteilt.

    Persönlich habe ich weder im Einen, noch im Anderen Land irgendwelche Interessen.

    Vandale

  • @Vandale

    Ich bin stets davon ausgegangen, dass sich Tschernobyl in der Ukraine befindet?!

  • Deutsche Stromverbraucher zahlen jährlich das dreifache als Subvention für die Erzeugung von Ökostrom .... Darin sind noch nicht mal die Kosten für den erhöhten Distributionsaufwand (Netzausbau und Regelaufwand) und die Betriebskosten und Abschreibungen für kaum mehr genutzten Reservekraftwerke enthalten.

  • Tepco bekommt mehr Geld zur Entschädigung

    Nach eigenen Angaben erhält der Betreiber des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima weitere 5,5 Milliarden Euro vom Staat zur Entschädigung der Opfer. Tepco hat eingeräumt, es sei unzureichend auf Naturkatastrophen vorbereitet gewesen.


    Heute aus der FAZ

    Tepco ist ein börsennotierter Wert, der auchmal Dividende ausgab.

    Nun springt der Steuerzahlung in die Moral von
    Tepco hinein.

    Sie können nicht, haben nichts getan, aber maximiert.
    Energieversorgung muß anders aufgebaut sein nder Markt
    hat gezeigt: die Manger können das nicht. Sie können nur ihr Ding und knebeln Millionen Verbraucher dann.
    Das ist entschieden zu wenig.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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