1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Wasserstoff: EU-Kommissar Thierry Breton will Atomkraft für Produktion nutzen

EnergiewendeEU-Kommissar Breton will Atomkraft zur Wasserstoff-Produktion nutzen

Um den Industriestandort Europa im globalen Wettbewerb zu stärken, spricht sich der Franzose für ein Comeback der Kernenergie aus. In Deutschland trifft diese Idee auf Ablehnung.Moritz Koch 27.07.2021 - 15:00 Uhr Artikel anhören

Ein Block ist noch in Betrieb, der Atomausstieg in Deutschland jedoch beschlossene Sache.

Foto: imago/imagebroker

Brüssel. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton rüttelt an einem deutschen Tabu: Der Franzose spricht sich für ein Comeback der Kernkraft aus – als Energiequelle für die Produktion von Wasserstoff.

Nuklearenergie sei reichlich verfügbar und günstig, sagte Breton am Dienstag bei einem Auftritt in Madrid. „Wir sollten diese Übergangsenergie nutzen, um den Aufbau einer sauberen Wasserstoffindustrie in Europa zu erleichtern.“ 

Breton schlägt vor, bestehende Nuklearkraftwerke zur Elektrolyse zu nutzen, also zur Herstellung von Wasserstoff aus Wasser mithilfe von Strom. Dies ermögliche „die Produktion sauberen Wasserstoffs“ und würde es erlauben, „dass sich neue Branchen entwickeln, während wir darauf warten, dass genügend erneuerbare Energie verfügbar wird“, erläuterte der Kommissar in einer Rede zur „Geopolitik der Technologie“. 

Breton sieht Wasserstoff als Schlüsseltechnologie im globalen Wettbewerb um Wohlstand und Einfluss. Die EU dürfe sich in Zeiten wachsender machtpolitischer Spannungen nicht mehr allein auf die Anziehungskraft ihrer liberalen Werte verlassen, argumentiert er. Die „soft power“ Europas müsse um „hard power“ ergänzt werden, wozu Breton gerade auch die ökonomische Gestaltungskraft des Kontinents zählt

Der Kommissar strebt eine neue, selbstbewusste internationale Rolle für die EU an: „In der neuen geopolitischen Ordnung agiert Europa als Stratege und nicht nur als Markt.“ Und er mahnt: „Wenn wir noch mehr Zeit verlieren, werden es unsere derzeitigen Konkurrenten sein – die Vereinigten Staaten, China, Korea und Japan, die uns ihre Produkte verkaufen.“

Atomausstieg wird nicht infrage gestellt

Die Idee, CO2-freien Atomstrom zu nutzen, um den Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft zu erleichtern, trifft in Deutschland auf entschiedene Ablehnung. Der Atomausstieg ist beschlossene Sache, keine bundespolitisch relevante Kraft stellt diese Entscheidung infrage. Mit Kernenergie Wasserstoff zu erzeugen sei ein „Offenbarungseid“, sagt der CSU-Europapolitiker Markus Ferber. „Das ist nicht der Einstieg in ein neues Zeitalter, sondern die künstliche Lebensverlängerung einer nicht beherrschbaren Technologie.“

Der Franzose strebt eine neue, selbstbewusste internationale Rolle für die EU an.

Foto: dpa

Frankreich schätzt die Lage indes völlig anders ein. Der Anteil der Kernenergie an der französischen Stromgewinnung liegt bei 70 Prozent. Anders als in Deutschland spielen klimaschädliche Kohlekraftwerke in Frankreich schon heute praktisch keine Rolle mehr. Nur zwei sind noch im Betrieb, 2024 soll das letzte vom Netz genommen werden.

In der Bundesrepublik hingegen wird die Stilllegung der Kohlemeiler durch den Atomausstieg verkompliziert. Zwar ist der Anteil erneuerbarer Energien deutlich höher als in Frankreich, doch er stößt zunehmend an Grenzen, sei es, weil sich auf lokaler Ebene Widerstand gegen Windräder und Stromtrassen bildet, oder weil bisher noch unklar ist, wie die natürlichen Schwankungen bei der Versorgung mit Strom aus Sonne und Wind ausgeglichen werden können.

Die Bundesregierung setzt daher auf Erdgas als Brückentechnologie – und handelt sich damit erheblichen außenpolitischen Ärger ein. Der Bau der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 ist auf deutscher Seite maßgeblich davon getrieben, dass Bundesregierung und Industrie mit einer steigenden Gasnachfrage in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren rechnen, wenn erst die Atom- und dann die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden.

Unstrittig ist, dass Europa gewaltige Mengen an Wasserstoff braucht, um die Energiewende zu bewältigen. Die ehrgeizigen Klimaziele sind nur dann erreichbar, wenn auch die energieintensive Industrie emissionsneutral wirtschaftet. Dies erfordert nachhaltig erzeugten Wasserstoff.

Ebenso unstrittig ist, dass „grüner Wasserstoff“ die Ideallösung wäre. Als grün wird Wasserstoff bezeichnet, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Doch um Wasserstoff im industriellen Maßstab zu erzeugen, sind gewaltige Energiemengen erforderlich.

Übergangszeit für andere Arten von Wasserstoff

Einige Experten und Wirtschaftsvertreter fordern daher, als Zwischenlösung auch andere Energiequellen zur Wasserstoffproduktion zu nutzen. Aus Erdgas ließe sich blauer, aus Atomstrom gelber Wasserstoff erzeugen.

Die EU-Kommission hatte im vergangenen Jahr eine Wasserstoffstrategie vorgelegt, die vor allem auf grünen Wasserstoff setzt, übergangsweise allerdings auch „CO2-armen Wasserstoff“ als Option sieht. Das europäische Parlament unterstützt diesen Ansatz mehrheitlich

„Wir sind uns alle einig, dass das Ziel der flächendeckende Einsatz von grünem Wasserstoff sein muss“, sagt Angelika Niebler, Co-Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament. „Aber wir brauchen eine Übergangszeit, in der auch andere Arten von Wasserstoff zum Zug kommen, um einen Wasserstoffmarkt aufzubauen und vor allem, um der Technologie ausreichend Zeit zu geben, in Wirtschaft und Alltagsleben Fuß zu fassen.“ 

Es gehe dabei nicht um „eine Diskussion über Atomstrom an sich“, betont Niebler, sondern vielmehr darum, „ob wir Wasserstoff eine faire Chance geben, unsere Industrie und Mobilität zu dekarbonisieren“.

Verwandte Themen
Europäische Union
Deutschland
Europa
Frankreich
CSU
Franziska Brantner

Die Grünen halten dagegen, in Brüssel genauso wie in Berlin. Die Partei fordert, die Anstrengungen voll und ganz auf grünen Wasserstoff zu konzentrieren. Franziska Brantner, parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, stellt klar: „Kernkraft ist weder sauber noch wirtschaftlich.“

Uran und Plutonium seien knappe und gefährliche Ressourcen. „Die EU sollte besser den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen und dafür Klimapartnerschaften mit unseren Nachbarn wie Marokko bilden, um dort Solarenergie zu fördern.“ Europa sollte in neue Technologien investieren, „die wir zum Exportschlager machen können“.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt