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Epidemie Wie das Coronavirus die Japaner im Alltag erfinderisch macht

Japan hat mehrere Maßnahmen gefasst, um die Coronavirus-Epidemie einzudämmen. Doch im Alltag müssen die Menschen erfinderisch werden, um sich zu schützen.
07.03.2020 - 12:25 Uhr Kommentieren
Einige der Passanten, die in der Nähe des Bahnhofs Shibuya in Tokio über die Straße gehen, tragen Mundschutz. Quelle: dpa
Coronavirus, Japan

Einige der Passanten, die in der Nähe des Bahnhofs Shibuya in Tokio über die Straße gehen, tragen Mundschutz.

(Foto: dpa)

Tokio 5,5 Milliarden Gesichtsmasken wurden im Jahr 2018 in Japan verkauft. Die Zahl verdeutlicht: in dem asiatischen Inselstaat war die Vorbeugung vor Infektionskrankheiten schon vor dem Ausbruch des Coronavirus auf einem hohen Niveau.

Denn die Gesundheitsbehörden, Kindergärten und Schulen betonen seit Jahren in Erziehungskampagnen, dass man sich regelmäßig die Hände waschen oder desinfizieren, nach der Heimkehr gurgeln und im Falle einer Erkältung Masken tragen sollte, um andere Personen nicht anzustecken.

Andere epidemiefördernde Gewohnheiten wie Händeschütteln, Umarmungen, Hand- und Wangenküsschen müssen die Japaner sich erst gar nicht abgewöhnen. Denn sie pflegen seit Jahrhunderten eine Form der Begrüßung, die Viren weniger Chancen lässt: die Verbeugung. Die Coronavirus-Epidemie führt nun dazu, dass diese bisher gelehrte Routine noch konsequenter gelebt wird.

„Ich habe gelernt, dass ich beim Tragen von Masken Fehler gemacht habe“, erzählt eine Japanerin. So hilft es nicht, wenn man sie nur über den Mund stülpt und die Nase frei lässt, sie immer wieder berührt oder gar mehrfach auf- und absetzt.

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    Auch das Niesen und Husten in die Armbeuge ist relativ neu in der Liste der besten Virenschutzpraktiken. Nun versuchen die Lokalregierungen sogar, den Kampf gegen das Coronavirus mit Best-Practise-Kampagnen zum Infektionsschutz bis in die letzte Ecke des Landes zu tragen.

    Vom japanischen Virenschutz-Dreisatz bis zum Umgang mit Leichen

    Die Regierung Yokohama, in der das Kreuzfahrtschiff Princess Diamond in Quarantäne am Kai liegt, wirbt beispielsweise selbst in der U-Bahn mit einem erstaunlich schlichten Dreisatz für den Selbstschutz, den man sich einfach merken kann:

    1. Regelmäßig die Hände waschen oder desinfizieren (um den Schleimhäuten von Mund, Auge und Nasen keine Viren zuzuführen, daher auch Hände weg vom Gesicht);

    2. Masken tragen, wenn man selbst hustet (um das Risiko zu senken, dass man selbst andere Menschen über Tröpfchen infiziert);

    3. viel Schlafen und ausgewogen essen (um das Immunsystem zu stärken).

    Merke: Die japanischen Behörden raten ausdrücklich nicht, dass auch Gesunde Masken tragen. Denn meist tragen die Menschen chirurgische Masken, die nur das Risiko von Tröpfcheninfektionen senken, aber wenig gegen Viren helfen. Denn zum einen sind ihre Filter zu grob, um die kleinen Pathogene abzuhalten. Zum anderen liegen die Masken nicht eng genug am Gesicht an, so dass ein Teil der Atemluft ohnehin ungefiltert in Nase und Lunge gelangt.

    Doch je länger die Infektionswelle dauert, desto mehr werden sich die Japaner fortbilden müssen und können. Das Gesundheitsministerium stellt schon jetzt Leitfäden für spezielle Fälle im Internet zur Verfügung, die künftig vermehrt auftreten könnten: die häusliche Pflege von Coronavirus-Fällen ist ein Beispiel, der richtige Umgang mit Leichen von Infizierten ein anderes.

    Noch ist es nicht soweit. Die Regierung hat gerade angekündigt, die Zahl der Betten in Isolierstationen von 2000 auf 5000 zu erhöhen. Aber der bekannte japanische Epidemologe Hitoshi Oshitani von der Tohoku-Universität warnte, dass die Kliniken sich bei einer weiteren Ausbreitung der neuartigen Viren womöglich bald nur noch auf schwere Fälle konzentrieren können und leichtere Fälle daher zu Hause isoliert werden müssen.

    Doch die Regierung und inzwischen die gesamte Gesellschaft versuchen mit Einschränkungen ihres Arbeits- und Lebensalltags, die Epidemie zu bremsen. Ein wichtiger Punkt ist das Vermeiden von Menschenansammlungen.

    Viele Unternehmen lassen Angestellte in Bürojobs bereits von zuhause arbeiten. Messen, Konzerte Pressekonferenzen und Partys werden abgesagt, Freizeitparks schließen. Webkonferenzen ersetzen interne Meetings. Und die Menschen selbst gehen weniger in Restaurants, Kinos oder Einkaufszentren und vermeiden nach Möglichkeit Ausflüge mit Bahnen und Bussen.

    Maskenmangel schürt Improvisationstalent – und den Griff zu Placebos

    Allerdings stellt die Epidemie die Menschen nun vor das Problem, die Virenschutzpraktiken auch praktisch umzusetzen. Masken und Desinfektionsalkohol sind in Drogerien schon seit längerem ausverkauft. Denn Japan leidet nicht nur darunter, dass die hohe Nachfrage noch einmal in die Höhe geschnellt ist. Gleichzeitig brach die Lieferkette zusammen: Vier Fünftel der Masken wurden importiert – und dies zumeist aus China. Doch nun werden die Masken dort gebraucht und finden den Weg nach Japan nicht mehr.

    Viele Menschen werden daher in ihrer Not erfinderisch. Ein Mittel, das beworben wird, sind Gesichtssprays gegen Pollenallergien. Die Hersteller versprechen, dass sich nach dem Einsprühen des Gesichts ein „Ionen-Schleier“, um das Gesicht legt und Pollen wie Viren abhält. Es ist unklar, ob das Spray wirklich gegen Viren hilft, aber immerhin erfrischt es.

    Ansonsten greifen immer mehr Menschen zum Maskenrecycling oder -eigenbau. „Ich wasche meine Maske täglich“, sagte eine Japanerin. Sie seien erstaunlich stabil und würden nicht reißen. Andere sprühen ihre Masken mit Alkohol ein oder baden sie in Bleiche. Gleichzeitig erfreuen sich Anleitung zum Nähen von Stoffmasken großer Beliebtheit.

    Ein Supermarkt in Yokohama wiederum führt nun statt dem Atemschutz eine Anleitung für die Herstellung von Masken aus Küchenpapier im Regal. Man falte das Papier längs in dünne Streifen, klappe die Enden um Gummibänder um und tackere sie fest, steht auf dem Plakat. Dann entfalte man die Maske. Als zusätzlichen Schutz empfiehlt die Drogerie, noch Gaze in die Maske zu legen.

    Tatsächlich gibt es Maskenfiltermaterial im Internet zu kaufen, aus dem Nutzer sich Stücke herausschneiden können. Der Autor hat sich spaßeshalber für umgerechnet elf Euro zwei Quadratmeter Filtermaterial aus Polypropylen gekauft, das 90 Prozent der Pollen aus der Luft zu holen verspricht. Das ist deutlich weniger, als herkömmliche Masken. Und gegen Viren hilft sie schon gar nicht.

    Selbstgefertigte Masken dürften noch weniger als industriell gefertigte gegen Viren helfen, wohl aber schützen sie gegen soziale Ausgrenzung. Denn der soziale Druck in Japan und Korea zur Teilvermummung steigt. Wenn alle Masken tragen, will man selbst ja nicht aus der Rolle fallen und den Eindruck erwecken, man schere sich nicht um seine Mitmenschen.

    Mehr: Die harten Maßnahmen haben einen hohen Preis. Die WHO lobt Südkorea als Vorbild für die Eindämmung von Covid-19. Japan folgt dem Beispiel bereits. Doch die Wirtschaft leidet bereits deutlich.

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