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EU-Austritt Angst vor wildem Brexit sorgt für Ansturm auf Pässe anderer EU-Länder

Die Angst der Briten vor einem ungeordneten Brexit wächst. Viele versuchen deshalb, die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Landes anzunehmen. Indes kämpft Theresa May weiter um ihren Deal.
Update: 06.01.2019 - 10:46 Uhr Kommentieren
Viele Briten versuchen derzeit, zum Beispiel einen deutschen Pass zu bekommen. Quelle: dpa
Brexit

Viele Briten versuchen derzeit, zum Beispiel einen deutschen Pass zu bekommen.

(Foto: dpa)

LondonDie britische Premierministerin Theresa May hat das Parlament indirekt vor einer Ablehnung des Brexit-Abkommens gewarnt. In einem solchen Fall würde sich Großbritannien auf „unbekanntes Terrain“ begeben, sagte May am Sonntag der BBC. Berichte, dass sie das für diesen Monat geplante Votum erneut verschieben könnte, wies sie zurück.

Sie könne schlicht nicht sagen, was passieren werde, wenn das mühsam mit der EU verhandelte Abkommen nicht angenommen werde, sagte May. Die Abstimmung im Parlament werde wie geplant um den 14. oder 15. Januar herum stattfinden. Ein erneutes Brexit-Referendum vor dem geplanten Austrittsdatum am 29. März sei nicht machbar.

Der Ausgang der Abstimmung im Unterhaus ist ungewiss. Die Brexit-Vereinbarung stößt nicht nur in der Opposition, sondern auch bei Mays Konservativen auf heftige Kritik. Bislang hat die britische Regierung erklärt, dass Großbritannien die EU ohne einen Deal verlässt, wenn das Unterhaus nicht zustimmt.

Die Briten sorgen sich über die Folgen des Brexits – viele wollen sich mit einem Pass eines anderen EU-Landes absichern. Entsprechende Anträge von Briten sind in vielen Staaten sprunghaft gestiegen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Unter den Antragstellern sind junge Familien ebenso wie Rentner.

Deutschland

Die Einbürgerungen von Briten in Deutschland liegen auf Rekordniveau: 2017 erhielten rund 7.500 Briten die Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2015 waren es nur 622 gewesen. 2016, im Jahr des Brexit-Votums, kletterte die Zahl schon auf 2.865. Die Briten nahmen 2017 in dieser Rangliste den zweiten Platz ein, mehr Eingebürgerte kamen nur aus der Türkei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten Ende 2017 etwa 116.000 Briten in Deutschland. Informationen darüber, wie viele Personen insgesamt sowohl die deutsche als auch die britische Staatsangehörigkeit besitzen, lagen nicht vor.

Auffällig: Fast jeder zehnte eingebürgerte Brite lebte 2017 gar nicht in Deutschland – das ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts der mit Abstand höchste Anteil aller EU-Staaten. Bei diesen Briten mit deutschen Pässen handelt es sich überwiegend um Menschen, die vor den Nazis nach Großbritannien fliehen mussten, und um deren Nachkommen. Sie können nach dem Grundgesetz die deutsche Staatsbürgerschaft wieder einfordern. Nach Angaben des Bundesverwaltungsamts gingen im Jahr 2015 noch 43 solcher Einbürgerungsanträge aus Großbritannien ein, 2017 dann schon 1.667.

Irland

Das Interesse an irischen Pässen ist seit dem Brexit-Votum ebenfalls deutlich gestiegen. Das begehrte Dokument ist auch relativ leicht zu bekommen, wenn man irische Wurzeln hat. Es reicht schon, wenn nur der Opa oder die Oma in Irland geboren wurde, aber der Betroffene selbst und seine Eltern nicht.

Nach Angaben der Regierung in Dublin gab es im vergangenen Jahr rund 183.000 Anträge auf einen irischen Pass aus Großbritannien. Rund 85.000 davon kamen aus Nordirland. Dort Geborene haben grundsätzlich Anspruch auf beide Pässe. Gut 98.000 Anträge stammten aus dem restlichen Großbritannien, ein Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zu 2017.

Spanien

Im Rentnerparadies Spanien gibt es – anders als in vielen anderen europäischen Ländern – keinen echten Run von Briten auf einen Reisepass des EU-Staates. Zwar hat sich in den ersten zehn Monaten des Jahres 2018 die Zahl der Briten, die die spanische Staatsbürgerschaft beantragten, im Vergleich zum Gesamtjahr 2015 mehr als verdreifacht. Die absolute Zahl ist mit 166 aber sehr niedrig. Denn Spanien verlangt von allen britischen Neubürgern die Aufgabe der britischen Staatsbürgerschaft. Wer einen Antrag stellt, muss mindestens zehn Jahre im Land gelebt haben. „Man muss noch einen Sprachtest bestehen, auch Fragen zur Geschichte, Kultur, Politik, Geografie des Landes beantworten. Und sogar Sport-Fragen“, sagte die Präsidentin der Vereinigung Brexpats in Spain, Anne Hernández. In Spanien leben mehr als 300.000 Briten, längst nicht alle sind angemeldet.

Portugal

In Spaniens kleinerem Nachbarland schoss die Zahl der Anträge von 62 im Jahr 2015 auf rund 500 in den ersten elf Monaten des Jahres 2018 hoch. Dort dürfen die Briten ihren britischen Pass behalten, auch wenn sie Portugiesen werden. „Mir schwirrte diese Idee schon seit Jahren im Kopf herum, aber der Brexit hat alles beschleunigt“, sagte der Lehrer Mark Hooley aus Manchester, der seit sieben Jahren an der Oporto British School unterrichtet, der Zeitung „Jornal de Notícias“. In Portugal darf man einen Einbürgerungsantrag schon nach sechs Jahren stellen, der Sprachtest wird als leichter als jener in Spanien beschrieben. In Portugal leben etwa 50.000 Briten.

Bulgarien

Rund 40.000 Briten haben sich nach inoffiziellen Angaben in Bulgarien niedergelassen. Viel Sonne und niedrige Preise – das ärmste EU-Land ist vor allem bei Rentnern beliebt. Nach dem Brexit-Votum bot Regierungschef Boiko Borissow den in dem südosteuropäischen Land lebenden Briten an, die bulgarische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Es liegt aber noch keine Statistik darüber vor, wie viele von ihnen von dem Angebot Gebrauch gemacht haben.

Italien

Nach Angaben einer Sprecherin der Initiative British in Italy, die sich nach der Brexit-Abstimmung gegründet hat, leben rund 65.000 Briten in Italien. „Es ist sicher, dass es einen beträchtlichen Anstieg von Briten gibt, die eine italienische Staatsbürgerschaft beantragt haben.“ Offizielle Zahlen seien aber kaum zu bekommen. Auch der britische Schauspieler Colin Firth nahm die italienische Staatsbürgerschaft an. Er habe dies als „vernünftigen“ Schritt angesichts weltweiter politischer Unsicherheit unternommen, kommentierte Firth einmal. Seine Frau ist Italienerin.

Schweden

Auch im Norden ist der Trend klar erkennbar. Um eine schwedische Staatsbürgerschaft bewarben sich nach Angaben des Migrationswerks im Jahr 2015 nur 511 Briten. Ein Jahr später waren es mit knapp 1.600 Anträgen bereits mehr als dreimal so viele. Mitte 2018 tauchte Großbritannien in den schwedischen Statistiken anders als in den Vorjahren unter den zehn häufigsten Ursprungsländern der Personen auf, die die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten haben (Platz zehn) – hinter Ländern wie Syrien, Somalia und Afghanistan. Bis Ende Mai hatten da 583 Briten einen schwedischen Pass erhalten.

Estland

Ganz anders ist die Lage in Estland. Nach Angaben des Innenministeriums in Tallinn hat sich zwischen 2015 und 2017 nicht ein einziger Brite um eine Staatsbürgerschaft bemüht. Grund sind wohl die strengen Regeln: Bewerber müssen unter anderem mindestens acht Jahre in dem baltischen EU-Land gelebt haben, die letzten fünf davon dauerhaft.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nur für gebürtige Esten eingeschränkt zulässig. Dafür können Briten estnische „E-Bürger“ werden. Dabei handelt es sich allerdings um keinen echten Pass mit allen Rechten, einen Anspruch auf einen physischen Wohnsitz haben E-Bürger beispielsweise nicht. Dafür können sie etwa eine Firma in Estland gründen. Fast 2.500 Briten haben sich bereits eine solche elektronische Staatsbürgerschaft gesichert.

In vielen anderen EU-Ländern ist ebenfalls ein deutlicher Anstieg bei den Einbürgerungen zu erkennen, allerdings auf geringem Niveau. So wurden 2015 und 2016 in Österreich jeweils zehn Briten eingebürgert, 2017 waren es laut Statistik Austria 24, in den ersten drei Quartalen von 2018 schon 31. Insgesamt leben laut der Bundesanstalt rund 10.700 Briten in dem Alpenland. Ähnliche Anstiege mit zweistelligen absoluten Zahlen melden Polen, Tschechien und Griechenland.

Brexit 2019
  • rtr
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