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EU-Austritt Großbritannien Die Zyprer fürchten den harten Brexit – und könnten doch von ihm profitieren

Die Inselrepublik Zypern fürchtet bei einem ungeordneten Brexit um ihre Exporte und den Tourismus. Aber ein Wirtschaftszweig könnte aufblühen.
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Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens hat Folgen für Zypern. Quelle: Bloomberg
Auswirkungen des Brexit

Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens hat Folgen für Zypern.

(Foto: Bloomberg)

AthenHaris Loizides macht sich Sorgen. „2019 wird definitiv ein schwieriges Jahr“, sagt der Präsident des zyprischen Hotelverbandes. Im vergangenen Jahr beherbergten die Hoteliers auf der Mittelmeerinsel mehr Urlauber als je zuvor. Fast vier Millionen Gäste kamen auf die Insel, an deren Gestade der Sage nach die Liebesgöttin Aphrodite der Brandung entstiegen sein soll.

Aber in diesem Jahr wird Zypern nicht nur das Comeback billigerer Wettbewerber wie der Türkei und Ägyptens zu spüren bekommen. Auch der Brexit bereitet Sorgen. Großbritannien ist mit Abstand der wichtigste Markt für die zyprischen Tourismusunternehmer. Von dort kam vergangenes Jahr fast jeder dritte Gast.

Kein anderes EU-Land ist menschlich und wirtschaftlich so eng mit dem Vereinigten Königreich verbunden wie die ehemalige Kronkolonie Zypern. 1960 entließ London die Insel in die Unabhängigkeit. Der Linksverkehr, Schuluniformen und viele britische Markenartikel in den zyprischen Supermärkten wie Baked Beans, Organgenmarmelade und Guinness-Bier erinnern an die Kolonialzeit. Das gefällt den britischen Besuchern.

Aber jetzt gibt es Verunsicherung. „Die Aussicht auf einen ungeordneten Brexit beunruhigt die Urlauber und die Unternehmen“, sagt Verbandschef Loizides. Die Branche sorgt sich nicht nur um die Flugverbindungen zwischen Großbritannien und den zyprischen Airports Larnaka und Paphos.

Kommt es infolge eines harten Brexits zu einer Abwertung des britischen Pfundes, würde das einen Urlaub in Zypern für viele Briten unerschwinglich machen. Ohnehin ist die Insel wegen der langen Flugzeit kein Billigziel.

Nicht nur die Tourismusbranche zittert dem Brexit entgegen. Viele zehntausend Menschen auf Zypern werden ganz direkt betroffen sein. Zum Beispiel die Beschäftigten der britischen Militärbasen auf der Insel. Obwohl der Union Jack 1960 in der Inselhauptstadt Nikosia eingeholt wurde, weht er weiter auf den beiden britischen Stützpunkten Akrotiri und Dhekelia.

Die insgesamt 253 Quadratkilometer großen Basen, auf denen rund 3000 britische Soldaten und ihre Familien leben, gehören nicht zum EU-Staat Zypern, sondern stehen unter britischer Jurisdiktion. Rund 11.000 zyprische Zivilisten arbeiten und leben dort mit ihren Familien. Ihr Status ist bei einem harten Brexit ebenso ungewiss wie die künftigen Aufenthaltsrechte der 65.000 Briten, die auf Zypern leben.

Überwiegend handelt es sich um Pensionäre, die auf der Insel im östlichen Mittelmeer ihren Ruhestand verbringen.

Nach Griechenland und Deutschland ist das Vereinigten Königreich der drittgrößte Handelspartner Zyperns. Ob das so bleibt, ist fraglich. Man könne die Folgen eines ungeordneten Brexits für den bilateralen Handel überhaupt noch nicht zuverlässig abschätzen, heißt es bei der zyprischen Industrie- und Handelskammer (Kebe).

In der zyprischen Regierung spielt man seit Monaten alle möglichen Szenarien durch. „Das Thema ist eine große Herausforderung“, sagt Regierungssprecher Prodromos Prodromos. „Die einzelnen Ministerien sind angewiesen, alle Aspekte durchzugehen, wenn es zu einem harten Brexit kommt“, erklärt Prodromos. Man habe bereits gesetzliche Regelungen für Themen wie den Handel, den Personenverkehr und Dienstleistungstransaktionen vorbereitet, berichtet der Regierungssprecher.

Aber der Brexit birgt für Zypern nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Das sieht, wer jetzt auf der Autofähre „Spirit of Britain“ den Ärmelkanal überquert. Am Heck flattert seit kurzem die zyprische Flagge, wie auch auf dem Schwesterschiff „Spirit of France“. Die Fähren, die zwischen Dover und Calais pendeln, gehören der britischen Reederei P&O Ferries.

„In Anbetracht des britischen Ausscheidens aus der EU am 29. März 2019 haben wir den Flaggenstatus unserer Schiffe im Ärmelkanal überprüft und uns entschieden, alle unsere Schiffe künftig unter der Flagge Zyperns zu betreiben“, erklärte eine P&O-Sprecherin der zyprischen Nachrichtenagentur CNA.

Die Reederei nutze damit „die erheblich günstigere Tonnagesteuer-Regelung“ des EU-Landes Zypern, erläuterte die Sprecherin. Bei der so genannten Tonnagegewinnermittlung richtet sich die Steuer nicht nach dem tatsächlichen Gewinn, den ein Reeder mit einem Schiff erzielt, sondern pauschal nach dessen Größe.

In Kürze sollen auch die weiteren vier Fähren, die P&O im Kanal einsetzt, „Pride of Kent“, „Pride of Canterbury“, „Pride of Burgundy“ und „European Seaway“ unter der Flagge Zyperns fahren. Das Unternehmen will damit sicherstellen, auch in Zukunft günstige EU-Steuerregelungen anwenden zu können.

Der gute Ruf der zyprischen Flagge und attraktive Steuern seien die größten Vorteile der Inselrepublik, sagt Thomas Kazakos, Generaldirektor der zyprischen Schifffahrtskammer CSC. In der zyprischen Hafenstadt Limassol hofft man, dass bald weitere britische Reedereien Schiffe in Zypern registrieren und dort Dependancen eröffnen. „Es gibt großes Interesse“, berichtet die für die Handelsschifffahrt zuständige Staatssekretärin Natasa Pilides.

Schon jetzt ist Zypern ein wichtiges Schifffahrtszentrum. Die Insel erhebt weder Steuern auf die Betriebsgewinne der dort registrierten Schiffe, noch auf Dividenden der dort ansässigen Reedereien. Das Land hat die drittgrößte Handelsflotte in der EU. Mehr als 200 Reedereien und Schiffsmanagement-Unternehmen unterhalten inzwischen Niederlassungen auf Zypern.

Die Schifffahrt steuert sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und sichert fast jeden zehnten Arbeitsplatz.

Der Brexit mache Zypern zu einem attraktiven Standort, nicht nur für die Schifffahrt, glaubt man bei der staatlichen Investitionsförderungsagentur Invest Cyprus. Man bemühe sich bereits seit längerem verstärkt um britische Unternehmen, die ihre Präsenz in der EU sichern möchten, sagte der Generaldirektor der Agentur, Giorgos Kambanellas, jetzt dem Sender Sigma TV.

Zypern besteuert Unternehmensgewinne nur mit 12,5 Prozent. Das macht die Insel attraktiv. „Wir schweben aber nicht in den Wolken, sondern bleiben realistisch“, sagte Kambanellas, „denn wir wissen natürlich, dass Zypern von London sehr weit weg ist.“

Nicht nur das Schifffahrts- und das Firmenregister Zyperns könnten vom Brexit profitieren. Auch zyprische Immobilienmakler und Anwaltskanzleien wittern gute Geschäfte. Seit 2013 lockt Zypern wohlhabende Ausländer aus Nicht-EU-Staaten mit „Goldenen Pässen“, wenn sie auf der Insel Immobilien erwerben. Wer mindestens zwei Millionen Euro investiert, kann die zyprische Staatsbürgerschaft erhalten – und wird damit EU-Bürger.

2390 Investoren wurden eingebürgert, so ein vertrauliches Papier des zyprischen Innenministeriums vom November 2018, das an die Öffentlichkeit gelangte. Bisher machten vor allem Russen, Ukrainer, Chinesen, Iraner und Saudis von dem Programm Gebrauch.

Anwälte und Wirtschaftsberater, die am Geschäft mit den Einbürgerungen mitverdienen, erwarten, dass angesichts des Brexits jetzt auch vermehrt britische Staatsbürger, die bereits auf der Insel leben, sich für einen zyprischen Pass interessieren werden. Allerdings dürften nicht viele der britischen Expats über das erforderliche Eintrittsgeld von zwei Millionen Euro verfügen.

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