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Llanelli

Die Kleinstadt liegt an der walisischen Küste und hat 35.000 Einwohner.

(Foto: Photo by Sean Alabaster on Unsplash)

EU-Austritt In Wales wächst die Angst vor dem Brexodus – weil Schaeffler ein Werk schließt

Der deutsche Autozulieferer Schaeffler schließt eine Fabrik in der walisischen Kleinstadt Llanelli. Dennoch hält die Mehrheit der Menschen am Brexit fest. Ein Ortsbesuch.
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Llanelli „Wir sind umgezogen“ steht an den Schaufenstern, die Geschäfte dahinter sind leer. Überlebt haben in der Fußgängerzone von Llanelli nur die Discounter, Second-Hand-Läden und Wettbüros. Ein Pfandleiher ist auch noch da. Es sind die untrüglichen Anzeichen, dass die lokale Wirtschaft in der Krise steckt.

Und jetzt zieht auch noch Schaeffler weg. Im kommenden Jahr macht die Fabrik am Ortsrand dicht. Die Ankündigung des deutschen Autozulieferers in der vergangenen Woche trifft das walisische 35.000-Einwohner-Städtchen schwer. Schaeffler beschäftigt 220 Menschen direkt, noch einmal so viele sind abhängig von der Fabrik. In der strukturschwachen Region zählt jeder Job, und viele Anwohner befürchten, dass dies nur der Auftakt einer größeren Abwanderung ist.

„220 sichere, gutbezahlte Jobs lassen sich nicht so schnell ersetzen“, sagt Gareth Jones von der Gewerkschaft Unite. Er vertritt 140 der 220 Mitarbeiter. Man rede nun mit dem Management darüber, wie die Schließung der beiden Standorte Llanelli und Plymouth sozialverträglich gestaltet werden kann. Einige Arbeiter könnten womöglich nach Sheffield wechseln. Das ist der einzige britische Standort, den Schaeffler behalten will. Nur wenige seien bereit, nach Deutschland zu ziehen, sagt Jones.

Das Verständnis für Schaeffler ist im Ort überraschend groß. „Wenn eine Firma zwei identische Fabriken hat, eine in Großbritannien und eine in Deutschland oder Frankreich, wird sie natürlich die in Großbritannien schließen“, sagt der Kommunalpolitiker Deryk Cundy. „Wegen der Unsicherheit durch den Brexit.“

Die Schließung der alteingesessenen Firma ist nicht nur ein lokales Thema, sie befeuert auch die nationale politische Debatte. Brexit-Gegner sehen ihre Warnungen bestätigt, dass der Ausstieg aus der EU Arbeitsplätze kosten wird. Brexit-Befürworter hingegen spielen die Tragweite herunter: Die Firma benutze den Brexit nur als Vorwand für eine ohnehin fällige Entscheidung.

Der deutsche Autozulieferer will seine Fabrik in Llanelli schließen
Schaeffler

Der deutsche Autozulieferer will seine Fabrik in Llanelli schließen

Schaeffler hatte die Schließung mit weltweitem Konsolidierungsbedarf begründet: Der Absatz verlagert sich nach Asien, in Europa gibt es Überkapazitäten. Der Brexit sei nicht die Ursache, sondern habe die Entscheidung nur beschleunigt, hatte Europachef Jürgen Ziegler verkündet.

Lee Waters ist überzeugt, dass das Management die Bedeutung des EU-Austritts untertreibt. „Der Brexit war der Auslöser“, sagt der Labour-Politiker. Der 42-Jährige vertritt Llanelli seit zweieinhalb Jahren im walisischen Regionalparlament. Ein Schaeffler-Manager habe ihm bei einem Treffen gesagt: „Wir sind ein globales Unternehmen, und globale Unternehmen wollen offene Grenzen und freien Handel“.

Waters hatte die Wähler vor dem Referendum 2016 vor den wirtschaftlichen Folgen gewarnt. Sie stimmten trotzdem mehrheitlich für den Brexit. „Es ist ein grausames Paradox“, sagt er. „Sie haben gedacht, es könnte nicht schlimmer werden. Doch es kann immer schlimmer werden.“

Wenige Arbeitsplätze

Llanelli liegt in einer der ärmsten Gegenden im Königreich. „The Valleys“ wird dieser Teil von Wales genannt, die Landschaft ist wunderschön, aber an Arbeitsplätzen hapert es. Früher schlug hier das Herz der Schwerindustrie.

Seit den 1970er-Jahren sind in dem einstigen Kohle- und Stahlrevier zehntausende Jobs verloren gegangen. Das Einkommen liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt, mehr Menschen beziehen Sozialleistungen, und junge Leute ziehen nach England, um Arbeit zu finden. „Die Menschen hier fühlen sich abgehängt“, sagt Waters.

Der Wegzug Schaefflers bestätigt den Eindruck der Menschen, dass es weiter bergab geht. Ihre Einstellung zum Brexit wollen viele jedoch nicht ändern. „Ich kann es kaum erwarten, dass wir endlich rausgehen aus der EU“, sagt Marc Williams in der Fußgängerzone. Die Regierung solle die Verhandlungen in Brüssel endlich abschließen. Der Brexit habe mit der Fabrikschließung nichts zu tun, sagt der 56-jährige Sicherheitsmann. „Das ist nur eine Ausrede.“

Auch der Abgeordnete Waters glaubt nicht, dass die Stimmung in der Leave-Gegend sich grundlegend gewandelt hat. Auf seinen Facebook-Post zur Fabrikschließung hat er zahlreiche wütende Antworten von Brexit-Befürwortern bekommen. Die Bevölkerung sei weiterhin gespalten, sagt er.

In landesweiten Umfragen ist die Stimmung inzwischen leicht gekippt: Eine knappe Mehrheit würde nun für den Verbleib in der EU stimmen. Das hatten die Umfragen vor dem Referendum 2016 allerdings auch vorhergesagt. Die Unzufriedenheit über den Stand der Brexit-Verhandlungen ist auf allen Seiten groß.

Am Dienstagabend verkündete die britische Regierung nun, dass sich die Unterhändler aus der EU und Großbritannien auf die Abschiedsmodalitäten für den Brexit geeinigt haben. Es liege ein Entwurf eines Austrittsabkommens vor, verkündete London. Am Mittwoch ab 15 Uhr soll das britische Kabinett über den mit Brüssel vereinbarten Entwurf und die weiteren Schritte diskutieren. Der Entwurf des Brexit-Abkommens soll mehrere Hundert Seiten umfassen.

Doch die Aussicht, künftig weiter den EU-Regeln folgen zu müssen, ohne mitreden zu können, verletzt den Nationalstolz in Llanelli. Brexit-Befürworter werfen Premierministerin Theresa May vor, schlecht verhandelt zu haben. Brexit-Gegner hingegen sehen das Problem im Brexit selbst: Es könne keinen guten Deal geben, der Austritt stelle das Land zwangsläufig schlechter.

In Llanelli fürchten sie nun, dass andere Unternehmen dem Beispiel Schaefflers folgen werden. Das Herzogenauracher Familienunternehmen ist nicht der einzige ausländische Arbeitgeber in der Region. Der indische Tata-Konzern betreibt das letzte große Stahlwerk, die spanische Firma Gestamp und die japanische Calsonic Kansei beliefern die Autohersteller. Wie Schaeffler exportieren sie einen Großteil ihrer Produktion. „Ich glaube, es ist unvermeidlich, dass weitere Firmen in der Autobranche ihre Fabriken schließen“, sagt Gewerkschafter Jones.

Die britische Autoindustrie schwächelt gerade wieder. Nachdem sie in den vergangenen Jahren dank ausländischer Investitionen ein Comeback erlebt hat, lässt die Imagekrise des Dieselmotors den Absatz einbrechen. Die Schaeffler-Mitarbeiter beobachten bereits seit Längerem, wie die Aufträge zurückgehen. Ein Teil der Fabrik wurde schon nicht mehr genutzt, zuletzt war auch Kurzarbeit angesagt.

Jones rattert eine ganze Liste mit Namen herunter, die in den vergangenen Jahren zugemacht haben. Jedes Mal gingen gut bezahlte Industrie-Arbeitsplätze verloren. Ersetzt würden sie immer nur durch Mindestlohn-Jobs, sagt der Gewerkschaftsmann und zeigt im Café auf die beiden Baristas an der Kaffeemaschine. „Die armen Kerle.“

Die Probleme des Strukturwandels ähneln sich überall auf der Welt. In Wales könnte der Brexit die Lage nun noch verschlimmern. „Wir fallen zurück“, sagt Professor David Blackaby von der Swansea University. Er forscht zur regionalen Wirtschaft, und was er sieht, macht ihm Sorgen. Wales liege schon in der Peripherie. Wenn künftig auch noch die Lastwagen vor dem Eurotunnel feststecken, würde es noch unattraktiver, dort zu investieren, sagt er.

Die walisische Regionalregierung wird künftig auch auf die Milliarden aus den EU-Strukturfonds verzichten müssen, mit denen sie seit Jahrzehnten ihre Industrie fördert. Zwar hat die britische Regierung versprochen, die Förderung aus dem nationalen Haushalt zu ersetzen. Doch in Wales wird vermutet, dass die mehrheitlich englischen Abgeordneten im britischen Unterhaus langfristig die Mittel eher in ihre eigenen Wahlkreise lenken.

Die ersten Anzeichen der Vernachlässigung sind bereits zu erkennen: Die Regierung in London hat kürzlich zwei Großprojekte in Wales gestoppt, eine Anlage zur Energiegewinnung aus dem Meer vor Swansea und die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Cardiff nach Swansea. „Unsere Züge fahren immer noch mit Diesel“, sagt Blackaby. „So wie in Albanien und der Republik Moldau.“

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