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Produktion bei Land Rover

Der Konzern will Arbeitsplätze aus Großbritannien verlagern.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

EU-Austritt Was der Brexit bis jetzt schon gekostet hat

Jeder zusätzliche Tag der Brexit-Verhandlungen schadet der Wirtschaft. Schon jetzt zögern Unternehmen mit Investitionen oder verlagern Stellen ins Ausland.
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London Seit Monaten schon hatte Philips gewarnt, vor wenigen Tagen nun zog das Management Konsequenzen. Der niederländische Elektronikkonzern kündigte die Schließung seiner letzten verbliebenen Produktionsstätte in Großbritannien an.

Ab 2020 sollen die Avent-Babyfläschchen nicht mehr in Glemsford produziert werden, sondern in den Niederlanden und in Asien. Rund 500 Arbeitsplätze nordöstlich von London gehen dabei verloren.

Es ist eine wiederkehrende Geschichte im Brexit-Land: Obwohl gut zweieinhalb Jahre nach dem Referendum immer noch nicht entscheiden ist, welche Gestalt der Brexit am Ende annehmen wird – auch die jüngste Abstimmung im britischen Unterhaus am Dienstagabend schafft keine Klarheit –, ist der Exodus der Unternehmen längst voll im Gang. Jobs werden gestrichen, Investitionen aufgeschoben, Zentralen ins Ausland verlagert.

Viele Firmen wollen nicht zugeben, dass das mit dem Brexit zusammenhängt. Sie fürchten einen Kundenboykott. Doch der Trend wird immer sichtbarer, je näher der Brexit-Tag am 29. März rückt. Die angekündigten Stellenverlagerungen gehen mittlerweile in die Tausende. Allein dem Finanzsektor gehen laut dem Brexit-Tracker der Unternehmensberatung EY in nächster Zeit 7.000 Arbeitsplätze verloren. Langfristig könnten es noch deutlich mehr werden.

Der britische Unternehmerverband CBI warnte bereits im Herbst, dass fast die Hälfte seiner Mitglieder die Notfallpläne für den ungeordneten Brexit aktiviert hätten. Am Mittwoch nun sagte CBI-Chefin Carolyn Fairbairn der BBC: „Ich befürchte, dass sie sie sogar beschleunigen.“

Dass Premierministerin Theresa May am Dienstag vom Unterhaus den Auftrag bekam, in Brüssel noch einmal den EU-Austrittsvertrag nachzuverhandeln, alarmiert die Firmen zusätzlich. Sie glaube nicht, dass „es nur ein einziges Unternehmen gibt, das seine Planungen für einen No Deal stoppt“, sagte Fairbairn.

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Noch deutlicher wurde Tom Enders, Chef des Flugzeugbauers Airbus. „Hört nicht auf den Wahnsinn der Brexit-Befürworter, die behaupten, nur weil wir große Standorte hier haben, würden wir für immer hierbleiben“, sagte der Deutsche in einer Videobotschaft kürzlich. „Sie irren.“ Wenn es zum ungeordneten Brexit komme, „müssen wir bei Airbus möglicherweise sehr schädliche Entscheidungen für Großbritannien treffen“.

Zwar sei es nicht möglich, die Fabriken von Airbus „augenblicklich in andere Teile der Welt zu verlagern“, sagte der Vorstandsvorsitzende, „doch die Luftfahrt ist ein langfristiges Geschäft – und wir könnten gezwungen sein, künftige Investitionen im Falle eines No-Deal-Brexits umzulenken.“

In der Autobranche werden längst neue Prioritäten gesetzt, Lieferketten umgebaut, Kapazitäten neu ausgerichtet. So schließt der deutsche Autozulieferer Schaeffler zwei von drei britischen Werken. Verlorene Arbeitsplätze: 570. Der Brexit sei nicht die Ursache gewesen, erklärte das Management, habe die Entscheidung aber beschleunigt. Auch der größte britische Autohersteller Jaguar Land Rover (JLR) hat gerade 4 500 weitere Stellenstreichungen angekündigt. Sie sind Teil eines im vergangenen Jahr vorgestellten Sparprogramms. Das sei nicht nur auf den Brexit zurückzuführen, heißt es, ähnlich wie bei Philips und Schaeffler. Aber der politische Rahmen bildet immer den Hintergrund für strategische Entscheidungen.

Die Brexit-Sorgen der Firmen lassen sich auch an der Statistik ablesen. „In den Jahren 2015 bis 2017 sind die Investitionen der Unternehmen im Schnitt um drei Prozent gestiegen“, sagt Volkswirt Florian Hense von der Berenberg Bank. Im Jahr 2018 hätten sie stagniert. „Diese Stagnation ist zum Teil mit der Entwicklung der Weltwirtschaft zu erklären“, sagt Hense. „Der Brexit hat aber bei diesem Rückgang sicher eine vergleichbare Rolle gespielt – das zeigen nicht zuletzt die Aussagen von Unternehmen wie Airbus, Sony oder Dyson.“

Die Ankündigung des britischen Staubsaugerkönigs James Dyson, die Firmenzentrale nach Singapur zu verlegen, hatte offiziell ebenfalls nichts mit dem Brexit zu tun. Auch sind zunächst keine größeren Jobverluste damit verbunden, nur zwei Manager sollen umziehen. Doch die Symbolik des Wegzugs ist verheerend, und künftig dürfte das Geld verstärkt nach Asien fließen.

Im Finanzsektor hingegen wurde die einschneidende Rolle des Brexits frühzeitig offen angesprochen. Die großen Banken zählten zu den ersten Unternehmen, die ihre Notfallpläne aktivierten. Ihnen blieb auch keine andere Wahl, weil die europäischen Bankenaufseher strikte Mindestanforderungen stellen, wie viel Kapital und Personal Geldhäuser in der EU vorhalten müssen.

Laut der Unternehmensberatung EY plant mehr als die Hälfte der Londoner Banken und Brokerhäuser, einen Teil ihrer Operationen auf den Kontinent zu verlegen. Dreißig davon haben sich für den Standort Frankfurt entschieden. Die Bank of America etwa wird laut dem Finanzdienst Bloomberg in den kommenden Wochen die ersten Mitarbeiter auf den Kontinent verlagern. Bis zum 29. März sollen 200 zusätzliche Mitarbeiter in Paris und Frankfurt vor Ort sein. Insgesamt sollen 400 Stellen aus London verlagert werden.

In einer ähnlichen Größenordnung bewegen sich die Planungen bei den anderen Banken: Bei der Deutschen Bank sind es laut Bloomberg 500 Jobs, das Geldhaus selbst spricht nur von „einigen Hundert“. Bei Goldman Sachs ist von 700 die Rede, obwohl die Bank das nicht bestätigen will.

Goldman-Chef David Solomon sagte vergangene Woche in einem BBC-Interview nur, es gebe einen Einstellungsstopp in Großbritannien, während auf dem Kontinent seit zwei Jahren ausgebaut werde. Ein „schwieriger Brexit“ würde die Investitionspläne der Bank beeinflussen, warnte er. Aus Kostengründen versuchen die Banken bisher, so wenig Personal wie möglich zu bewegen.

Auch Kapital wird bereits im großen Stil umgeschichtet. Rund 800 Milliarden Euro an Vermögenswerten sollen in den kommenden Monaten allein nach Frankfurt fließen, schätzt Hubertus Väth vom Lobbyverband Frankfurt am Main Finance. Die Gesamtsumme europaweit dürfte deutlich höher liegen, die Banken halten sich zu ihren internen Operationen bedeckt. Große Handelsplattformen wie CME Group, Tradeweb und selbst eine Tochter der London Stock Exchange verlegen wichtige Teile ihres Geschäfts nach Amsterdam. Darunter ist auch Brokertec, Europas größter Markt für kurzfristige Anleihen mit einem Tagesvolumen von 240 Milliarden Dollar.

Eine Hoffnung gibt es für die Briten. „Wenn sich abzeichnet, wie eng die zukünftige Beziehung von Großbritannien zur EU ist, könnte sich die Investitionslaune der Unternehmen wieder aufhellen“, sagt Hense. Allerdings glaubt niemand, dass Unternehmen ihre bereits getätigten Investitionsentscheidungen wieder rückgängig machen.

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