EU-Institutionen Der Kampf um die lukrativen Brexit-Brocken

Zwei EU-Institutionen aus London brauchen ein neues Zuhause. Die Bewerber stehen nun fest, das Rennen ist eröffnet. Manche Städte werben mit Mieten von einem Euro pro Monat.
Kommentieren
Es zeichnet sich ein hitziges Schachern um die Behörden ab. Quelle: AP
London

Es zeichnet sich ein hitziges Schachern um die Behörden ab.

(Foto: AP)

LondonEs ist ein EU-Verfahren, das man in Großbritannien zu vermeiden hoffte – doch vergeblich: Im Zuge des Brexit müssen die beiden europäischen Behörden EMA und EBA aus London auf den Kontinent ziehen. Am Dienstag veröffentlichte die EU die Namen derjenigen Städte, die gerne die neue Heimat für die europäische Bankenaufsicht EBA oder die Arzneimittelbehörde EBA werden wollen. Die zwei Listen sind lang, vor allem die der Anwärter für die EMA: 19 Städte haben sich beworben – von A wie Athen bis Z wie Zagreb. Für die EBA liegen acht Bewerbungen vor.

Die Stadt, die den Zuschlag für EMA oder EBA erhält, kann auf üppige Einnahmen hoffen. Beide Behörden richten jährlich zahlreiche Konferenzen und Veranstaltungen mit Experten aus aller Welt aus. Das allein bringt rund 40.000 Hotelübernachtungen pro Jahr mit sich. Zudem beschäftigen sie zusammen rund 1100 Mitarbeiter – gut bezahlte Experten.

Für die Briten ist der Wegzug natürlich ein Dorn im Auge, zumal in den jeweiligen Branchen auch befürchtet wird, dass die Arbeit erschwert wird. Gerade in der Pharmabranche ist man enttäuscht. „Wir arbeiten eng mit der EMA zusammen“, berichtet die Angestellte einer in Großbritannien ansässigen Firma. „Oft müssen wir Prozesse zusammen durchsprechen. Da ist es natürlich leichter, wenn man nicht weit voneinander entfernt ist.“ Auf der Insel hatten viele bis zuletzt gehofft, dass man den Wegzug der Behörden vermeiden kann.

Es zeichnet sich ein hitziges Schachern um die beiden Behörden ab. Bereits lange bevor die offiziellen Bewerbungen in Form von Hochglanzbroschüren und Videos vorlagen, war Streit entbrannt. „Die Bankaufsicht soll nach Brüssel?“, empörte sich Presseberichten zufolge ein irischer Abgeordneter – das sende ja wohl ein schlechtes Signal, schließlich seien bereits Europäischer Rat und das Parlament in Brüssel ansässig. In Irland ist man natürlich für Dublin – die Stadt hat Bewerbungen sowohl für EBA als auch EMA eingereicht.

Aus Deutschland haben sich Frankfurt und Bonn auf die Liste setzen lassen, Bonn für die EMA, Frankfurt – wenig überraschend – für die Bankenaufsicht. „Frankfurt ist sicherlich der Favorit“, sagt Europa-Experte Bert Van Roosebeke vom cep Centrum für Europäische Politik mit Blick auf die Liste der EBA-Kandidaten. Die Frage sei jedoch, welche Zugeständnisse die Bundesregierung machen müsste, um den Zuschlag zu erhalten. „Denkbar wäre es, dass der in Paris ansässigen ESMA ein Mandat für den Verbraucherschutz in der gesamten Finanzwirtschaft übertragen wird – doch ob man das in Kauf nehmen will, ist fraglich“, sagt Van Roosebeke. Letztlich ist es seiner Meinung nach eine politische Entscheidung, wer das Rennen machen wird. „Frankfurt und Paris haben sicherlich die besten Chancen. Die Voraussetzungen dürften aber alle acht Städte, die sich beworben haben, erfüllen“.

Zu diesen Voraussetzungen gehören die Verkehrsanbindung der Stadt, die Infrastruktur für die Mitarbeiter, etwa mit Blick auf Schulen, die Arbeitsbedingungen und das Gesundheitssystem und die Möglichkeit eines schnellen und problemlosen Umzugs.

Die attraktivsten Städte für Londoner Banker
Wohin zieht es die Banken nach dem Brexit?
1 von 11

Es werden immer mehr Stimmen laut, dass sowohl englische als auch ausländische Banken Arbeitsplätze nach Paris oder Frankfurt verlagern werden. Doch eine Studie von Movinga zeigt: Für Banker sind die beiden europäischen Metropolen keinesfalls die attraktivsten Städte. Die Online-Umzugsplattform hat anhand verschiedener Kriterien – unter anderem Abgabenhöhe, Englisch-Freundlichkeit, Mieten, Kosten für den Lebensunterhalt und Flugminuten nach London – die lebenswertesten Städte für Londoner Banker zusammengestellt.

Platz 10: Mailand
2 von 11

Die zweitgrößte Stadt Italiens ist für Londoner Banker im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen eher unattraktiv: Das liegt der Studie zufolge vor allem an der 130-minütigen Flugstecke, den hohen Mieten für Top-Wohnungen – fast 3000 Euro im Mittel – und dem geringen Anteil englischsprachiger Bewohner der Stadt.

Platz 9: Paris
3 von 11

Manche Finanzexperten prophezeien zwar, dass die französische Hauptstadt nach dem Brexit zum neuen Finanzzentrum Europas wird. Im Preis-Leistungsverhältnis schneidet Paris aber deutlich schlechter als andere europäische Metropolen ab, was insbesondere an dem enorm hohen Einkommensteuersatz von 49 Prozent und an den horrenden Lebenshaltungskosten liegt. Das obere Mietpreissegment beträgt fast 3.400 Euro im Monat, für die Mitgliedschaft in einem Luxus-Fitnessstudio werden mehr als 100 Euro monatlich fällig und für einen Cocktail am Abend im Mittel zwölf Euro.

Platz 8: Madrid
4 von 11

In der spanischen Hauptstadt müssen Londoner Banker weniger tief ins Portemonnaie greifen. Für eine Top-Wohnung zahlen sie in Madrid etwas mehr als 2.400 Euro, der maximale Einkommensteuersatz beträgt 42 Prozent. Allerdings müssen die Banker bei einer Flugzeit von 155 Minuten mehr als doppelt so viel Zeit einplanen, wenn sie Freunden und Bekannten in der ehemaligen Heimat London einen Besuch abstatten möchten.

Platz 7: Hamburg
5 von 11

Die deutsche Hansestadt könnte für einige Banker aus London zur neuen Heimat werden: Dort sprechen – im Vergleich zu Madrid, Paris und Mailand – laut Untersuchung deutlich mehr Menschen Englisch, die deutsche Metropole ist nur 90 Flugminuten von London entfernt und die durchschnittlichen Mieten für Top-Wohnungen sind vergleichbar mit denen in der spanischen Hauptstadt. Mit fast 48 Prozent ist in Hamburg der maximale Einkommensteuersatz allerdings vergleichsweise hoch.

Platz 6: Frankfurt
6 von 11

Noch lebenswerter für Banker als Hamburg ist Frankfurt. Dennoch schafft es die ohnehin schon weltweit als deutsche Finanzmetropole bekannte Großstadt nicht unter die Top fünf der attraktivsten europäischen Städte für Londoner Banker. Der Grund: hohe Abgaben, hohe Mieten und Lebenshaltungskosten. Für eine Hausreinigung werden schon mal 144 Euro fällig, für eine Mitgliedschaft im Luxus-Fitnessstudio 99 Euro und für einen Cocktail am Abend neun Euro.

Platz 5: Brüssel
7 von 11

Der Hauptsitz der europäischen Politik kann trotz eines hohen Einkommensteuersatzes vor allem mit der Nähe zu London (70 Flugminuten) und vergleichsweise geringen Mieten für Top-Wohnungen punkten. Im Schnitt betragen diese in Brüssel etwa 1.500 Euro monatlich.

Neben Frankfurt und Paris haben sich Brüssel, Dublin, Prag, Luxemburg, Wien und Warschau für den EBA-Sitz beworben. Zum Teil mit konkreten Versprechen: Luxemburg etwa versucht, die EBA mit der Aussicht auf ein neues Bürogebäude namens „Moonlight“ zu locken – mietfrei. Auch Wien will bei einem Zuschlag für die kommenden 25 Jahre gerade einmal einen Euro Miete für das neue Zuhause von EMA oder EBA verlangen. Derart großzügig ist man in Frankfurt nicht. Hier verweist man in der Bewerbung lediglich darauf hin, dass man verhandlungsbereit sei.

Auf die EMA machen sich Athen, Barcelona, Bonn, Bratislava, Brüssel, Bukarest, Kopenhagen, Dublin, Helsinki, Lille, Mailand, Porto, Sofia, Stockholm, Malta, Wien, Warschau und Zagreb Hoffnungen. Laut Reglement kann ein Land nur eine der beiden Agenturen bekommen. Die Entscheidung wird im November nach einer geheimen Abstimmung im EU-Ministerrat fallen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: EU-Institutionen - Der Kampf um die lukrativen Brexit-Brocken

0 Kommentare zu "EU-Institutionen: Der Kampf um die lukrativen Brexit-Brocken"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%